Wir alle sind richtig so, wie wir sind

PrideGuide 2022 – Artikel von: Stefan, Paule und Nik vom Team Wohnen und Betreuung

Wohnen und Betreuung ist ein Angebot der Münchner Aids-Hilfe. Menschen mit HIV und Aids sowie die Mitglieder der LGBTIQ*-Community sollen ein selbstbestimmtes Leben führen. Dieses Angebot unterstützt im Alltag und bietet Wohnmöglichkeiten.

Die PrideWeek ist laut, bunt und schrill. Wir machen uns sichtbar, zeigen uns und unseren Stolz auf das, was wir sind. Dabei könnte man meinen, Queerness besteht nur aus Party, Spaß und Feiern und allen gehe es gut. Aber der queere Alltag ist auch im Jahr 2022 nicht so entspannt, wie man in der Euphorie der PrideWeek vermuten könnte. Unser Queer-Sein ist von der Mehrheitsgesellschaft noch lange nicht so akzeptiert, wie wir uns das wünschen, wie es sein sollte. Unsere Community ist weiterhin besonderen gesellschaftlichen, politischen und individuellen Belastungsfaktoren ausgesetzt - und auch die Community selbst ist nicht frei von Anfeindungen und Diskriminierung. So müssen sich einige von uns in alltäglichen Situationen häufig rechtfertigen, erklären oder sogar verteidigen. Das kostet Mut und Kraft. Verstecken, Unterdrücken des Selbst, der Lebensweise, der Identität können die Folge sein. Egal wie - es ist erschöpfend und eine massive psychische Belastung, die oft in therapeutischen Kontexten oder in psychosozialen Angeboten der Mehrheitsgesellschaft nicht mitgedacht wird. Genau deshalb braucht es immer noch besondere Angebote, die auf die Lebenswelt der Community zugeschnitten sind.

Stigmata, Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt
Wir vom Bereich Wohnen und Betreuung der Münchner Aids-Hilfe begleiten Menschen aus der LGBTIQ*-Community mit psychiatrischen Diagnosen mit und ohne HIV. Wir unterstützen sie ambulant im Alltag, helfen, sich im Kontakt mit Behörden zurecht zu finden, ein funktionierendes Ärzt*innen- und Therapeut*innen-Netzwerk aufzubauen, versuchen, Halt in psychischen Tiefphasen zu bieten und Vieles mehr. In unserer Arbeit begegnen uns dabei unterschiedlichste Menschen, die aufgrund ihres individuellen Seins und/oder Lebensentwurfs verschiedensten Stigmata, Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt waren und sind. Diskriminierung ist ein klares gesellschaftliches und strukturelles Phänomen. Gleichzeitig ist das Erleben von Diskriminierung auch immer individuell. Eine trans* Person, die ständig darum kämpfen muss, mit dem richtigen Namen oder Pronomen angesprochen zu werden; eine erwachsene POC (Person of Color), die von wildfremden Menschen ständig geduzt wird; eine lesbische cis Frau, die von homophoben Anfeindungen in ihrer Nachbarschaft berichtet oder auch ein HIV-positiver cis Mann, der bei einem Krankenhausaufenthalt von Ärzt*innen aufgrund seiner HIV-Erkrankung als Gefährdung wahrgenommen und als infektiös bloßgestellt wird, obgleich es keinerlei reale Gefährdung im sozialen Miteinander des Krankenhausalltags gibt. So könnten wir noch zig weitere Beispiele nennen. Diskriminierung passiert offen und gewollt, passiert aber auch unbewusst bzw. unbeabsichtigt. Dabei entscheidend ist weniger, dass jemand nicht diskriminieren möchte, sondern dass das Gegenüber sich diskriminiert fühlt. Unsere Praxiserfahrung deckt sich mit dem „Journal of Health Monitoring“ des RKI von 2020. Das RKI beschreibt hier in dem Artikel „Die gesundheitliche Lage von lesbischen, schwulen, bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen 2020“, dass diese alltäglichen (Mikro-)Aggressionen Minderheitenstress verursachen, der zu einer höheren Anfälligkeit für psychische Erkrankungen führt, eine schon bestehende psychische Erkrankung verstärkt oder eine solche verursachen kann.

Mitwirken, die Lücke im sozialpsychiatrischen Versorgungsnetzwerk Münchens zu schließen
Uns ist es wichtig, dass von psychischer Krankheit betroffene Menschen aus der Community ein Versorgungsangebot finden, das ihre Lebenswelt berücksichtigt und in dem sie nicht erneut Diskriminierung und/oder Ignoranz erleben. Daher verstehen wir vom Bereich Wohnen und Betreuung der Münchner Aids-Hilfe die Awareness für Diskriminierung mit ihrer Vielgesichtigkeit als unerlässlichen Teil unserer sozialpädagogischen Fachlichkeit. Unser Setting soll nicht nur ein Schutzraum für die Community sein, sondern auch mitwirken, die Lücke im sozialpsychiatrischen Versorgungsnetzwerk Münchens zu schließen. Wir alle sind richtig so, wie wir sind! ●

Infos online: Wohnen und Betreuung

PDF-Download: PrideGuide 2022

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