Community-Blog

Vielfalt in Wort und Meinung

Pride ist jeden Tag, und Diversity bedeutet: Vielfalt der Perspektiven. Daher ist hier im Community-Blog kreativer Raum für Eure Gedanken zu gesellschafts- und sozialpolitischen Themen, zur Lage der queeren Nation und gerne auch für was Euch persönlich im Leben bewegt. Alle können hier veröffentlichen.

Wer einen Beitrag verfassen möchte, kontaktiert den Community-Blog unter info@csdmuenchen.de: kurze Texte, lange Texte, Bilderbeiträge, gesprochene Inhalte (mp3), Videobeträge etc. – dein Inhalt, dein Medium. Einzige Regel: keine Beleidigungen, Diskriminierung oder offene Verachtung.

Wichtiger Hinweis zu den Beiträgen

Bei den folgenden Beiträgen handelt es sich um persönliche Sichtweisen, Meinungen oder Erzählungen der hier genannten Autor*innen. Diese stellen nicht unbedingt die Meinung oder Überzeugung der CSD München GmbH dar. Feedback oder Anregungen gerne immer unter info@csdmuenchen.de.

Blog-Beiträge

Sie, Er, Ich

So, 9. Mai 2021 - Von Patricia Schüttler und Sandra Höstermann-Schüttler

Ach ja, unsere Medien. Erneut stellt sich ein Bericht über Transidentität bzw. eine mögliche "Komplikation", wenn man es überhaupt so bezeichnen möchte, als relativ polarisierend dar. Das ist unser Kommentar zum Artikel von Thorsten Schmitz über eine Detransition in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Mai 2021.

Es ist Fakt, dass gerade in den vergangenen Jahren die Zahl derer zunimmt, die sich mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren können und daher den Transweg (Transition) für sich als Lösung ihrer extremen psychischen Belastung ansehen. Erfahrungsgemäß stellt sich dieser Weg allerdings als korrekt dar und selbst bei den vielen Möglichkeiten von Komplikationen, zu denen es bei den geschlechtsangleichenden Operationen kommen kann, verlieren Betroffene nicht den Mut und sehen einer besseren Zukunft entgegen, was zeigt: Eine Transition ist für sie definitiv die Lösung für ihr Dilemma. Natürlich ist jedes Wachstum immer auch mit einer gewissen Anzahl von Ausreißern verbunden, welche aber im Trans*-Bereich als sehr gering anzusehen ist. Operateure berichten von einigen wenigen in vielen Jahren ihrer Berufsausübung.

Der Weg in den OP-Saal braucht Zeit

Nichtsdestotrotz bleibt bei alldem zu beachten, dass die Entscheidung zu einer Operation sehr gut überdacht werden muss und daher, um Fehler zu minimieren, von einer ausreichenden psychotherapeutischen Behandlung begleitet werden sollte. So sagt die MDS-Begutachtungsanleitung vom August 2020 klar, dass diese Psychotherapie mindestens einen Zeitraum von sechs Monaten umfassen muss mit einer Behandlung von zwölf Sitzungen à 50 Minuten.

So ist es nach heutigen Vorgaben zwar möglich, eine maskulinisierende Brust-Operation bereits nach sechs Monaten zu erhalten, jedoch ist eine Geschlechtsangleichung im Genitalbereich erst nach einer psychotherapeutischen Begleitung von wenigstens einem Jahr möglich. Noch länger warten trans* Frauen auf einen möglichen Brustaufbau, insofern dieser überhaupt von der Krankenkasse übernommen wird, da dies engen Regeln unterliegt. Eine zweijährige Hormontherapie wird hier als Grundvoraussetzung gesehen.

Ausnahmen bestätigen (nicht) die Regel

Der im Artikel beschriebene Weg von Ellie R. sollte also als Ausnahme gelten, da er nicht oder nur teilweise mit dem üblichen Weg zum "wahren Geschlecht" übereinzustimmen scheint. Bei vielen De-trans-Geschichten fällt auf, dass die Betroffenen individuelle Wege gehen und teilweise die vorgeschriebenen Reglementierungen umgehen.

Schade ist, dass in solchen Artikeln immer wieder dieselben Ärzt*innen zu Wort kommen, von denen wir wissen, dass sie insbesondere der Behandlung von jugendlichen trans* Menschen kritisch gegenüberstehen. Man sollte aber an dieser Stelle eher davon ausgehen, dass behandelnde Ärzt*innen ihre Arbeit sehr gewissenhaft und im Sinne der Gesundheit der Betroffenen durchführen.

Die SZ vermischt Personenstandsänderung und medizinische Transition

Was man auch nicht vergessen darf, und da vermischt der Artikel leider zwei grundlegend verschiedene Sachverhalte, ist die Tatsache, dass wir unterscheiden müssen zwischen der medizinischen Transition und der Personenstandsänderung. Letztere ist die rechtliche Änderung des Namens und des Personenstands in allen Dokumenten und Unterlagen. Hier ist es sicher unbestritten, dass dieser Weg möglichst einfach und ohne unnötige bürokratische Hürden ablaufen kann und sollte. Es bleibt zu hoffen, dass eine zukünftige Gesetzesänderung dies endlich auch in Deutschland ermöglichen wird.

Medizinische Maßnahmen und operative Eingriffe hingegen werden immer bestimmten Regularien unterliegen müssen, nicht zuletzt weil diese Maßnahmen ja von den Krankenkassen bezahlt werden sollen. Hier werden die Krankenkassen immer darauf bestehen, dass beispielsweise medizinische Gutachten vorliegen, bevor sie eine Kostenübernahme gewähren.

Eine komplette Selbstbestimmung und freie Entscheidung der Betroffenen, wie sie mitunter auch von trans* Aktivist*innen gefordert wird, wird es hier vermutlich niemals geben, es sei denn, wir möchten ein System, wo ein Großteil der medizinischen Maßnahmen selbst bezahlt werden muss mit der Konsequenz, dass sich sehr viele trans* Menschen dies finanziell dann nicht mehr erlauben können.

Der Transweg - ein Trend? Keineswegs!

Aber ist es nun tatsächlich ein Trend unter Jugendlichen, trans* zu sein? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Anzahl der Jugendlichen, die sich auf den Transweg begeben, in den letzten Jahren stark angestiegen ist. Wenn man allerdings auch nur einen kleinen Einblick hat in die physischen und psychischen Strapazen, die eine Transition mit sich bringt und wenn man bedenkt, dass trans* Menschen bereit sind, massiv in ihren funktionierenden Körper einzugreifen, sei es durch die Hormontherapie und/oder durch Operationen, dann wird schnell klar, dass sich vermutlich niemand solch gefährlichen und schmerzhaften Maßnahmen unterzieht, nur um einem Trend zu folgen.

Der Autor des Artikels spricht trans* Menschen und insbesondere Jugendlichen die Vernunft ab, für sich entscheiden zu können, aber die bestehenden Regelungen und die Hürden, die trans* Menschen auferlegt werden, bevor sie medizinische und insbesondere operative Behandlungen durchführen können, sprechen eindeutig dagegen.

Die Trans*-Community muss sich selbst kritische Fragen stellen

Natürlich gibt es Menschen, die sehr unbedarft an eine Transition herangehen und hier muss sich unsere Community und vor allem die trans*Community selbst kritisch folgende Fragen stellen: Klären wir in unseren Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen ehrlich auf über die medizinischen, psychischen und sozialen Konsequenzen einer Transition? Vermitteln wir, insbesondere in den sozialen Medien, ein realistisches Bild von trans* Menschen und ihrem Leben?

Wir denken, dass es durchaus möglich ist, dass angehende trans* Menschen durch die sozialen Medien das Bild vermittelt bekommen, dass eine Transition ein Kinderspiel ist und einfach immer alles prima läuft. Wie viele Fotos von wunderschönen trans* Frauen und starken, muskulösen trans* Männern kennen wir aus den einschlägigen Foren im Internet, wie viele Berichte von super-easy Operationen ohne Schmerzen und Komplikationen und von überglücklichen trans* Menschen nach der OP, wo alles funktioniert hat?

Im Gegensatz dazu: Fallen uns irgendwelche Berichte ein von trans* Menschen, die offen darüber sprechen, dass vielleicht nicht alles perfekt gelaufen ist, dass es Komplikationen gab, dass sie wochen- oder monatelang mit Schmerzen zu kämpfen hatten? Letzteres gibt es eher selten zu lesen. Darauf geht der Autor des Artikels ebenfalls ein und da müssen wir korrekterweise zustimmen.

Social Media verstärken Klischees von Weiblichkeit

Es stellt sich allerdings tatsächlich die Frage, warum es immer mehr Jugendliche gibt, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen weiblichen Geschlecht nicht identifizieren können. Wie geht es jungen Mädchen in unserer heutigen Zeit, die so sehr durch Visualität geprägt ist, wo Influencerinnen vorleben, dass nur ein hübscher weiblicher Körper liebenswert ist und wo jedes Like und jeder Klick für ein Foto das Selbstbewusstsein stärken soll?

Könnte es vielleicht sein, dass Mädchen, die diesem Idealbild nicht entsprechen oder auch nicht entsprechen möchten, keine andere Möglichkeit sehen, als sich dann als Junge zu definieren, da es keine weiblichen Vorbilder mehr gibt, die nicht dieser vermeintlichen Norm entsprechen?

Es braucht mehr Akzeptanz für non-binäre Menschen

Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma könnte die steigende Zahl an Menschen sein, die sich als non-binär definieren und damit die klassischen Rollenbilder von "männlich" und "weiblich" hinterfragen und dafür sorgen, dass die Grenzen zunehmend verschwimmen. Wenn non-binäre Menschen in unserer Gesellschaft mehr Akzeptanz finden, können vielleicht Jugendliche, die sich mit ihrer zugewiesenen Geschlechterrolle nicht (vollständig) identifizieren, eine Möglichkeit finden, sich in unterschiedlichen, vielleicht auch wechselnden Rollen auszuprobieren ohne den Druck zu verspüren, sich gleich als trans* zu definieren.

Möglicherweise sehen wir dann weniger solcher einseitigen Darstellungen in den Medien über "misslungene Transitionen", die letztendlich bei Betroffenen und ihren Angehörigen nur unnötige Ängste schüren. Aber vielleicht ist ja auch das Interesse der Medien an der Darstellung von negativen Ausnahmefällen der eigentliche Trend.

Es ist endlich Zeit für lesbische Sichtbarkeit!

Do, 29. April 2021 - Von Tessa Ganserer, erste trans* Person im bayerischen Landtag

Inner- und außerhalb der Community möchte ich mich dafür einsetzen, dass lesbische Menschen endlich angemessen relevant werden. Gefordert wird das wahrlich nicht das erste Mal. Doch auch in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich noch immer nicht sehr viel getan.

Lesbische (cis- wie nicht-cisgeschlechtliche) Frauen sind in besonderer Weise mit diskriminierenden und benachteiligenden Bedingungen konfrontiert. Die von der Grünen Landtagsfraktion in Auftrag gegebene Studie Queeres Leben in Bayern der Hochschule Landshut stellte beispielsweise fest, dass Lesben in der Gruppe der insgesamt nicht-heterosexuellen Teilnehmer*innen am häufigsten Diskriminierung in den letzten drei Jahren in Bayern erfahren haben (Wagner/Oldemeier 2020).

Lesbische Frauen kämpfen an vielen Fronten

Hinzu kommt eine spezifische Mehrfachdiskriminierung: Einerseits geht es um Sexismus und Homofeindlichkeit und andererseits um mangelnde Sichtbarkeit sowie eine damit verbundene mangelnde Anerkennung. Nach wie vor gilt, dass die Lebenssituationen, Erfahrungen, besonderen Herausforderungen und wichtige Errungenschaften im Zusammenhang mit lesbischem Leben weder einer allgemeinen noch einer spezifischen queeren Öffentlichkeit ausreichend bekannt sind. Wenn es um queerspezifische Themen geht, werden Lesben zwar meist mitgenannt, aber sie werden kaum angemessen sichtbar. Lesbische Frauen kämpfen also an verschiedenen Fronten. Die Hintergründe sind komplex.

Was wissen wir denn über die Lebenssituation lesbischer Frauen der letzten 100 Jahre in Deutschland? Viel zu wenig. Ein Lichtblick bilden da Forschungsprojekte, die sich erstmals historischen Fragen zu lesbischem Leben widmen können. So konnte wissenschaftlich belegt werden, welchen systematischen und strukturellen Diskriminierungen lesbische Frauen ausgesetzt waren. Wie sieht es mit einer angemessen Erinnerungskultur für Verbrechen gegen lesbische Frauen aus? Leider auch immer noch ganz schlecht.

Gedenken an die lesbischen Opfer der NS-Zeit. Foto: Tessa Ganserer

Aber Antidiskriminierungsarbeit beginnt nicht erst in der Gegenwart! Antidiskriminierungsarbeit braucht die systematische Aufarbeitung der Geschichte. Mit einem fundierten und systematischen Verständnis der Vergangenheit werden gesellschaftliche Situationen der Gegenwart erklärbar. Gleichzeitig kann ein Blick in die Geschichte für die so wichtigen Rollenvorbilder für lesbische Frauen im Heute sorgen. Denn davon gibt es ebenfalls viel zu wenig. Das gilt insbesondere auch für Film und Fernsehen.

Kulturelle Entwicklungen in lesbischen Kontexten der Vergangenheit können außerdem zeigen, dass hier Geschlechterdarstellungen schon immer vielfältig waren und alternative, nicht den binären Normen entsprechende Geschlechterpräsentationen, wahrlich kein neues Phänomen sind, wie fälschlicherweise oft behauptet wird.

Es braucht mehr Initiativen für lesbische Sichtbarkeit!

Die nicht vorhandene Sichtbarkeit lesbischen Lebens auf so vielen Ebenen führt deswegen strukturell zu einer mangelnden Berücksichtigung. Spezifische Projekte zur Unterstützung bei homofeindlichen Übergriffen gegen Frauen gab es viel zu lange nicht. Ein daran anknüpfendes Problem ist die extrem geringe Anzeigenquote von lesbenfeindlichen Übergriffen. In der Studie Queeres Leben in Bayern gaben außerdem insgesamt nur drei Lesben an, nach einer Diskriminierungserfahrung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ein Beratungsangebot in Anspruch genommen zu haben – das ist zu wenig und das muss sich ändern!

Deswegen sind Initiativen zu begrüßen, die für lesbische Sichtbarkeit sorgen, um bestehende Bedingungen zu verändern. Auch auf landespolitischer Ebene kann hierfür was getan werden! In Berlin wurde 2018 erstmals ein Berliner Preis für Lesbische* Sichtbarkeit vergeben und seit 2020 auch in Hessen. Der dyke* march Nürnberg ruft in einer Petition an den Bayerischen Landtag dazu auf, einen Preis für lesbische Sichtbarkeit in Bayern zu vergeben. Und ich fordere das ebenfalls von der bayerischen Staatsregierung! So lange sich Unsichtbarkeit, Benachteiligungen und Diskriminierungen wie ein roter Faden durch den Alltag lesbischer Lebenswirklichkeiten zieht, braucht es Zeichen und finanzierte Maßnahmen!

Tessa Ganserer. Foto: Christian Hilgert

Nimmt die Gewalt gegen LGBTIQ* in Bayern wieder zu?

Do, 25. März 2021 - Von Dr. Bettina Glöggler und Dr. Michael Plaß

Gefühlt nehmen Gewalt und Diskriminierung wieder zu, aber es gibt keine Statistik, die das eindeutig belegen kann. Der Grund dafür ist die enorme Dunkelziffer im Bereich Hatecrime gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen.

101 Gewalt- und Diskriminierungsfälle registrierte die LGBTIQ*-Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt Strong! im Jahr 2020. Einige Fälle drehten sich um Gewalt in der eigenen (Paar-)Beziehung und um Vorfälle ohne Hass-Motivation. Viel zu oft kommt es allerdings nach wie vor zu Gewalt und Diskriminierung aus Hass.

Bei Strong! wurden 82 Fälle im Jahr 2020 bekannt, die aus Homosexuellen-, Trans*-, Inter*- und Queerfeindlichkeit motiviert waren. Gewalt wegen Sexismus, Rassismus und Diskriminierung aufgrund des Status HIV-positiv kommen darüber hinaus ebenso vor – nicht selten erleben LGBTIQ*s gleichzeitig mehrere Diskriminierungsformen.

Hintergründe und Motivationen von Gewalt und Diskriminierung

Seit den 1990er Jahren führt das Anti-Gewalt-Projekt des Sub e.V., das im Juli 2020 zur LGBTIQ*-Fachstelle "Strong!" wurde, eine Statistik zu Gewalt- und Diskriminierungsfällen. Die meisten Vorfälle werden nicht gemeldet. Deshalb spiegelt unsere Statistik nicht auch nur annähernd die Realität wider. Wir gehen von einer enormen Dunkelziffer aus. Noch dramatischer sind die Zahlen des Münchner Polizeipräsidiums. Hier wurden 2018 sechs Straftaten angezeigt, 17 Fälle 2019 und 20 im Jahr 2020.

Hier ist zu kritisieren,

dass die Gewalt gegen die Geschlechtsidentität bei der Gewalt gegen die sexuelle Identität subsummiert ist. Dadurch wird Hass gegen trans*, inter* und non-binäre Menschen unsichtbar gemacht. Aber immerhin erfasst die Polizei in München "Delikte […], die gegen sexuelle Neigungen gerichtet sind", so ein Zitat aus dem Sicherheitsreport des Polizeipräsidiums München 2020 auf Seite 105. Denn Angaben zu Hasskriminalität gegen LGBTIQ*s suchen wir in den Berichten der bayerischen Polizei seit jeher vergeblich.

Strong-Fälle seit 1993

Die Gründe für diese starke Diskrepanz zwischen den bei Strong! bekannt gewordenen Fällen, den Anzeigen bei der Münchner Polizei und der Dunkelziffer sind vielschichtig. Zum einen erstatten viele betroffene LGBTIQ*s keine Anzeige, weil sie davon ausgehen, dass ihr Erlebnis "nicht schlimm genug" ist oder, dass die Polizei "eh nichts tun kann". Hinzu kommt immer wieder die Befürchtung, von der Polizei diskriminiert zu werden (vgl. Berliner Monitoring 2020, S. 36).

Zum anderen wird Gewalt

oft nicht als solche erkannt. Etwa, weil in unserer Gesellschaft Gewalt oft mit Zuschlagen oder Waffengebrauch gleichgesetzt wird und damit psychische Gewalt wie beispielsweise Beleidigungen, Unterdrucksetzen, Mobbing oder das Nichtanerkennen von Trans*-Identitäten nicht mitgedacht wird. Doch ein Blick in die Gewaltstatistik von Strong! für 2020 zeigt, wie unterschiedlich die Erfahrungen sein können.

Gewaltform Diskriminierungsart 2020

Aufgrund der hohen Dunkelziffer können unsere Statistiken die vieldiskutierte These, dass LGBTIQ*-Feindlichkeit in den vergangenen Jahren zugenommen hätte, weder untermauern noch widerlegen. Deshalb hilft jede Meldung bei Strong!, Licht ins Dunkel zu bringen und die Dringlichkeit der Probleme von LGBTIQ*s zu verdeutlichen.

Es gibt keine Kleinigkeiten, denn LGBTIQ*-Feindlichkeit ist Hatecrime! Unser Appell geht an Euch alle, jeden Vorfall zu melden: www.strong-lgbti.de

"Ich wollte nie der Berufsschwule sein"

Di, 16. März 2021 - Von Thomas Michel

Wunderbar, wenn ein Mann seinen schwulen Lebenspartner nach elf Jahren heiraten darf! Was der SZ im Fall von Anselm Bilgri Anlass gibt zu einem ausführlichen Interview.

Nicht ganz so schön, finde ich, wenn dieser Mann die Menschen, die (auch) für (seine) gleiche(n) Rechte auf die Straße gegangen sind, als "Berufsschwule" verunglimpft. Oder weiß ein "Mann des Wortes", der seit vielen Jahren "Mönch berät Manager" und jetzt auch noch "Kirchenaustritt und schwule Heirat" vermarktet, tatsächlich nicht, dass dieser Begriff meist abwertend verwendet wird?

"Früher hat man den Partner adoptiert, das braucht es heute nicht mehr." Nein lieber Anselm, das haben früher nur einige ganz wenige gemacht. Die vielen Anderen – und nicht nur "Berufsschwule" - haben dafür gekämpft, dass sich das endlich ändert. Dafür, dass Du jetzt Deinen Partner nicht mehr adoptieren musst!

Sie haben sich gezeigt

und damit angreifbar gemacht, was Du "auch aus Sicherheitsgründen" nicht gemacht hast. Denn Du hattest Angst, dass "es schon schwierig wird" wenn nach einem Outing "die Aufträge als Selbstständiger nachlassen". Sie haben vor nicht allzu langer Zeit in Bayern damit noch ihren Beamtenstatus riskiert, und, in Deinen Worten, trotzdem ihr Schwulsein vor sich her getragen.

Ich würde sagen: Um sich für längst überfällige Veränderungen einzusetzen. Und damit zum Beispiel auch Jugendlichen zu helfen, ihr Coming-out gut zu schaffen. Anstatt sich wie Michael Schmidpeter aus Verzweiflung und im Glauben, der einzige Schwule auf der Welt zu sein, das Leben zu nehmen. Die Reaktionen nach deinem Outing haben dir gezeigt, "dass es in den Köpfen doch noch eine Schranke gibt". Hat dich das überrascht, wenn Menschen wie Du seit ihrer Jugend ein Doppelleben führen?

Richtig paradox (oder soll ich sagen, pharisäerhaft) wird es, wenn ausgerechnet Du beklagst, das noch immer "in drei Bereichen Homosexualität ein Tabu (ist): für die Kirche, die Wirtschaft und im Fußball." Denn Du hast ja selbst viele Jahre in Kirche und Wirtschaft dazu beigetragen, dass es so bleibt! "Es müsste Leute geben, die dazu stehen, die auch möglichst vorne dran sind." Aha! Andere sollen also das tun, was du "aus Sicherheitsgründen" selbst nicht getan hast? Sondern erst, als Outing keine Gefahr mehr war oder sogar noch Deiner eigenen Vermarktung hilfreich. Mit Ex-Lufthansa-Vorstand Thomas Sattelberger würdest Du Dich wohl sehr gut verstehen. Der hat das auch so gemacht.

Zumindest das populärpsychologische Bedienen

des Klischees vom Schwulen, dem (Ver-)Kleidung besonders wichtig ist, hättest Du uns ersparen können: "Mich hat das Ordensgewand fasziniert, das hat vielleicht mit meiner Homosexualität zu tun."

Tröstlich zumindest Deine späte Einsicht: "Ich kann niemandem ein Doppelleben raten."

Jeder soll sich outen, wann er will (und kann). Aber ist es wirklich zuviel verlangt, andere Menschen, die dafür gekämpft haben und kämpfen, dass Coming-out leichter und ohne rechtliche und wirtschaftliche Nachteile möglich wird, nicht als Berufsschwule abzuwerten? Jeder ist so mutig, wie er will (und kann). Aber ist es wirklich zuviel verlangt, die Mutigeren nicht als Menschen zu beschreiben, die ihr Schwulsein vor sich her tragen?

Und ist es von einem reifen Mann zuviel verlangt, zu verstehen, dass es nicht ganz "stimmig" ist, von anderen zu fordern, was er selbst "aus Sicherheitsgründen" lieber nicht getan hat?

"Komischerweise tut sich das Kloster schwerer damit, sich mit mir zu versöhnen als ich mit ihm." Das findest Du wirklich komisch? Und du willst Managern beibringen, wie Zusammenarbeit und Führung mit Vertrauen geht? Das finde ich komisch!

Ein Sonntag im Harry Klein

Fr, 12. März 2021 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Nein, leider muss ich euch enttäuschen. Das wird kein Bericht über eine durchtanzte Nacht im Harry Klein. Darauf werden wir vermutlich noch ein wenig warten müssen. Aber bis es soweit ist, gibt es ja glücklicherweise einige Aktivitäten aus der Community, die unseren Home-Office-, Quarantäne- und Kontaktbeschränkungsalltag etwas auflockern.

Und hier kommen die MeatGirls ins Spiel: Pasta Parisa, Dean DeVille und Janisha Jones haben Frank Zuber und Patricia Schüttler eingeladen, um im Rahmen ihrer Talkshow, die im Harry Klein aufgezeichnet wird, über einige aktuelle Themen rund um den CSD zu plaudern. Vielen Dank Ladys für die Einladung!

Im Keller ist es gar nicht so langweilig

Und so kam es, dass Patricia, Frank und ich an einem Sonntagnachmittag im Harry Klein aufgeschlagen sind und wie das nun mal so ist, wenn man gleich mit einer ganzen Handvoll glamouröser Damen verabredet ist: Erstmal hieß es warten und sich im Keller die Zeit vertreiben, was natürlich eine der leichtesten Übungen für die beiden aus dem „Trans-Cis-Zusammen-Stärker-Team“ ist, die vermutlich 72 Stunden am Stück gleichzeitig plaudern könnten.

Frank Zuber und Patricia Schüttler

Während einer Drag-Queen-Umzieh-Pause haben wir schon mal das "Aufnahmestudio" inspiziert, kurzes Probesitzen, Kulissen checken und Frank und Patricia haben sich, wie man sieht, höchst professionell auf ihren Auftritt vorbereitet.

Kontroversen um die Mottowahl

Und dann waren auch schon die Gastgeberinnen da, es gab noch kurze letzte Anweisungen und los ging es mit dem Talk, alles natürlich entsprechend der geltenden Corona-Regelungen inklusive aktueller negativer Corona-Tests für die MeatGirls und Patricia. Und wie man sieht, wurden auf der Bühne die Abstandsregeln eingehalten. Ob das allerdings auch für die Anstandsregeln galt, müsst ihr selbst herausfinden…

Vor laufender Kamera, ohne Schnitt und Wiederholungen (und damit auch inklusive umfallender Sektgläser und ihrer Folgen) wurde fleißig geschnackt über den diesjährigen CSD, die Kontroversen rund um die Mottowahl, die Pläne für die PrideWeek und die Möglichkeiten für jede*n Einzelne*n, sich beim CSD einzubringen.

Frank Zuber, Sandra Höstermann-Schüttler, Patricia Schüttler

Wir freuen uns schon, wenn die MeatGirls bei der geplanten Fahrraddemo mit ihrem speziellen Hot-Dog-Fahrrad voranfahren oder hab‘ ich da was falsch verstanden? Den kompletten Talk könnt Ihr hier anschauen.

Direkt nach der Aufzeichnung der Talkrunde kam Frank dann kurz ins Schwitzen (natürlich nur rein zeitlich), weil um 18 Uhr schon das CSD-Insta-Live-Update auf dem Programm stand und wer dabei war, weiß nun auch, warum Frank diesmal in einem etwas anderen Ambiente zu sehen war. Zu Gast war Martina Kohlhuber, die einen Einblick in die Planungen zur Münchner Bewerbung als Ausrichtungsort der Gay Games 2026 gab.

Wir erwarten hohen Besuch im Sommer

München ist mittlerweile unter den letzten drei Bewerber*innen für die Gay Games 2026, gemeinsam mit Guadalajara, Mexiko, und Valencia, Spanien. Momentan wird mit Hochdruck daran gearbeitet, bis Ende April ein ca. 300-seitiges Bid Book zu erstellen und ich bin gespannt, wie der im Sommer geplante Besuch der Federation of Gay Games ablaufen wird. Hoffentlich haben wir bis dahin alle einen Friseurtermin bekommen, damit wir einen passablen Eindruck machen. Sorry, das gilt natürlich nur für mich und meinen Golden-Girls-Hairstyle.

Drag Talk

Wer Lust hat, sich einzubringen, ist auch hier mit Ideen und Support herzlich eingeladen. Alle Infos rund um die Gay Games 2026 gibt es hier.

Pride ist an jedem Tag

Zum Schluss des heutigen Foto-Blogs bleibt mir nur noch, ein großes Dankeschön zu sagen an die MeatGirls und die Harry-Klein-Crew hinter den Kameras für die Einladung, die Einblicke in die wohl kreativste Talk-Show Deutschlands und das schönste Zitat des Tages von Pasta Parisa: "Pride ist an jedem Tag, nicht nur zum CSD!"

Proud. Human. Queer. … Wirklich?

Fr, 19. Feb 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Puh, was für eine Woche. Mottowahl, Euphorie, Startschuss in die CSD-Saison 2021, Facebook-Posts, Vorwürfe, Mitläufer*innen, böse Worte, Missverständnisse, Ärger. Was war denn da los?

Die Dinge, die in der ersten Februarwoche passiert sind, möchte ich gerne in meinem heutigen Blog thematisieren und meine Gedanken und Gefühle dazu mit euch teilen, diesmal bewusst nur von mir und nicht gemeinsam mit Patricia, da ich im Gegensatz zu ihr weder Teil des Gremiums war, das die Mottovorschläge für die Online-Wahl erarbeitet und diskutiert hat, noch aktiv auf den sozialen Medien unterwegs bin und die dort geposteten Äußerungen in den letzten Tagen quasi nur vom Spielfeldrand aus beobachtet habe.

Die Woche fing sehr vielversprechend an. Das Online-Voting für die fünf Mottovorschläge war beendet und die meisten Stimmen bekam mit 33% „Proud. Human. Queer.“, ein Motto, das uns die Möglichkeit gibt, alle unsere „Buchstaben“ und Definitionen unterzubringen, denn wenn uns eines vereinen sollte, dann doch wohl unsere Menschlichkeit. Egal ob wir „Proud. Lesbisch. Queer“ sind, „Proud. Trans. Queer.“, „Proud. People of Color. Queer” oder oder oder. Ein Motto, das sich so vielfältig gestalten lässt, wie vielleicht seit Jahren nicht mehr, sowohl verbal aus auch visuell.

Ein CSD-Motto gefällt natürlich niemals allen

Und natürlich gefällt das aktuelle CSD-Motto nicht allen, das ist doch ganz verständlich. Das war schon immer so und so wird es auch immer bleiben. Aber gerade in diesem Jahr war der Abstimmprozess viel offener als in den vergangenen Jahren. Jede*r aus der Community konnte im Vorfeld Themen einreichen und sich auch aktiv am Online-Community-Talk im Dezember beteiligen.

Nach dieser Runde wurden basierend auf den diskutierten Themen in einem Gremium die fünf Mottos erarbeitet, die dann zur Wahl gestellt wurden und dieses Gremium war größer und diverser als in den letzten Jahren. Hier haben diesmal nicht nur Vertreter*innen aus den Organisationen, die hinter dem CSD stehen, teilgenommen, sondern auch einzelne Menschen aus genau den Gruppen, die angeblich kein Gehör finden können. Hier war mit Jung, Alt, Gay, Lesbisch, Trans, Non-Binär wirklich ein weites Spektrum der Community involviert und während in den letzten Jahren auf dem Szenestammtisch nur ca. 40 Vertreter*innen der Community das finale Motto ausgesucht haben, konnte diesmal online wirklich jede*r abstimmen und knapp 1.500 Menschen haben dies auch gemacht.

Kontroversen können die Community nach vorne bringen

Und dann bricht nach der Mottowahl plötzlich ein regelrechter Shitstorm auf Facebook los. Dass das Prozedere, wie das Motto gewählt wurde, kritisiert wird, ist meiner Meinung nach völlig legitim. Der CSD München und die Community können und müssen solche Diskussionen aushalten und hier sind auch kontroverse Meinungen willkommen und sollten diskutiert werden. Aber solche Meinungen im Nachhinein zu äußern und nicht vor oder während des Prozesses und ohne konstruktive Vorschläge zu machen, wie es besser laufen kann, ist leider nicht nur wenig zielführend, sondern auch ein Stück weit unfair.

Es wurde gesagt, dass besonders marginalisierte Gruppen der Community in einem solchen Auswahlprozess kein Gehör finden und hier wurden explizit Trans*menschen und People of Color genannt. Hm… Wenn ich mich korrekt erinnere, war zu dem Diskussionspanel im Dezember auch ein Vertreter der Rainbow Refugees eingeladen. Die Mottos, die zur Wahl standen, waren durchweg in Englisch (was auch nicht überall mit Beifall begrüßt wurde) und bei der Online-Diskussion war es „der weiße schwule Mann“, der sich vehement für Trans*themen stark gemacht hat. Nicht zuletzt deshalb hat es auch ein explizites Trans*thema in die zur Auswahl stehenden Mottos geschafft.

Ob sich die genannten Gruppen damit ausreichend repräsentiert fühlen, ist etwas, was die Community diskutieren kann und auch diskutieren sollte und es ist für mich selbstverständlich, sich mit sachlich vorgetragener Kritik auseinanderzusetzen und konstruktive Vorschläge, wie es besser laufen könnte, aufzunehmen. Die Community lebt von Kontroversen und es sind gerade solche Auseinandersetzungen, die uns nach vorne bringen und der Community neue Impulse geben können.

Was ist mit uns passiert?

Was mich aber regelrecht entsetzt hat, ist die Tatsache, dass das Motto „Proud. Human. Queer.“ auf den Sozialen Medien ins Lächerliche gezogen wurde und dass sich hier viele Menschen beteiligt haben. Es wurden Dinge gepostet wie „Tiefer. Schneller. Härter“, „Tunten. Essen. Kinder.“, „Kesse Mütter. Leckbrüder. Warme Schwestern.“, „Ficken. Bumsen. Saufen“, „Friede. Freude. Eierkuchen“. Echt jetzt, Leute? Bringt uns sowas weiter? Und ist es das, was Ihr mit dem CSD verbindet?

Wir hatten auch im letzten Jahr ein Motto, das viele anfangs wenig begeistert hat, selbst Menschen aus dem Leitungskreis des CSD. Aber wir haben uns, wie jedes Jahr, gemeinsam hinter das Motto gestellt und haben in dem für uns alle schwierigen Jahr 2020 das Beste daraus gemacht. Und im Nachhinein hätte es vermutlich kein passenderes Motto geben können als „Gegen Hass. Bunt – Gemeinsam – Stark“.

Aber im letzten Jahr gab es nicht diese Häme, als lustige Späße getarnte Boshaftigkeiten und solche Kontroversen in den sozialen Medien. Was ist mit uns passiert? Haben wir jeglichen Zusammenhalt verloren? Können wir uns nicht mal mehr für den CSD zusammenraufen, um gemeinsam für unsere Community und für unsere Rechte zu kämpfen? Warum fangen wir an, uns gegenseitig zu bekämpfen und uns vorzuwerfen, dass Teile der Community ausgeschlossen werden? Ist das das Bild, dass wir der heteronormativen Welt zeigen wollen?

Jede*r kann sich einbringen

Ein CSD ist nur so gut wie die Menschen, die dahinterstehen. Und hier ist wirklich jede*r von euch willkommen und kann sich mit den Themen einbringen, die euch am Herzen liegen. So ist es auch bei mir gewesen. Ich setze mich für Angehörige von Trans*menschen ein und da mir dieses Thema wichtig ist, habe ich im letzten Jahr einen Artikel für den PrideGuide geschrieben.

Wenn ihr für eure Themen einen Diskussionsabend machen wollt, einen Livestream, einen Artikel im PrideGuide, ein spezielles Plakat oder was auch immer ihr machen möchtet, wird es sicher rund um den CSD, im Rahmen der Prideweek oder am CSD-Wochenende ein Forum für euch geben. Der CSD lebt vom ehrenamtlichen Engagement der Menschen in der Community und das ist es, was ihn ausmacht. Der CSD ist keine kommerzielle Veranstaltung, in der nur Menschen aktiv werden, wenn sie für ihr Engagement bezahlt werden. Es ist und bleibt unser CSD und wir können und müssen ihn aktiv gestalten, denn nur so können wir unsere gemeinsame Sache vorantreiben und das ist der Kampf für mehr Akzeptanz und mehr Rechte für LGBTIQ*-Menschen in der Gesellschaft. Das ist es, wofür wir kämpfen sollten und zwar gemeinsam, zusammen und nicht gegeneinander.

CSDo something!

Novembergedanken

Mo, 23. Nov 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Wie schnell die Zeit vergeht! Jetzt haben wir doch gerade erst unseren 'anderen' CSD gefeiert, vielleicht etwas Erholung in den Sommertagen genossen und nun strahlt uns an vielen Ecken der Stadt schon wieder die Weihnachtsbeleuchtung an und wir erleben die ersten winterlichen Tage.

Auch in den Monaten nach dem Pride hat die LGBTI*-Community durch die coronabedingten Restriktionen viele ihrer Aktivitäten nur eingeschränkt oder mitunter gar nicht durchführen können. Der persönliche Kontakt, der vielen von uns so wichtig ist, fehlt sicher nicht nur uns beiden Bloggerinnen.

Telefonieren oder ein Videocall sind natürlich immer möglich, aber wieviel wertvoller ist eine kurze Umarmung, ein freundliches Zuwinken oder ein kleiner Plausch mit einem lieben Menschen, dem wir unerwartet bei einer Veranstaltung über den Weg laufen? Aber wir wären ja keine agile Community, wenn wir nicht Wege gefunden hätten, auch in diesem so speziellen Jahr weiter für unsere Themen zu kämpfen, sichtbar zu sein und Unterstützung zu bieten.

Profis im Teamen und Zoomen

Einige der Münchner Gruppen, speziell im Selbsthilfebereich, können zwar weiterhin persönliche Treffen anbieten, allerdings nur mit eingeschränkter Personenzahl und unter strengen Hygieneregeln. Andere Gruppen bieten ihre Treffen online an und sind wir nicht mittlerweile alle zu Profis im Teamen und Zoomen geworden?

Das Internet ist momentan der wohl wichtigste Weg, unsere Community zusammenzuhalten. Das neue lesbisch-queere Zentrum LeZ erarbeitet in einem Online-Workshop Ende November Möglichkeiten, wie sich Interessierte dort einbringen können und bietet eine Online-Führung durch die Räume an. LeTRa hat rund um ihr 25-jähriges Jubiläum auf ihrer Homepage Meilensteine aus einem Vierteljahrhundert Lesbenberatungsarbeit zusammengestellt und die Männer*-Akademie des Sub findet als Livestream statt.

Ein schönes Beispiel, wie die Community auch virtuell Zeichen setzen kann, war der diesjährige TDoR, der Transgender Day of Remembrance, wo wir am 20. November der Opfer trans*-feindlicher Gewalt gedenken. Die Münchner Trans*-Vereine und -gruppen haben gemeinsam vielfältige Online-Aktionen auf den Weg gebracht und damit vermutlich mehr Aufmerksamkeit erreicht als in den vergangenen Jahren. Wer von Euch hatte denn nicht das TDoR-Banner mit den Trans*-Farben auf dem Facebook-Profil? In diesem Spirit sollten wir unbedingt weitermachen!

Die Vorbereitungen für den CSD 2021 sind bereits gestartet und eines der Highlights ist in jedem Jahr die Suche nach einem Motto, dass unsere Münchner Community repräsentiert und unsere Themen ins Rampenlicht stellt. Hier können wie immer alle Menschen mitmachen, aber da der Prozess etwas anders laufen wird als üblich, wird es diesmal sicher ganz besonders spannend.

Community-Talk am 12. Dezember

Es ist nicht nötig, fertig formulierte Mottovorschläge einzureichen, sondern ihr könnt Themen benennen, die euch bewegen, politische Forderungen beschreiben, für die ihr kämpfen möchtet, oder einfach auch nur eure Gedanken zur Community und zum queerem Leben in München formulieren. Schreibt dafür bis zum 6. Dezember an 2021@csdmuenchen.de, sprecht auf die Telefon-Mailbox unter 0151-74381075 oder kontaktiert den CSD München auf Facebook, Instagram und YouTube.

Am 12. Dezember gibt es dann einen Livestream, bei dem Vertreter*innen aus der Szene mit uns allen in einem Community-Talk über die eingereichten Themen diskutieren und darauf basierend werden in einem Workshop Mottovorschläge erarbeitet, die dann in einem Online-Voting für alle zur Abstimmung zur Verfügung gestellt werden. Also nutzt die Chance und macht mit!

Lasst uns zeigen, dass wir auch unter den besonderen Bedingungen dieser Zeit mit unserem CSD Zeichen setzen. Lasst uns zeigen, dass wir nicht nur gemeinsam feiern können, sondern auch gemeinsam gestalten, diskutieren und uns in unserem Einsatz für eine offene und vielfältige Gesellschaft durch nichts aufhalten lassen. Eure Sandra & Patricia

Der etwas andere CSD-Samstag

So, 12. Juli 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler und Patricia Schüttler

Sonntag, 12. Juli 2020 - Da wir mit unserer Gruppe Trans-Ident selbst einen Demo-Spot in der Innenstadt hatten, können wir heute hauptsächlich von unseren eigenen Erfahrungen berichten. Tatsächlich aber trat Patricia nachmittags auch noch als Talk-Gast im Live Stream auf. So konnten wir auch dort einige Gespräche führen und haben im Nachgang noch ein paar Stimmen aus den Demo-Gruppen eingefangen.

Und wie war er nun, der etwas andere CSD? Noch im Regen fanden sich die einzelnen Spots zur Registrierung für die Demo am Petersplatz ein, wurden ausstaffiert mit einem Motto-Schild und einem Stapel Pride Guides. Ein freundlicher Security-Mensch eskortierte uns zu unserem Platz. Um 12 Uhr ging es dann los.

Weniger ist mehr

Noch war alles nass vom Regenschauer, der kurz zuvor auf die Innenstadt niedergeprasselt war, so dass sich der Aufbau ungemütlich anfühlte. Wir haben zwar einige Gruppen gesehen, die Equipment für einen "Pavillon light" dabei hatten, aber unser Eindruck ist, dass viele - ebenso wie wir - ein eher minimalistisches Konzept verfolgten und lediglich mit Bannern, Plakaten und Schildern bewaffnet ihre Plätze einnahmen.

Der Regen hörte langsam auf, Pride Guides und Info-Material hatten wir im gebotenen Sicherheitsabstand ausgelegt und wir waren bereit, Sichtbarkeit zu zeigen für die Community, für unsere Gruppe und unser Motto. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Passant*innen aufmerksam wurden, Fragen stellten und Infos mitnahmen.

In den drei Stunden Demo-Spot haben wir echt alles erlebt

  • Feiernde Menschen aus der Münchner Community nutzten die Gelegenheit, um in kleinen Gruppen fröhlich von Demo-Spot zu Demo-Spot zu ziehen und Hallo zu sagen. Mit ihren bunten Outfits trugen sie selbst viel zur Sichtbarkeit von LGBTI* bei.
  • Betroffene und Freund*innen kamen vorbei, die Informationen zum Thema Trans* haben wollten.
  • Interessierte Menschen außerhalb der Community ergriffen die Gelegenheit, sich zu informieren und ins Gespräch zu kommen.

Natürlich hatten wir auch Begegnungen mit Menschen, die uns – freundlich ausgedrückt – eher distanziert gegenüber standen. Allerdings konnten wir auch ihnen mit einem fröhlichen "Keine Sorge, Transidentität ist nicht ansteckend" doch noch ein Lächeln entlocken.

Alle waren nett

Die drei Stunden vergingen wie im Flug, das Wetter spielte mit, die Menschen hatten Verständnis für die coronabedingten Auflagen zum gebotenen Abstand und der Tatsache, dass wir ihnen Infomaterial und Pride Guides nicht persönlich aushändigen durften. Selbst Polizei und Security-Guards waren zu uns sehr nett, unaufdringlich.

Alles in allem waren die Demo-Spots ein voller Erfolg. Nicht nur bei uns, auch bei anderen Gruppen, deren Erfahrungen wir einfangen konnten - wie von Münchenstift, Sub, Schwestern der perpetuellen Indulgenz, SAG, Rosa Liste. Es gab sehr viele, intensive Gespräche und die einhellige Meinung war, dass das Konzept der Demo-Spots die Distanz - trotz Corona! - eigentlich verringert hat und die Menschen viel eher bereit waren, auf uns alle zuzugehen und ins Gespräch zu kommen, als dies bei der sonst üblichen Konstellation an CSD-Samstagen mit ihren eng gestellten Infozelten der Fall ist.

Ein politischer CSD

Uns hat das Ganze auf alle Fälle ermöglicht, genau das zu machen, wozu ein CSD da ist: auf die Themen der LGBTI*-Community aufmerksam machen, den Leuten zeigen, dass es uns gibt, Informationen und Hilfestellung geben und die Welt der Menschen, die vielleicht sonst gar nichts mit der Szene zu tun haben, ein wenig offener und bunter machen. Das gute Gefühl nach drei Stunden Demo-Spot war durchaus vergleichbar mit der Euphorie, die sich sonst nach drei Stunden Parade mit Musik, Menschenmengen, Winken, Bannertragen, Jubeln und free hugs einstellt.

Und was auch aufgefallen ist: Es waren sehr viele Menschen in der Stadt mit T-Shirts aus dem CSD-Support-Shop unterwegs. Sie haben nicht nur den diesjährigen Pride unterstützt, sondern gleichzeitig zur Sichtbarkeit von LGBTI* an diesem Tag beigetragen!

Live Stream – Behind the Scenes

Nach erfolgreichem und vor allem trockenem Demo-Spot ging es für uns weiter zum Live Stream. Während im LeTra für CSD-Crew und Supporter*innen ein Backstage Viewing stattfand, hat das Team im Diversity-Cafe die Talk- und Musikgäste des Live Streams vor und nach ihren Auftritten umsorgt. Und natürlich haben wir nur deshalb so viele Süßigkeiten gefuttert, weil wir so erschöpft waren vom Demo-Spot! Ist doch klar.

Rechtzeitig vor dem Auftritt hat uns jemand ins neue Lesbisch-queere Zentrum LeZ begleitet, das Studio für den Live Stream. Kurz Abpudern, Abstimmung mit Moderator Bernd Müller, dann ab in die Kulisse. Kurze Anweisung der Regie, "Es geht los in…“; schon saß man mit einem Mikrofon in der Hand auf einem Hocker, hatte mehrere Kameras vor, Bernd neben sich und einige Menschen hinter den Kulissen, die zuschauten, fotografierten oder einfach nur die Uhr um Auge behielten, damit der Talk auch in der vorgegebenen Zeit durchlief.

Es ist wirklich erstaunlich: Wo am Tag zuvor noch ein leerer Raum war, der sich nach und nach mit Kisten voll technischen Equipments füllte, stand nun eine komplette Kulisse, der mensch auf jeden Zentimeter die liebevolle Gestaltung unseres Community-Designers Frank Zuber ansah: pinke Wände, pinke Stehpulte, ein pinker Computermonitor und jede Menge Schilder, Aufkleber, Aufsteller und andere Bastelarbeiten, die vor der großen Videoleinwand dem Live Stream ihren Münchner CSD-Stempel aufdrückten.

Community-Talks zu den 14 politischen Forderungen

Und auch inhaltlich war der Live Stream einfach klasse! In über acht Stunden Programm hat die Münchner Community alle diesjährigen politischen Forderungen in Talkrunden, Einspielern und mit Grußworten erläutert und diskutiert. Die eingereichten Videoclips der vielen LGBTI*-Gruppen zogen in einer virtuellen Parade an den Zuschauenden vorüber. Es gab Musik, Infoclips, Drags, die sowohl als "Drag der Stunde" in der Kulisse live dabei waren, die aber auch während des Streams mit eigenen Showeinlagen und Infospots glänzten. Es gab immer wieder Input des Publikums aus den Social-Media-Kanälen sowie Gewinnspiele.

Sowohl vor als auch hinter der Kamera ließ der Video-Stream eine solche Professionalität spüren, dass man glatt vergessen konnte, dass es wie bei jedem CSD auch diesmal keine Profis, sondern hauptsächlich die Menschen aus der Community selbst waren, die all dies auf die Beine gestellt haben: die Beiträge zu den einzelnen Themen, die Interviews, die Moderation und vieles mehr.

Wie hat sich dieser von Corona geprägte CSD-Samstag denn nun unterschieden von den Prides der Vergangenheit? Nun, natürlich gab es keine Parade, kein Rathaus-Clubbing und insgesamt weniger Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen. Das ist absolut schade, aber unter den aktuellen Bedingungen nun mal nicht anders zu machen.

Was hatten wir stattdessen? Demo-Spots mit vielen spannenden Begegnungen, wir haben Sichtbarkeit gezeigt, unsere Themen in der Stadt präsentiert. Wir haben im Pride Guide und im Live Stream politische Forderungen diskutiert, virtuell gemeinsam gefeiert und auch die Gruppen unserer Community präsentieren können.

Wenn man bedenkt, dass der CSD Ende März sprichwörtlich vor dem Nichts stand und es fraglich war, ob es in diesem Jahr in München überhaupt einen Pride geben würde, können wir verdammt stolz darauf sein, was in dieser kurzen Zeit von den vielen Menschen rund um den CSD und aus der Szene gekommen ist. Die Münchner LGBTI*-Community hat in diesem Jahr einmal mehr bewiesen, dass wir gemeinsam Großes bewirken können und wir haben unser Motto "Gegen Hass. Bunt, gemeinsam, stark" wahrlich zum Leben erweckt!

Weniger Party, mehr Pride – ein Konzept für die Zukunft?

Wir sollten diesen Spirit und die Erfahrungen aus diesem so besonderen Jahr 2020 aber nicht einfach beiseite wischen und nächstes Jahr - wenn es denn wieder möglich sein sollte - einfach zurück zum Altbewährten gehen. Die konzeptionellen Änderungen, die uns die Coronakrise in diesem Jahr auferlegte, hatten einige, vielleicht unerwartet positive "Nebenwirkungen", die uns für die Zukunft Impulse mitgeben können, um mit unserem CSD politisch, provokant und doch fröhlich, bunt die Münchner LGBTI*-Community zu präsentieren. Deshalb: Nach dem CSD ist vor dem CSD, denken wir darüber nach. Happy Pride! Sandra Höstermann-Schüttler und Patricia Schüttler (Text, Fotos)