Community-Blog

Vielfalt in Wort und Meinung

Pride ist jeden Tag, und Diversity bedeutet: Vielfalt der Perspektiven. Daher ist hier im Community-Blog kreativer Raum für Eure Gedanken zu gesellschafts- und sozialpolitischen Themen, zur Lage der queeren Nation und gerne auch für was Euch persönlich im Leben bewegt. Alle können hier veröffentlichen.

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Wichtiger Hinweis zu den Beiträgen

Bei den folgenden Beiträgen handelt es sich um persönliche Sichtweisen, Meinungen oder Erzählungen der hier genannten Autor*innen. Diese stellen nicht unbedingt die Meinung oder Überzeugung der CSD München GmbH dar. Feedback oder Anregungen gerne immer unter info@csdmuenchen.de.

Blog-Beiträge

Vor 50 Jahren: Gründung der ersten Homosexuellen-Gruppe in München

Di, 9. November 2021 - Wolfgang Scheel

Der 9. November ist ein gewichtiger Tag in der deutschen Geschichte. Die Gründung der "Homosexuellen Aktionsgruppe München" (HAG) vor 50 Jahren am 9. November 1971 gesellt sich dazu.

Die HAG trat von Anfang an in die Öffentlichkeit

In der Deutschen Eiche in der Reichenbachstraße wurde am Abend dieses denkwürdigen Dienstags im Jahr 1971 die emanzipatorisch-kämpferische HAG gegründet. Eine Premiere – denn in der frühen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es – auch wegen des drakonischen § 175 – keine Homosexuellen-Organisation in München. Dieses 50-jährige Jubiläum wurde vor kurzem am Originalort im Lokal der Deutschen Eiche gefeiert (siehe Fotos von Conrad Breyer).

Die HAG organisierte ein Schauküssen in der gerade eröffneten U-Bahn, verteilte Flugblätter in Szenlokalen, warb für die Vorführung des neuen Praunheimfilms "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" im Gloriapalast.

Schon 1972 entstand eine lesbisch-schwule Kooperation unter dem Dach der HAG, die 1973 zu den ersten öffentlichen homosexuellen Standaktionen auf Münchens Straßen führte.

1974 trat die HAG in eine neue Phase. Hauptziel war nun, ein eigenes homosexuelles Zentrum in München aufzubauen. Zum Jahreswechsel 1975 konnte dann die Teestube "Am Glockenbach 10" eingeweiht werden. Die HAG nannte sich nun HAM (Homosexuelle Aktion München).

Pfingsttreffen im Nymphenburger Park

Ein Höhepunkt war erreicht, als das Teestubenteam das jährliche "Pfingsttreffen Schwuler Aktionsgruppen" im Jahr 1976 nach München holte  – mit Gästen aus Deutschland und auch dem Ausland. Die gut 200 Teilnehmer hielten die erste homosexuelle Demonstration Münchens im Nymphenburger Park ab.

Der Mietvertrag der Teestube wurde 1978 gekündigt, und die HAM organisierte noch zwei einmonatige "Schwulen-Filmreihen", bis sie sich Ende 1980 auflöste.

Die HAG/HAM war spontan, diskussions- und experimentierfreudig

Die meisten Aspekte der heutigen queeren Community Münchens wurden dort das erste Mal pionierhaft ausprobiert: neben den ersten schwulen Filmfestivals und der ersten homosexuellen Demonstration auch die ersten Standaktionen, das erste eigene Zentrum, nach dessen Vorbild bis heute viele weitere errichtet wurden, die erste Aufklärungsaktion für Schüler und die erste psychosoziale Beratungsgruppe.

Die Bedeutung der aufgelösten HAG/HAM reicht in fast alle Bereiche des heutigen queeren Lebens in München  - noch 50 Jahre nach ihrer Gründung.

Lesetipps:

Abendzeitung: 50 Jahre homosexuelle Emanzipation in München

Süddeutsche Zeitung: Das war wie eine Befreiung (Bezahlschranke)

MUCBOOK: Grund zu Feiern: Vor 50 Jahren wurde die erste Homosexuellen-Gruppe in München gegründet

Raus aus dem Ghetto! Die Homosexuelle Aktionsgruppe HAG/HAM in München von 1971 bis 1980, Forum Queeres Archiv München

Sonnenbrand und Regenguss: Das CSD-Wochenende 2021

Mo, 12. Juli 2021 - Patricia Schüttler und Sandra Höstermann-Schüttler

Schwupp, und schon ist es wieder vorbei, das CSD-Wochenende 2021, im Jahr 2 der Pandemie. Im letzten Jahr hat Bernd Müller den Live Stream noch mit den Worten beendet, dass wir uns in diesem Jahr hoffentlich wieder auf einer Parade sehen werden und nun war dies leider schon zum zweiten Mal nicht möglich.

Schade, aber wir freuen uns darüber, dass wir doch schon wieder mehr Aktivitäten rund um das CSD-Wochenende angehen konnten. Und so starteten wir am Samstagvormittag in unser Wochenende. Quatsch, stimmt ja gar nicht. Für Patricia ging es ja schon am Freitag los, als sie unserem Lieblingsgrafikdesigner Frank Zuber beim Aufbau der Kulissen für den Live Stream helfen durfte.

Und hat Frank sich dieses Jahr nicht selbst übertroffen mit der überdimensionalen Progress Pride Flag? Wir haben an diesem Wochenende wirklich niemanden getroffen, der*die nicht absolut begeistert davon war!

Aber große Kulissen bedeuten großen Muskelkater

und deshalb zog zumindest Patricia am Samstag schon etwas angeschlagen los, schwenkte aber trotzdem schon auf dem Weg zur U-Bahn fleißig ihre Trans*-Fahne, The One Woman Pride Parade is on the way!

In der Stadt haben wir uns erstmal im Pressezentrum im Sub umgeschaut, haben einen kleinen Kulissencheck im Bellevue di Monaco vorgenommen, wo ab 12 Uhr der Live Stream startete, und haben uns dann auf den Weg in die Innenstadt gemacht, um unsere Utensilien für den Demo-Spot abzuholen.

Zwischendurch gab es noch ein kurzes Interview für den Bayerischen Rundfunk

und dann ging es los.

Wir hatten in diesem Jahr das Glück, mit unserer Gruppe direkt auf dem Marienplatz stehen zu dürfen, zwischen den Fahnen der "Look-up-Now"-Aktion - die übrigens einfach nur grandios ist! - und direkt vor dem Rathaus. Wow, das war echt super, vielen Dank dafür! Und wenn normalerweise alles im Leben Licht und Schatten hat, so hatte dieser Demo-Spot definitiv keinen Schatten und trotz Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 gab es einen deftigen Sonnenbrand.

Aber das war es natürlich wert.

In diesem Jahr waren – vermutlich auch aufgrund des schönen Wetters – sehr viel mehr Menschen in der Stadt unterwegs als im letzten Jahr, sowohl Menschen aus der Community mit Fahnen, buntem Make-Up und Outfit als auch Menschen, die nicht wegen des CSDs dort waren. Und irgendwie fühlte es sich fast schon an, wie ein "normaler" CSD-Samstag.

"Aber sag mal, Patricia, wie war denn die Stimmung am Demo-Spot?"

"Super, in diesem Jahr war es noch viel besser. Wir hatten permanent Menschen bei uns, die uns Fragen gestellt haben, wir konnten viele Menschen über unsere Anliegen informieren und natürlich kamen auch jede Menge Bekannte, um Hallo zu sagen. Es gab auch Besucher*innen, denen wir mal vor ein paar Jahren geholfen haben und die einfach nur Danke sagen wollten, dass es uns gibt. Das hat wirklich gut getan! Die Polizei und der Sicherheitsservice waren sehr nett und auch wenn es auf dem Marienplatz natürlich sehr voll war und sich viele Gruppen dort getroffen haben, kam es nur zum Ende hin zu einer etwas brenzligen Situation, als eine 'Oma gegen den Islam' mit einer Gruppe junger queerer Mädchen in eine hitzige Diskussion geriet, was wir aber schnell und friedlich lösen konnten. Aber sag mal Sandra, du warst doch zwischendurch im Live Stream als Interviewgast. Wie war es denn dort?"

Zumindest habe ich mir dort keinen Sonnenbrand geholt!

"Der Live Stream war wieder echt professionell organisiert. Die Interviewgäste wurden in Empfang genommen, abgepudert und bis zu ihrem Auftritt prima versorgt - vielen Dank an Karina und Nikki dafür!. Es gab einen nicht nur minutiösen, sondern sogar sekündlichen Ablaufplan und als es losging, durften wir das Studio im Bellevue di Monaco betreten und hatten dann, während im Stream ein Werbeclip lief, gefühlt drei Sekunden Zeit, um auf den doch recht wackligen Bistrostühlen für unser Interview Platz zu nehmen.

Ich hoffe, man hat es im Interview nicht gemerkt, dass ich ständig Angst hatte, herunterzupurzeln. Aber vielleicht ist auch nur mein Popo bistrostuhlimkompatibel. Und dann war es auch schon wieder vorbei und die nächsten Gäste standen vor der Tür. Acht Stunden Programm mit so eng getakteten Slots und so vielen Gästen, ich kann nur sagen: Hut ab vor der Organisation! Ich freu mich schon darauf, den gesamten Live Stream in den nächsten Tagen mal in Ruhe anzuschauen."

Danach hieß es aber für uns auch schon wieder:

Demo-Spot räumen

Utensilien wieder abgeben und nach einem kurzen "Wir machen uns mal etwas frisch"- Zwischenstopp ging es zur Theresienwiese, um dort die Stimmung auf der Kulturbühne einzufangen.

Und was war dort los? Jede Menge, definitiv. Rund um eine Diskokugel - schade, dass es noch nicht dunkel war - hatte das Publikum an Tischen und Bänken Platz genommen.

Leider durfte ja nicht getanzt werden

und es war fast greifbar zu spüren, wie dankbar alle Anwesenden waren, endlich wieder gemeinsam Live-Musik erleben zu dürfen. Menschen saßen vor der Bühne auf dem Boden, jubelten den Künstler*innen zu, schwatzten miteinander, genossen die Sonne, das Essen, und schienen einfach nur glücklich zu sein.

Und auch auf unserem Weg zurück in die Stadt sind wir vielen fröhlichen regenbogenbunten Menschen begegnet, die sich an verschiedenen Ecken zusammengefunden haben, um den CSD-Samstag gemeinsam ausklingen zu lassen. Vor dem LeZ wurde schon mal geprobt, wie es aussehen könnte, wenn das Lesbisch-Queere Zentrum endlich seine Pforten öffnen darf – inklusive Beschwerde von einem Passanten oder Nachbarn, aber auch das gehört vermutlich dazu.

Wir freuen uns auf jeden Fall auf einen Tag der offenen Tür

an dem wir demnächst mal in das LeZ hineinschnuppern dürfen. Für uns ging es weiter wieder in Richtung Bellevue di Monaco, wo wir den Abschluss des Live Streams mitverfolgt und danach mit ein paar fleißigen Helfer*innen alle Spuren des "CSD-Studios" beseitigt haben. Es tat schon ein bisschen weh, die schöne Kulisse nach ihrer gut 24-stündigen Lebenszeit schon wieder zerstören zu müssen – auch wenn es auf dem Foto nicht ganz danach aussieht.

Abends haben wir dann, ebenso wie vielleicht viele andere aus der Community, die Berichterstattung im Fernsehen und den Online-Medien verfolgt und uns hat vermutlich die ganze Diskussion rund um die Beleuchtung der Allianz-Arena zur Europameisterschaft einigen medialen Rückenwind verschafft, denn unser CSD hat es in die Tagesschau, die Rundschau des Bayerischen Rundfunks, die Tagesthemen und natürlich auch in einige Zeitungen geschafft.

Und die Allianz-Arena hat dann am Abend ja tatsächlich auch noch in Regenbogenfarben geleuchtet

Aber auch in diesem Jahr ging das CSD-Wochenende am Sonntag weiter und diesmal stand eine Radl-Demo auf dem Programm, wo sich in einer Sternfahrt fünf separate Stränge aus verschiedenen Himmelsrichtungen auf den Weg zur Theresienwiese zur Abschlusskundgebung gemacht haben. Unser Startpunkt war der Süden Münchens, am Luise-Kiesselbach-Platz direkt gegenüber vom Münchenstift und aus diesem Grund wurde unser Radl-Zug auch von einem "Münchenstift Safety Car" angeführt.

Die Stimmung war gut, der morgendliche strömende Regen hatte aufgehört und so starteten wir unter lautem Geklingel mit einer Monstergeschwindigkeit, die knapp über zügigem Spaziergangtempo lag. Auf dem Weg haben uns viele Menschen vom Straßenrand, von den Balkonen und Fenstern, aus Bussen und Autos zugewunken, gehupt und unsere fröhliche Stimmung geteilt. Negative Kommentare haben wir nur einen mitbekommen, aber dem jungen Mann, der uns "viel Spaß in der Hölle" gewünscht hat, haben wir ein fröhliches "Wünschen wir dir auch" zugerufen. Komisch, gestern hat uns auf dem Marienplatz eine Frau mit mitleidigem Blick noch

Gott segne Euch!

zugeraunt. Scheinbar haben wir Unterstützung aus allen Richtungen. Angekommen auf der Theresienwiese warteten wir, bis auch die anderen Radl-Demo-Stränge eintrafen und dann ging es los mit der Abschlusskundgebung, begleitet von einem immer dunkler werdenden Himmel.

Und so wurden wir am Ende dann doch noch nass, während auf der Bühne die Veranstalter*innen des CSD München und Gäste ihre Themen, Herausforderungen, Wünsche und Forderungen beschrieben. War ja klar,

CSD-Traditionen müssen gepflegt werden

Dann sind wir also in diesem Jahr nach dem IDAHOBIT und der Fähnchen-Aktion vor der Allianz-Arena nun schon zum dritten Mal nass geworden. Einige haben deshalb die Kundgebung schon frühzeitig verlassen, aber ein harter Kern blieb bis zum Schluss. Besondere Hochachtung gilt den Vertreter*innen des TINQnet und ihren Helfer*innen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, tapfer während der gesamten Schlusskundgebung die 15 Meter lange "Fahne der Vielfalt" hochgehalten haben und hinterher so richtig pitschig nass waren inklusive tropfenden Taschen und Haaren. Proud – Wet - Queer…

Am Ende kam aber dann doch wieder die Sonne raus und was wäre es für ein schöner Abschluss geworden, wenn wir noch einen Regenbogen am Himmel zu sehen bekommen hätten, aber der war ganz sicher irgendwo anders in München.

Was bleibt nun von diesem zweiten CSD-Wochenende unter besonderen Bedingungen?

Einiges von dem, was wir auch schon im letzten Jahr berichtet haben, gilt auch heute: Es gab zwar wieder Live-Musik und eine Kulturbühne, insgesamt aber natürlich weniger Party als üblich, dafür mehr politische und gesellschaftliche Forderungen und trotz allem viel mehr Aufmerksamkeit in der Presse. Die Demo-Spots haben unserer Meinung nach auch in diesem Jahr gezeigt, dass sie eine echte Alternative zu einem ganztägigen Infostand sind, insbesondere für kleinere Gruppen und Organisationen, und wir sollten dieses Konzept sehr gerne auch in post-pandemischen Zeiten beibehalten.

Der Live Stream gibt uns die Möglichkeit, die Themen der Community zu präsentieren, zu diskutieren und unsere Kreativität auszuleben - und bleibt dank Internet ja auch "für die Nachwelt" erhalten - und mit der Radl-Demo haben wir Sichtbarkeit auch in Teile unserer Stadt gebracht, die sonst eher wenig vom CSD mitbekommen. Ein einfaches "Zurück zu dem, was wir sonst immer gemacht haben" kann und sollte es unserer Meinung nach nicht geben.

Wir beide haben dieses CSD-Wochenende wirklich genossen und haben in den zwei Tagen wieder so viele Begegnungen mit Freund*innen, Bekannten und anderen lieben Menschen aus der Community gehabt, dass wir uns trotz Maskenpflicht und Abstandsregeln genauso glücklich fühlen, wie auch in den Jahren, bevor Corona unser aller Leben so durchgeschüttelt hat.

Wir haben ganz viel Kraft und Liebe gesammelt

in dieser "Pride-Season" und ihr?

(I am not) Sensitive Content

Di, 6. Juli 2021 - Patricia Schüttler und Sandra Höstermann-Schüttler

Heute wieder was mit Kunst? Wir waren in den vergangenen Tagen kreativ unterwegs mit Graffiti- und Zines-Workshop. Tatsächlich steht heute wieder Kunst auf unserem PrideWeek-Programm, aber heute werden wir nicht selbst aktiv, sondern dürfen zuschauen und staunen. Herzlich willkommen in der virtuellen Ausstellung: "(I am not) Sensitive Content"

Organisiert wurde dieses PrideWeek-Event von Munich Kyiv Queer und es versammelten sich etwa 40 Teilnehmende vor ihren Rechnern, um das Werk von vier queeren Künstler*innen aus der Ukraine kennenzulernen.

Einleitend gab es Grußworte von Dmytro Shevchenko, dem Konsul vom Generalkonsulat der Ukraine in München, der die beispielhafte Kooperation zwischen München und Kyjiw lobte und berichtete, dass Menschen in der Ukraine die Ereignisse in Deutschland mit Interesse verfolgen, da wir hier schon einen weiten Weg im Kampf für LGBTIQ*-Rechte hinter uns haben und die Ukraine davon lernen kann.

In der Ukraine sei die Situation nicht perfekt, verbessere sich aber von Jahr zu Jahr. Er warb um Verständnis für die Situation in der ukrainischen Gesellschaft, die viele Jahre sowjetischer Propaganda hinter sich hat und wo die Kirche auch heute noch einen großen Einfluss ausübt. Für ihn ist Kunst die beste Art, Gedanken zu transportieren. Kunst hilft uns dort, wo Sprache nicht mehr weiterkommt und die LGBTIQ*-Community kann Kunst nutzen, um ihre Signale an die Gesellschaft zu senden.

Der Mut in der Kunst

Dominik Krause, Stadtrat in München, sprach über die lange Tradition der Kooperation zwischen München und Kyjiw. Für ihn hat die Ausstellung keine expliziten politischen Forderungen, es gehe vielmehr um die eigene Identität und die Frage, was es für die Künstler*innen bedeutet, sich damit auseinanderzusetzen. Aber sie weise, ohne es explizit zu benennen, auf die Rechte von LGBTIQ* hin, ja mehr noch, sie schließt an eine Diskussion an, die unter dem Kampfbegriff "Verbot homosexueller Propaganda" immer wieder geführt werde, zuletzt mit Blick auf die Situation in Ungarn, davor in Russland.

"Propaganda ist in Deutschland ein stark aufgeladenes Wort. Wenn man es im Duden nachschaut, liest man dort: 'Systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o. ä. Ideen und Meinungen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen.' Und damit ist auch klar, worauf extreme Rechte oder religiöse Fundamentalist*innen hinaus wollen: LGBTIQ* zu einer Idee, einer Meinung zu machen, weil allein ihre bloßige Existenz nicht in ihr Weltbild passt. Die Ausstellung regt dazu an, darüber nachzudenken, indem sie zeigt, wie allein die künstlerische Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, mit sexueller Identität, mit Queerness die Künstler*innen zu 'Sensitive Content' oder eben auch zu 'Propaganda' werden lässt. Sie zeigt, dass es eben nicht oder zumindest nicht nur um Ideen, um Meinungen geht, sondern letztendlich um das eigene Sein." Krause bewundert den Mut der Künstler*innen, solche Kunst in der Ukraine zu wagen.

Die Kuratorin dieser Ausstellung, Kateryna Pidhaina, betonte, dass die Künstler*innen an der Front stehen, Risiken eingehen und viel Aufmerksamkeit in der Gesellschaft bekommen - positive wie negative - und das erfordert Mut. Die Heteronormativität macht es schwer, andere Lebensweisen zu sehen und die sozialen Medien nutzten heute andere Möglichkeiten, Körperlichkeit darzustellen, als wir es von den Museen kennen.

Bühne frei für Queerness

Das Projekt "(I am not) Sensitive Content“ sollte ursprünglich offline/analog durchgeführt werden, findet nun jedoch online statt. Die Kunstwerke sowie Informationen über die Künstler*innen dieser Ausstellung finden sich hier. Aber natürlich kamen auch die Künstler*innen selbst zu Wort.

Anatoliy Belov freut sich, dass der Pride Month in der Ukraine jedes Jahr größer wird, sieht aber die zunehmende Kommerzialisierung kritisch. Zu seinen Werken hat er sich von queeren Künstler*innen in Deutschland und Österreich inspirieren lassen und thematisiert in ihnen Diskriminierung und Ungleichheit. Er möchte sich damit Gehör verschaffen und mit Vertreter*innen der Community ins Gespräch kommen.

Neben den Zeichnungen, die in dieser Ausstellung zu sehen sind, nutzt er auch andere Medien und Plattformen, macht zum Beispiel Popmusik und arbeitet aktuell an einem Drehbuch für einen Horrorfilm über die Gay Community, die in der Ukraine, so sieht es Belov, selbst oft sehr patriarchalisch und diskriminierend daherkomme gegenüber weniger privilegierten Gruppen in der LGBTIQ*-Gemeinschaft.

Maria Kulikovska erstellt ihre Zeichnungen auf Immigrationspapieren, also auf realen Dokumenten aus ihrem eigenen Leben und ihrer Migrationsgeschichte. Es geht in ihrem Werk um Grenzen, die Befreiung ihres Körpers und eine Analyse ihres Privatlebens. Sie stammt ursprünglich von der Krim, hat vor einigen Jahren in Schweden eine Frau geheiratet und lebt nun in Kyjiw. Sie hat Architektur studiert und schon immer gemalt, aber ihre Werke bisher nie gezeigt.

Kunst als Therapie

Ihre Aquarelle sind für sie sehr sensitiv. Die dargestellte Liebe, der Hass und ihre ganzen Werke sind ein Fluss über das Leben und es fällt ihr schwer, dies in verbaler Form auszudrücken. Sie wünscht sich, dass sie sich selbst versteht. In der Ukraine kennt die künstlerische Gesellschaft sie nicht wirklich. Ihre Werke sind sehr persönlich. Sie malt Dinge, die sie erlebt hat.

Kinderalbum arbeitet anonym und malt Dinge, die nicht mit vielen Menschen geteilt werden können. Kinderalbum lebt in einer sehr konservativen Stadt und fürchtet, dort erkannt zu werden und hat Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen. Die Künstlerin hofft, die Arbeiten eines Tages offen präsentieren zu können und vielleicht sogar davon zu leben. Das Werk soll die Sinne der Zuschauer*innen ansprechen, die Inhalte sind sehr sensitiv.

Kleidung stigmatisiert

Ihre Zeichnungen zeigen Menschen in Berufen, die mit bestimmten Vorurteilen in der Gesellschaft verbunden sind und die ein Doppelleben führen, um ihre sexuelle Identität auszuleben. Ihr Beruf zwingt diese Menschen dazu, ein spezielles Aussehen zu haben, weshalb die Zeichnungen nackte Menschen zeigen, weil Kleidung stigmatisiert und uns einschränkt.

Kateryna Ermolaeva hat das Fotoprojekt "Introtourist" erstellt, wo sie die Grenzen von Geschlecht/Gender auslotet. Sie hat für dieses Projekt eineinhalb Monate in einem Hotel gelebt und es als einen anonymen Ort kennengelernt, an dem Menschen ihr wahres Ich entdecken können. Sie hat dort Menschen beobachtet, die ein Doppelleben führen und dadurch die Inspiration für dieses Projekt gewonnen. Ihr Fotoprojekt portraitiert vier fiktive Personen, die jeweils eine Nacht in diesem Hotel verbringen und in dieser Nacht ihr zweites Ich ausleben, das sie sonst vor der Welt verbergen. Die Protagonisten sind keine realen Menschen, ihre Geschichten hat Kateryna für dieses Projekt "geschaffen", sie enthalten aber auch Teile von ihr selbst.

In der anschließenden Diskussion berichteten die Künstler*innen unter anderem über verschiedene Reaktionen, die sie zu ihrem Werk schon erlebt haben, zum Beispiel zu Ausstellungen, die wieder geschlossen wurden, Facebook-Accounts, die gesperrt wurden oder explizite negative verbale Reaktionen von Ausstellungsbesucher*innen.

Kann Kunst also die Gesellschaft verändern?

Wir hoffen es. Über die Kunst können wir der Gesellschaft individuelle Schicksale nahebringen und so das große Ganze angehen. Kunst beginnt dort, wo Sprache endet und es sind vor allem Emotionen, die die Kunst transportiert, die die Gesellschaft berühren, aufrütteln und vielleicht Stück für Stück besser machen können.

Zines und queere Communitys

Mo, 5. Juli 2021 - Patricia Schüttler und Sandra Höstermann-Schüttler

Was sind denn Zines und was haben sie mit der queeren Community zu tun? Ist das eine neue Yoga-Methode? Oder exotische Früchte? Um das herauszufinden, haben wir uns angemeldet für den LeZ-Online-Workshop: "Zines und queere Communitys" mit Julia Koschler.

Julia, eine Grafikerin, Künstlerin und Gründerin der Munich Zine Library, hat uns gemeinsam mit einem guten Dutzend Teilnehmenden durch diesen Online-Workshop geführt. Lieben Dank, Julia, das war sehr informativ und kreativ!

Aber was ist denn nun ein Zine? Nun, kurz gesagt ist es ein "Selfmade-Magazin", daher auch der Name, abgeleitet von "Magazine". Zines sind selbst erstellte, handgemachte Hefte, die als Einzelexemplar oder in kleiner Auflage in verschiedensten Größen und Formen erscheinen und nach dieser Erläuterung ist uns klar geworden, dass wir in unserer Vergangenheit tatsächlich auch schon mal ein eigenes Zine in kleiner Auflage erstellt haben: das Liederheft für unsere Hochzeit. Wer hätt's gedacht…

Queere Inhalte ohne Zensur

Erste Zines entstanden in den 30er Jahren ("Amazing Stories"), sie wurden von Suffragetten genutzt oder auch von PoC-Communitys und in den 70ern gab es ein Zine-Revival im Punk-Umfeld. Heutzutage erscheinen Zines natürlich auch online, manche Zines sind Einzelstücke, andere erscheinen regelmäßig.

Für die queere Community bieten Zines die Möglichkeit, Informationen auszutauschen, persönliche Erfahrungen zu teilen und eine unzensierte Veröffentlichung queerer Inhalte. Nicht zuletzt können Zines zur Archivierung queerer Kultur beitragen und einen leicht zugänglichen, inklusiven Aktivismus fördern.

Nach diesem theoretischen Einstieg ging es dann aber auch gleich praktisch los und unter Julias Anleitung haben wir ein einfaches Blatt Papier mehrfach gefaltet, teilweise eingeschnitten, etwas knifflig zusammengelegt und schon hatten wir unser erstes eigenes Zine erstellt, allerdings noch ohne Text oder Bilder.

Manche Zines sahen anfangs anders aus als geplant - war es noch ein Zine oder schon ein Daumenkino? – und auch Patricia hat das Zine-Fieber gepackt und bei uns wurde parallel geblogged und gebastelt.

My gender is...

Aber womit füllen wir denn nun unsere "nackten" Zines? Dazu haben wir durch ein gemeinsames Brainstorming zum Thema "My Gender is…" vielfältige Inspirationen geteilt, so dass wir am Ende verschiedenste Ideen gesammelt haben, vom Informations-Zine zu einem speziellen Thema über ein Tagebuch-Zine bis hin zu einem sehr persönlichen Zine mit Text und Bild.

Und am Ende ist uns klar geworden, dass die Herstellung eines Zines eine wichtige Lebensweisheit verdeutlicht, denn es geht hierbei nicht um Perfektion und Schönheit, sondern um die Freude an der Kreativität und am Teilen der eigenen Ideen und Inhalte.

Also, einfach mal ausprobieren und kreativ werden! Wir freuen uns schon auf weitere kreative Impulse vom LeZ, vielleicht ja bald auch wieder ganz analog!

Graffiti-Workshop mit Julez

Sa, 2. Juli 2021 - Patricia Schüttler und Sandra Höstermann-Schüttler

Am Samstag haben wir eine der vermutlich buntesten PrideWeek-Veranstaltungen begleitet, den ersten von zwei Graffiti-Workshops.

Julez hat ihn organisiert, eine IMMA-Gruppe für junge Mädchen und Frauen, die sich zu Mädchen/Frauen hingezogen fühlen. Chrissi und Sarah haben den Workshop geleitet. Treffpunkt war auf dem Schlachthofgelände in der Tumblingerstraße, wo es ein Areal gibt, das für Graffiti jeglicher Art genutzt werden kann.

Aber noch bevor die ersten Teilnehmer*innen eintrafen, haben die Graffiti-Profis, die den Workshop leiteten, die ausgewählte Wandfläche mit blauer Farbe vorbereitet.

Schönheit stirbt

Dass dabei die schon vorhandenen Kunstwerke wieder verschwinden, ist schade, aber wir haben gelernt, dass sich die Künstler*innen der Kurzlebigkeit ihrer Werke durchaus bewusst sind.

Natürlich haben wir das "FUCK UEFA" stehen lassen...

Nach einer Vorstellungsrunde - ja, die wahren Omas waren natürlich wir beide und sicher nicht die 29-jährige Chrissi… - gab es eine kurze Einführung in den korrekten und sicheren Gebrauch der Spraydosen, die verschiedenen Caps und die möglichen Techniken, um Ränder, Striche oder Flächen zu gestalten.

Aber dann ging es auch gleich los

Anfangs wurde noch eher zögerlich zur Spraydose gegriffen, heftig geschüttelt und erst einmal haben wir nur einzelne Striche oder Zeichnungen ausprobiert.

Aber schon bald begannen kleine und große Kunstwerke Gestalt anzunehmen:

Der Julez-Schriftzug durfte natürlich nicht fehlen und kann es sein, dass sich unten rechts auch eine unserer rasenden Reporterinnen verewigt hat?

So nach und nach wurde die Wand immer bunter und wir standen nur noch mit offenem Mund daneben und haben gestaunt, wie aus dem Nichts heraus und ohne konkrete Vorgaben eine solche Explosion an Kreativität entstehen kann.

Ein bisschen Pause zwischendurch musste natürlich auch sein und glücklicherweise gab es im Laufe der Zeit mehr und mehr Schatten direkt vor der Wand. Denn die Sonne hat uns allen doch ganz schön eingeheizt.

Und dann, knapp zwei Stunden später, standen wir vor dem vollendeten Kunstwerk. Chapeau, liebes Julez-Team!

Das war erste Klasse Girl-Power, Feminismus, Kreativität und Teamwork und ein toller Auftakt in eine spannende CSD-Woche!

Trans – I got Life

Sa, 2. Juli 2021 - Patricia Schüttler und Sandra Höstermann-Schüttler

"Trans – I got Life" ist ein Dokumentarfilm von Doris Metz und Imogen Kimmel, der sieben trans* Menschen portraitiert und einen plastischen Chirurgen aus München, der seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der geschlechtsangleichenden und plastischen Chirurgie aktiv ist. Wir waren bei der Weltpremiere dabei.

"Patricia, sag mal, wann waren wir das letzte Mal im Kino?"

"Hm…Zweiter Teil von Stephen Kings 'Es' im September 2019?"

"Nein, überleg noch mal. Wir waren doch danach nochmal im Kino, Anfang Oktober 2019."

"Stimmt, wir durften bei einem Pre-Screeing von 'Trans – I got Life' dabei sein."

Endlich wieder Kino

Das war tatsächlich unser letzter Kinobesuch, bevor Covid-19 unser Leben durchschüttelte. Und welch spannender Zug des Schicksals, dass es derselbe Film ist, der uns nun zum ersten Mal nach den pandemiebedingten Einschränkungen wieder ins Kino führt.

Der Dokumentarfilm "Trans – I got Life" ist nicht einfach so entstanden. Fachlich unterstützt wurden die beiden Regisseurinnen von Christian Schabel-Blessing und Jonas Fischer (im Bild unten mit Patricia Schüttler) von TransMann, was sicherlich ein wichtiger Faktor für die Authentizität und Sensibilität dieses Films ist.

Der Film feierte nun im Rahmen des Münchner Filmfests seine Weltpremiere und wir waren gespannt, was uns in der interessanten Location "Sugar Mountain" erwartet.

Industrie-Charme

Denn hier handelt es sich um das Areal eines ehemaligen Betonwerks, das erst kürzlich in ein Kulturzentrum verwandelt wurde.

Und wie es sich für eine Filmpremiere gehört, wurden natürlich erst einmal Fotos gemacht, zwar

Ohne roten Teppich

Aber der hätte auch irgendwie nicht in dieses interessante Ambiente gepasst.

Imogen Kimmel und Doris Metz (Mitte) im Kreis ihrer Protagonist*innen, die sich fast komplett zur Premiere eingefunden hatten.

Draußen wurde es dunkler, die Spannung stieg

und endlich durften wir in die Halle, die auch von innen einen ganz speziellen Charme versprühte.

Nach und nach füllte sich die Halle mit zirka 150 Gästen, darunter auch einige Vertreter*innen der Münchner Trans*- und anderen Organisationen der Community. Lieben Dank dafür an Chris und Jonas von TransMann!

Cast und Crew durften in diesen gemütlichen Liegestühlen Platz nehmen und dann ging es auch schon los.

"Und, Patricia, was sagst du zu dem Film?"

"Ich finde ihn wirklich gelungen. Und endlich mal ein Film, der zeigt, dass ein Operationssaal, der für viele Menschen ein Ort ist, der mit Angst und Kälte verbunden ist und um den sie lieber einen großen Bogen machen wollen, für trans* Menschen wie mich ein Ort der Hoffnung und ja, oftmals auch ein Ort der Wiedergeburt ist. 'I got Life' passt!"

Tatsächlich ist dies unserer Meinung nach auch einer der Gründe, warum dieser Film so sehr berührt, denn gerade durch die Szenen in den verschiedenen Operationssälen sehen Menschen, die vielleicht (noch) nicht viel mit dem Thema in Berührung gekommen sind, was trans* Menschen alles auf sich nehmen, um ein Leben führen zu können, das cis* Menschen oft gedankenlos als selbstverständlich ansehen.

Dieser Film lässt niemanden kalt

Vielleicht wird es Menschen geben, die diese Szenen verstörend finden, aber das ist nun mal die Realität und wir bewundern den Mut von Doris und Imogen, auch diesem Aspek in ihrem Film Raum zu geben.

Aber nicht nur die OP-Szenen gehen im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut. Es sind natürlich im Wesentlichen die Protagonist*innen des Films, die uns mit schonungsloser Offenheit Einblicke in ihr Leben und ihren Weg geben, dabei aber auch die dunklen Seiten nicht aussparen. Unserer Meinung nach ist es eine der größten Stärken dieses Kunstwerks, dass es immer wieder blitzlichtartig Impressionen dieser Menschen vermittelt und sie direkt zu Wort kommen lässt, ohne erläuternde Stimme aus dem Off, wie wir es von vielen Dokumentationen kennen. Dadurch bleiben viele Dinge ungesagt, Fragen offen und es gibt Stoff zum Nachdenken. Ein Film, der vermutlich keinen Menschen kalt lassen wird.

Die Reaktion des Publikums, nachdem der letzte Ton der wunderschönen, passenden und teils hypnotischen Musik verklungen ist, war eindeutig: Applaus, Begeisterung und Standing Ovations.

Und ja, vielleicht auch ein wenig Sprachlosigkeit, denn in der folgenden Fragerunde dauerte es etwas, bis auch Fragen aus dem Publikum kamen.

Eine der Fragen: Was ist passiert in den Jahren, die seit den Dreharbeiten vergangen sind? Die beiden Filmemacherinnen sagten dazu, dass sich einiges im Umgang mit trans* Menschen in der Öffentlichkeit und auch in der Politik geändert hat, insbesondere in den osteuropäischen Ländern nicht zum Besseren.

In Osteuropa verschlechtert sich die Lage

Panci, einer der Darsteller*innen, hat dies sehr deutlich bestätigt, denn in seiner Heimat Tschechien sieht er den Reaktionen auf diesen Film nun mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

Wie wird sich das Leben dieser Menschen wohl verändern, insbesondere, wenn der Film ab dem 23. September deutschlandweit in den Kinos anläuft?

Stars* are born

Nun, zumindest von den Münchner Protagonist*innen werden wir es vermutlich mitbekommen. Hey, Verena (u.), hast du schon Autogrammkarten gedruckt?

Die Stimmen, die wir nach dem Film von cis* Menschen einfangen konnten, zeigten sich tief beeindruckt und berührt. Es scheint, als hätten so manche von ihnen, die auch selbst Teil der LGBTIQ*-Community sind und einige trans* Menschen kennen, zum ersten Mal wirklich verstanden, was es bedeutet, trans* zu sein.

Und das kann unserer Community nur helfen, denn

Cis* und Trans* sind tatsächlich gemeinsam stärker!

Also klare Empfehlung der "CSD-Reporterinnen-Filmjury": Ab dem 23. September ab ins Kino und nehmt möglichst viele Menschen mit! Unser Dank geht an alle Beteiligten für diesen wunderschönen Film!

1:0 für die Community!

Fr, 25. Juni 2021 - Sandra Höstermann-Schüttler

Regenbogenfahnen am Münchner Rathaus, im Hauptbahnhof und an Bussen und Bahnen und das alles noch vor Beginn der PrideWeek. Logos in Regenbogenfarben überall in den sozialen Medien. Selbst die Mainzelmännchen waren im Regenbogenrausch. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Fußball einmal für eine solche Aktion verantwortlich sein könnte?

Was in den letzten Tagen passiert ist, habt ihr ja vermutlich in den Medien verfolgt: Als Reaktion auf ein in Ungarn verabschiedetes zutiefst LGBTIQ*-feindliches Gesetz sollte die Allianz Arena beim letzten Vorrundenspiel der Fußball-EM, Deutschland gegen Ungarn, in Regenbogenfarben leuchten. Der Vorstoß dazu kam vom Münchner Stadtrat und wurde von unserem Oberbürgermeister vorangetrieben. Die UEFA hat diesen Antrag mit Hinweis auf ihre Regularien, die politische Statements verbieten, abgelehnt und plötzlich entbrennt nicht nur in Deutschland eine öffentliche Debatte rund um den Regenbogen als Zeichen für Toleranz, Diversität und Solidarität mit der LGBTIQ*-Community.

Und in all diesen hitzigen öffentlichen Debatten, Streitgesprächen, Kommentaren und Diskussionen wurde die Idee geboren, das Stadion während des Deutschlandspiels einfach von innen in Regenbogenfarben leuchten zu lassen und vor dem Stadion Regenbogenfähnchen an die Fußballfans zu verteilen. In einer im wahrsten Sinne des Wortes "Nacht-und-Nebel-Aktion" hat der CSD Deutschland gemeinsam mit dem CSD München neben Queeramnesty und BWqueer eine Demo vor der Allianz Arena auf die Beine gestellt, 11.000 Regenbogenfähnchen organisiert und nicht zuletzt genügend Freiwillige aus der Community mobilisiert, um ein Zeichen zu setzen, das nicht nur deutschlandweit, sondern auch international für Aufsehen sorgen sollte.

Auf der rechten Seite des Weges ist es viel leerer!

Und so kam es, dass auch ich mich am Mittwochnachmittag direkt aus dem Homeoffice auf den Weg nach Fröttmaning gemacht habe, ausgerüstet mit CSD-T-Shirt, Regenbogenutensilien und Regenschirm, und ich war gespannt, was mich erwartet. Während es am Vorabend noch so aussah, als wären nur 20 bis 30 Menschen mit dabei, fanden sich dann aber doch gegen 17 Uhr an die 50 Freiwillige am Treffpunkt ein. Aufgeteilt in 3er-Grüppchen wurden wir ausgestattet mit Getränkekästen - leeren natürlich -, die als Halter für die Regenbogenfähnchen dienten und die wir, dank einer kurzfristigen Erleichterung unserer Demo-Regularien, tatsächlich den ankommenden Fans entgegenhalten durften, damit sie Fähnchen mit ins Stadion nehmen können.

Sandra Hoestermann-Schüttler. Foto: Alexander Deeg

Und dann ging es los. Da ich diesmal allein unterwegs war, haben mich die Jungs von der S'AG, der Präventionsgruppe von Münchner Aids-Hilfe und Sub, unter ihre Fittiche genommen und gemeinsam haben wir uns in den anfangs noch sehr spärlichen Strom an Fußballfans gestürzt, die aus der U-Bahn Richtung Stadion unterwegs waren. Und wer hätte es gedacht, viele nahmen ganz selbstverständlich ein Fähnchen mit (manche gerne auch zwei) und haben unsere Aktion freundlich aufgenommen.

Klar gab es auch die üblichen Menschen, die mit gesenktem Blick und grimmiger Miene an uns vorbeigingen; vermutlich haben sie gehofft, dass wir uns in Luft auflösen, wenn sie uns ignorieren. Und im Verlauf des Abends gab es natürlich auch solche, die uns Beleidigungen entgegengeworfen haben (ich meine auch, aus dem Augenwinkel einen angedeuteten Hitlergruß erkannt zu haben), übrigens nicht nur von ungarischen Fans, aber diese Äußerungen habe ich tatsächlich nur sehr vereinzelt wahrgenommen. Irgendwie passt dazu die Ansage, die die netten Helfer*innen der UEFA mit dem Megafon unermüdlich wiederholten: "Auf der rechten Seite des Weges ist es viel leerer".

Welche Erwartungen hatte denn die Presse?

Mit jeder neuen U-Bahn kamen mehr und mehr Fußballfans an und wir hatten tatsächlich den Eindruck, dass kaum jemand ohne eines unserer Fähnchen in Richtung Stadion ging. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass sich sehr viele Menschen schon selbst mit Regenbogenutensilien ausgestattet hatten und unsere Fähnchen nur noch das I-Tüpfelchen für ihr Outfit waren.

Sandra und die S'AG. Foto: Alexander Deeg

Nach und nach kamen dann auch Menschen von anderen Organisationen oder Firmen dazu, die ebenfalls Farbe ins Spiel brachten und zwar in Form von Regenbogenfahnen und Regenbogen-FFP2-Masken, die sie verteilten. Vermutlich sehr zur Freude des Reporters, der uns ganz zu Beginn der Veranstaltung seine Enttäuschung darüber mitgeteilt hat, dass wir doch alle irgendwie zu langweilig aussähen. Selbst Alex von der S'AG mit seinen zwei Fähnchen als Haarschmuck, war ihm scheinbar nicht aufregend genug - aber immerhin hat das gereicht für ein Foto in der Süddeutschen Zeitung.

Der Reporter hatte sich offensichtlich mehr schrille Outfits, Glitter oder Drags erhofft, vermute ich. Hallo? Es war nicht die Christopher Street Day PoliParade!

Apropos Presse. Die war natürlich zahlreich vertreten und gefühlt hat jede*r von uns mindestens einmal eine Kamera und ein Mikro vor die Nase gehalten bekommen und durfte die Fragen beantworten: "Warum sind Sie heute hier?" und "Was bezwecken Sie mit dieser Aktion?" Leider werden wir vermutlich nicht sehen, wie und in welchem Kontext unsere Aussagen in der ARD, bei CNN, BBC oder im ungarischen Fernsehen ausgestrahlt werden.

Hooligans in Bussen mit Regenbogenfähnchen

Und dann kam irgendwann der Hinweis der Polizei, dass mit der nächsten U-Bahn ein paar Hundert ungarische Hooligans erwartet werden und wir doch besser einen großen Sicherheitsabstand halten sollten. Haben wir natürlich brav gemacht und uns war tatsächlich auch ein wenig mulmig zumute, um ehrlich zu sein, denn auf eine Begegnung mit gewaltbereiten Fußballfans in großer Anzahl (aber sind das tatsächlich noch echte Fußball-Fans?), die sich vermutlich schon den ganzen Tag darauf freuen, uns so richtig zu zeigen, wo der Hammer hängt, konnten wir natürlich sehr gut verzichten.

Fahnensammlung. Foto: Sandra Hoestermann-Schüttler

Aber wo blieben sie denn nun? Mehrere U-Bahnen kamen und wir sahen nur Menschen in Deutschlandtrikots oder roten ungarischen Trikots, aber keine komplett schwarzgewandete Meute. Irgendwann kamen dann mal vier bis fünf vereinzelte von ihnen, die von ebenso vielen männlichen Polizisten direkt Richtung Stadion begleitet wurden, aber die angekündigte Menge Hooligans blieb tatsächlich aus. Später habe ich gelernt (Danke, Jenny Schröder, für diese spannende Info und für deinen unermüdlichen Einsatz!), dass diese "Fans" separat in MVG-Bussen aus der Innenstadt abtransportiert wurden und vermutlich wurden sie direkt ins Stadion bugsiert, um eine Begegnung mit uns und eventuelle Eskalationen zu vermeiden. Natürlich kann man nun sagen: 'Prima, jetzt bekommen die schlimmsten Idioten auch noch einen extra VIP-Service', aber ich denke, dass wir alle doch froh sein können, dass unsere Aktion weiterhin friedlich verlaufen konnte.

Aber ob die Hooligans wohl gemerkt haben, dass die MVG-Busse mit Regenbogenfähnchen geschmückt waren?

CSD-Ambiente im Regen

Kaum zu glauben übrigens, wie viele Fähnchen in so einen Getränkekasten passen. Ich hätte schwören können, dass es nur wenige hundert sein können, aber im Laufe des Abends haben wir so viele Fähnchen verteilt und trotzdem wurden sie in unserem Kasten gefühlt nicht weniger. Das passierte erst, als zwei junge Lehrerinnen zu uns kamen und gleich jeweils 30 Fähnchen für ihre ganze Schulklasse mitgenommen haben.

Mittlerweile hatten sich mehr und mehr Menschen aus der Community zu uns gesellt, es wurden Regenbogenfahnen geschwenkt, es wurde gesungen, getanzt und der Reporter vom Anfang hat dann doch noch ein bisschen 'CSD-Ambiente' bekommen. Wir übrigens auch, denn nachdem wir zu Beginn der Veranstaltung noch neidisch auf den Jungen gestarrt haben, der seine Sonnencreme ausgepackt hat, gab es um kurz nach acht Uhr doch tatsächlich noch einen festen Regenschauer und wir wurden nochmal so richtig pitschig nass.

CSD-Stimmung. Foto: Alexander Deeg

Remember PolitParade 2019? Oder IDAHOBIT 2021? Nasse Schuhe und tropfende Regenbogenfahnen werden langsam zur Tradition. Da aber glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt schon fast alle Fans im Stadion waren, konnten wir uns dann auch, nass aber fröhlich, auf den Heimweg machen.

Aus einer kleinen Idee wurde etwas ganz Großes

Und was ist nun mein Fazit dieses Tages? Eindeutig: Dank und Stolz! Dank natürlich nicht nur an die CSD-Organisationen, sondern auch an die Stadt München, deren Stadtrat und Oberbürgermeister, diesen Regenbogenrummel überhaupt erst auf den Weg gebracht und deren Behörden diese Aktion unbürokratisch und schnell möglich gemacht und auch für den ausreichenden Schutz gesorgt haben. Und Stolz auf uns und unsere Community, auf die Menschen, die sich spontan bereit erklärt haben, mitzumachen - vor und hinter den Kulissen - und auch auf die Fans, die uns unterstützt und im Stadion den Regenbogen gezeigt haben.

Wir können so viel schaffen, wenn wir nur wollen und zusammenhalten!

An diesem Tag hat die Welt tatsächlich auf München und unsere Community geschaut und unser Kampf für gleiche Rechte für LGBTIQ*, für eine offene und inklusive Gesellschaft, hat so viel Aufmerksamkeit bekommen wie vermutlich noch nie. Wir waren über mehrere Tage die erste Meldung in der Tagesschau; vermutlich jede Zeitung hat dieses Thema aufgegriffen und im Internet und den sozialen Medien haben unzählige Organisationen und Firmen ihren Auftritt mit einem Regenbogen geschmückt. Natürlich ist da jede Menge Pink Washing mit dabei, da dürfen wir uns nichts vormachen, aber dennoch: "as kann aus dieser Aktion noch alles folgen? Mittlerweile droht die EU Ungarn mit handfesten Konsequenzen und selbst unsere Bundeskanzlerin - deren Aussage, sie könne mit gleichgeschlechtlichen Lebensweisen nichts anfangen, uns noch im Ohr ist - hat das neue ungarische Gesetz aufs Schärfste verurteilt.

Sturm kommt auf. Foto: Sandra Hoestermann-Schüttler

Und das alles, weil eine Stadt die Idee hatte, ihr Fußballstadion in Regenbogenfarben leuchten zu lassen!

Manchmal kann aus einer einfachen Idee etwas ganz Großes werden. Und genau aus diesem Grund ist jedes Engagement in unserer Community wichtig, mag es auch noch so klein sein. Wer weiß, welche vermeintlich kleine Idee zur nächsten weltweiten Regenbogenwelle wird. Denn wie schon Walt Disney sagte: "I only hope that we don't lose sight of one thing - it was all started by a mouse!"

 

Sie, Er, Ich

So, 9. Mai 2021 - Von Patricia Schüttler und Sandra Höstermann-Schüttler

Ach ja, unsere Medien. Erneut stellt sich ein Bericht über Transidentität bzw. eine mögliche "Komplikation", wenn man es überhaupt so bezeichnen möchte, als relativ polarisierend dar. Das ist unser Kommentar zum Artikel von Thorsten Schmitz über eine Detransition in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Mai 2021.

Es ist Fakt, dass gerade in den vergangenen Jahren die Zahl derer zunimmt, die sich mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren können und daher den Transweg (Transition) für sich als Lösung ihrer extremen psychischen Belastung ansehen. Erfahrungsgemäß stellt sich dieser Weg allerdings als korrekt dar und selbst bei den vielen Möglichkeiten von Komplikationen, zu denen es bei den geschlechtsangleichenden Operationen kommen kann, verlieren Betroffene nicht den Mut und sehen einer besseren Zukunft entgegen, was zeigt: Eine Transition ist für sie definitiv die Lösung für ihr Dilemma. Natürlich ist jedes Wachstum immer auch mit einer gewissen Anzahl von Ausreißern verbunden, welche aber im Trans*-Bereich als sehr gering anzusehen ist. Operateure berichten von einigen wenigen in vielen Jahren ihrer Berufsausübung.

Der Weg in den OP-Saal braucht Zeit

Nichtsdestotrotz bleibt bei alldem zu beachten, dass die Entscheidung zu einer Operation sehr gut überdacht werden muss und daher, um Fehler zu minimieren, von einer ausreichenden psychotherapeutischen Behandlung begleitet werden sollte. So sagt die MDS-Begutachtungsanleitung vom August 2020 klar, dass diese Psychotherapie mindestens einen Zeitraum von sechs Monaten umfassen muss mit einer Behandlung von zwölf Sitzungen à 50 Minuten.

So ist es nach heutigen Vorgaben zwar möglich, eine maskulinisierende Brust-Operation bereits nach sechs Monaten zu erhalten, jedoch ist eine Geschlechtsangleichung im Genitalbereich erst nach einer psychotherapeutischen Begleitung von wenigstens einem Jahr möglich. Noch länger warten trans* Frauen auf einen möglichen Brustaufbau, insofern dieser überhaupt von der Krankenkasse übernommen wird, da dies engen Regeln unterliegt. Eine zweijährige Hormontherapie wird hier als Grundvoraussetzung gesehen.

Ausnahmen bestätigen (nicht) die Regel

Der im Artikel beschriebene Weg von Ellie R. sollte also als Ausnahme gelten, da er nicht oder nur teilweise mit dem üblichen Weg zum "wahren Geschlecht" übereinzustimmen scheint. Bei vielen De-trans-Geschichten fällt auf, dass die Betroffenen individuelle Wege gehen und teilweise die vorgeschriebenen Reglementierungen umgehen.

Schade ist, dass in solchen Artikeln immer wieder dieselben Ärzt*innen zu Wort kommen, von denen wir wissen, dass sie insbesondere der Behandlung von jugendlichen trans* Menschen kritisch gegenüberstehen. Man sollte aber an dieser Stelle eher davon ausgehen, dass behandelnde Ärzt*innen ihre Arbeit sehr gewissenhaft und im Sinne der Gesundheit der Betroffenen durchführen.

Die SZ vermischt Personenstandsänderung und medizinische Transition

Was man auch nicht vergessen darf, und da vermischt der Artikel leider zwei grundlegend verschiedene Sachverhalte, ist die Tatsache, dass wir unterscheiden müssen zwischen der medizinischen Transition und der Personenstandsänderung. Letztere ist die rechtliche Änderung des Namens und des Personenstands in allen Dokumenten und Unterlagen. Hier ist es sicher unbestritten, dass dieser Weg möglichst einfach und ohne unnötige bürokratische Hürden ablaufen kann und sollte. Es bleibt zu hoffen, dass eine zukünftige Gesetzesänderung dies endlich auch in Deutschland ermöglichen wird.

Medizinische Maßnahmen und operative Eingriffe hingegen werden immer bestimmten Regularien unterliegen müssen, nicht zuletzt weil diese Maßnahmen ja von den Krankenkassen bezahlt werden sollen. Hier werden die Krankenkassen immer darauf bestehen, dass beispielsweise medizinische Gutachten vorliegen, bevor sie eine Kostenübernahme gewähren.

Eine komplette Selbstbestimmung und freie Entscheidung der Betroffenen, wie sie mitunter auch von trans* Aktivist*innen gefordert wird, wird es hier vermutlich niemals geben, es sei denn, wir möchten ein System, wo ein Großteil der medizinischen Maßnahmen selbst bezahlt werden muss mit der Konsequenz, dass sich sehr viele trans* Menschen dies finanziell dann nicht mehr erlauben können.

Der Transweg - ein Trend? Keineswegs!

Aber ist es nun tatsächlich ein Trend unter Jugendlichen, trans* zu sein? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Anzahl der Jugendlichen, die sich auf den Transweg begeben, in den letzten Jahren stark angestiegen ist. Wenn man allerdings auch nur einen kleinen Einblick hat in die physischen und psychischen Strapazen, die eine Transition mit sich bringt und wenn man bedenkt, dass trans* Menschen bereit sind, massiv in ihren funktionierenden Körper einzugreifen, sei es durch die Hormontherapie und/oder durch Operationen, dann wird schnell klar, dass sich vermutlich niemand solch gefährlichen und schmerzhaften Maßnahmen unterzieht, nur um einem Trend zu folgen.

Der Autor des Artikels spricht trans* Menschen und insbesondere Jugendlichen die Vernunft ab, für sich entscheiden zu können, aber die bestehenden Regelungen und die Hürden, die trans* Menschen auferlegt werden, bevor sie medizinische und insbesondere operative Behandlungen durchführen können, sprechen eindeutig dagegen.

Die Trans*-Community muss sich selbst kritische Fragen stellen

Natürlich gibt es Menschen, die sehr unbedarft an eine Transition herangehen und hier muss sich unsere Community und vor allem die trans*Community selbst kritisch folgende Fragen stellen: Klären wir in unseren Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen ehrlich auf über die medizinischen, psychischen und sozialen Konsequenzen einer Transition? Vermitteln wir, insbesondere in den sozialen Medien, ein realistisches Bild von trans* Menschen und ihrem Leben?

Wir denken, dass es durchaus möglich ist, dass angehende trans* Menschen durch die sozialen Medien das Bild vermittelt bekommen, dass eine Transition ein Kinderspiel ist und einfach immer alles prima läuft. Wie viele Fotos von wunderschönen trans* Frauen und starken, muskulösen trans* Männern kennen wir aus den einschlägigen Foren im Internet, wie viele Berichte von super-easy Operationen ohne Schmerzen und Komplikationen und von überglücklichen trans* Menschen nach der OP, wo alles funktioniert hat?

Im Gegensatz dazu: Fallen uns irgendwelche Berichte ein von trans* Menschen, die offen darüber sprechen, dass vielleicht nicht alles perfekt gelaufen ist, dass es Komplikationen gab, dass sie wochen- oder monatelang mit Schmerzen zu kämpfen hatten? Letzteres gibt es eher selten zu lesen. Darauf geht der Autor des Artikels ebenfalls ein und da müssen wir korrekterweise zustimmen.

Social Media verstärken Klischees von Weiblichkeit

Es stellt sich allerdings tatsächlich die Frage, warum es immer mehr Jugendliche gibt, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen weiblichen Geschlecht nicht identifizieren können. Wie geht es jungen Mädchen in unserer heutigen Zeit, die so sehr durch Visualität geprägt ist, wo Influencerinnen vorleben, dass nur ein hübscher weiblicher Körper liebenswert ist und wo jedes Like und jeder Klick für ein Foto das Selbstbewusstsein stärken soll?

Könnte es vielleicht sein, dass Mädchen, die diesem Idealbild nicht entsprechen oder auch nicht entsprechen möchten, keine andere Möglichkeit sehen, als sich dann als Junge zu definieren, da es keine weiblichen Vorbilder mehr gibt, die nicht dieser vermeintlichen Norm entsprechen?

Es braucht mehr Akzeptanz für non-binäre Menschen

Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma könnte die steigende Zahl an Menschen sein, die sich als non-binär definieren und damit die klassischen Rollenbilder von "männlich" und "weiblich" hinterfragen und dafür sorgen, dass die Grenzen zunehmend verschwimmen. Wenn non-binäre Menschen in unserer Gesellschaft mehr Akzeptanz finden, können vielleicht Jugendliche, die sich mit ihrer zugewiesenen Geschlechterrolle nicht (vollständig) identifizieren, eine Möglichkeit finden, sich in unterschiedlichen, vielleicht auch wechselnden Rollen auszuprobieren ohne den Druck zu verspüren, sich gleich als trans* zu definieren.

Möglicherweise sehen wir dann weniger solcher einseitigen Darstellungen in den Medien über "misslungene Transitionen", die letztendlich bei Betroffenen und ihren Angehörigen nur unnötige Ängste schüren. Aber vielleicht ist ja auch das Interesse der Medien an der Darstellung von negativen Ausnahmefällen der eigentliche Trend.

Es ist endlich Zeit für lesbische Sichtbarkeit!

Do, 29. April 2021 - Von Tessa Ganserer, erste trans* Person im bayerischen Landtag

Inner- und außerhalb der Community möchte ich mich dafür einsetzen, dass lesbische Menschen endlich angemessen relevant werden. Gefordert wird das wahrlich nicht das erste Mal. Doch auch in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich noch immer nicht sehr viel getan.

Lesbische (cis- wie nicht-cisgeschlechtliche) Frauen sind in besonderer Weise mit diskriminierenden und benachteiligenden Bedingungen konfrontiert. Die von der Grünen Landtagsfraktion in Auftrag gegebene Studie Queeres Leben in Bayern der Hochschule Landshut stellte beispielsweise fest, dass Lesben in der Gruppe der insgesamt nicht-heterosexuellen Teilnehmer*innen am häufigsten Diskriminierung in den letzten drei Jahren in Bayern erfahren haben (Wagner/Oldemeier 2020).

Lesbische Frauen kämpfen an vielen Fronten

Hinzu kommt eine spezifische Mehrfachdiskriminierung: Einerseits geht es um Sexismus und Homofeindlichkeit und andererseits um mangelnde Sichtbarkeit sowie eine damit verbundene mangelnde Anerkennung. Nach wie vor gilt, dass die Lebenssituationen, Erfahrungen, besonderen Herausforderungen und wichtige Errungenschaften im Zusammenhang mit lesbischem Leben weder einer allgemeinen noch einer spezifischen queeren Öffentlichkeit ausreichend bekannt sind. Wenn es um queerspezifische Themen geht, werden Lesben zwar meist mitgenannt, aber sie werden kaum angemessen sichtbar. Lesbische Frauen kämpfen also an verschiedenen Fronten. Die Hintergründe sind komplex.

Was wissen wir denn über die Lebenssituation lesbischer Frauen der letzten 100 Jahre in Deutschland? Viel zu wenig. Ein Lichtblick bilden da Forschungsprojekte, die sich erstmals historischen Fragen zu lesbischem Leben widmen können. So konnte wissenschaftlich belegt werden, welchen systematischen und strukturellen Diskriminierungen lesbische Frauen ausgesetzt waren. Wie sieht es mit einer angemessen Erinnerungskultur für Verbrechen gegen lesbische Frauen aus? Leider auch immer noch ganz schlecht.

Gedenken an die lesbischen Opfer der NS-Zeit. Foto: Tessa Ganserer

Aber Antidiskriminierungsarbeit beginnt nicht erst in der Gegenwart! Antidiskriminierungsarbeit braucht die systematische Aufarbeitung der Geschichte. Mit einem fundierten und systematischen Verständnis der Vergangenheit werden gesellschaftliche Situationen der Gegenwart erklärbar. Gleichzeitig kann ein Blick in die Geschichte für die so wichtigen Rollenvorbilder für lesbische Frauen im Heute sorgen. Denn davon gibt es ebenfalls viel zu wenig. Das gilt insbesondere auch für Film und Fernsehen.

Kulturelle Entwicklungen in lesbischen Kontexten der Vergangenheit können außerdem zeigen, dass hier Geschlechterdarstellungen schon immer vielfältig waren und alternative, nicht den binären Normen entsprechende Geschlechterpräsentationen, wahrlich kein neues Phänomen sind, wie fälschlicherweise oft behauptet wird.

Es braucht mehr Initiativen für lesbische Sichtbarkeit!

Die nicht vorhandene Sichtbarkeit lesbischen Lebens auf so vielen Ebenen führt deswegen strukturell zu einer mangelnden Berücksichtigung. Spezifische Projekte zur Unterstützung bei homofeindlichen Übergriffen gegen Frauen gab es viel zu lange nicht. Ein daran anknüpfendes Problem ist die extrem geringe Anzeigenquote von lesbenfeindlichen Übergriffen. In der Studie Queeres Leben in Bayern gaben außerdem insgesamt nur drei Lesben an, nach einer Diskriminierungserfahrung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ein Beratungsangebot in Anspruch genommen zu haben – das ist zu wenig und das muss sich ändern!

Deswegen sind Initiativen zu begrüßen, die für lesbische Sichtbarkeit sorgen, um bestehende Bedingungen zu verändern. Auch auf landespolitischer Ebene kann hierfür was getan werden! In Berlin wurde 2018 erstmals ein Berliner Preis für Lesbische* Sichtbarkeit vergeben und seit 2020 auch in Hessen. Der dyke* march Nürnberg ruft in einer Petition an den Bayerischen Landtag dazu auf, einen Preis für lesbische Sichtbarkeit in Bayern zu vergeben. Und ich fordere das ebenfalls von der bayerischen Staatsregierung! So lange sich Unsichtbarkeit, Benachteiligungen und Diskriminierungen wie ein roter Faden durch den Alltag lesbischer Lebenswirklichkeiten zieht, braucht es Zeichen und finanzierte Maßnahmen!

Tessa Ganserer. Foto: Christian Hilgert

Nimmt die Gewalt gegen LGBTIQ* in Bayern wieder zu?

Do, 25. März 2021 - Von Dr. Bettina Glöggler und Dr. Michael Plaß

Gefühlt nehmen Gewalt und Diskriminierung wieder zu, aber es gibt keine Statistik, die das eindeutig belegen kann. Der Grund dafür ist die enorme Dunkelziffer im Bereich Hatecrime gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen.

101 Gewalt- und Diskriminierungsfälle registrierte die LGBTIQ*-Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt Strong! im Jahr 2020. Einige Fälle drehten sich um Gewalt in der eigenen (Paar-)Beziehung und um Vorfälle ohne Hass-Motivation. Viel zu oft kommt es allerdings nach wie vor zu Gewalt und Diskriminierung aus Hass.

Bei Strong! wurden 82 Fälle im Jahr 2020 bekannt, die aus Homosexuellen-, Trans*-, Inter*- und Queerfeindlichkeit motiviert waren. Gewalt wegen Sexismus, Rassismus und Diskriminierung aufgrund des Status HIV-positiv kommen darüber hinaus ebenso vor – nicht selten erleben LGBTIQ*s gleichzeitig mehrere Diskriminierungsformen.

Hintergründe und Motivationen von Gewalt und Diskriminierung

Seit den 1990er Jahren führt das Anti-Gewalt-Projekt des Sub e.V., das im Juli 2020 zur LGBTIQ*-Fachstelle "Strong!" wurde, eine Statistik zu Gewalt- und Diskriminierungsfällen. Die meisten Vorfälle werden nicht gemeldet. Deshalb spiegelt unsere Statistik nicht auch nur annähernd die Realität wider. Wir gehen von einer enormen Dunkelziffer aus. Noch dramatischer sind die Zahlen des Münchner Polizeipräsidiums. Hier wurden 2018 sechs Straftaten angezeigt, 17 Fälle 2019 und 20 im Jahr 2020.

Hier ist zu kritisieren,

dass die Gewalt gegen die Geschlechtsidentität bei der Gewalt gegen die sexuelle Identität subsummiert ist. Dadurch wird Hass gegen trans*, inter* und non-binäre Menschen unsichtbar gemacht. Aber immerhin erfasst die Polizei in München "Delikte […], die gegen sexuelle Neigungen gerichtet sind", so ein Zitat aus dem Sicherheitsreport des Polizeipräsidiums München 2020 auf Seite 105. Denn Angaben zu Hasskriminalität gegen LGBTIQ*s suchen wir in den Berichten der bayerischen Polizei seit jeher vergeblich.

Strong-Fälle seit 1993

Die Gründe für diese starke Diskrepanz zwischen den bei Strong! bekannt gewordenen Fällen, den Anzeigen bei der Münchner Polizei und der Dunkelziffer sind vielschichtig. Zum einen erstatten viele betroffene LGBTIQ*s keine Anzeige, weil sie davon ausgehen, dass ihr Erlebnis "nicht schlimm genug" ist oder, dass die Polizei "eh nichts tun kann". Hinzu kommt immer wieder die Befürchtung, von der Polizei diskriminiert zu werden (vgl. Berliner Monitoring 2020, S. 36).

Zum anderen wird Gewalt

oft nicht als solche erkannt. Etwa, weil in unserer Gesellschaft Gewalt oft mit Zuschlagen oder Waffengebrauch gleichgesetzt wird und damit psychische Gewalt wie beispielsweise Beleidigungen, Unterdrucksetzen, Mobbing oder das Nichtanerkennen von Trans*-Identitäten nicht mitgedacht wird. Doch ein Blick in die Gewaltstatistik von Strong! für 2020 zeigt, wie unterschiedlich die Erfahrungen sein können.

Gewaltform Diskriminierungsart 2020

Aufgrund der hohen Dunkelziffer können unsere Statistiken die vieldiskutierte These, dass LGBTIQ*-Feindlichkeit in den vergangenen Jahren zugenommen hätte, weder untermauern noch widerlegen. Deshalb hilft jede Meldung bei Strong!, Licht ins Dunkel zu bringen und die Dringlichkeit der Probleme von LGBTIQ*s zu verdeutlichen.

Es gibt keine Kleinigkeiten, denn LGBTIQ*-Feindlichkeit ist Hatecrime! Unser Appell geht an Euch alle, jeden Vorfall zu melden: www.strong-lgbti.de

"Ich wollte nie der Berufsschwule sein"

Di, 16. März 2021 - Von Thomas Michel

Wunderbar, wenn ein Mann seinen schwulen Lebenspartner nach elf Jahren heiraten darf! Was der SZ im Fall von Anselm Bilgri Anlass gibt zu einem ausführlichen Interview.

Nicht ganz so schön, finde ich, wenn dieser Mann die Menschen, die (auch) für (seine) gleiche(n) Rechte auf die Straße gegangen sind, als "Berufsschwule" verunglimpft. Oder weiß ein "Mann des Wortes", der seit vielen Jahren "Mönch berät Manager" und jetzt auch noch "Kirchenaustritt und schwule Heirat" vermarktet, tatsächlich nicht, dass dieser Begriff meist abwertend verwendet wird?

"Früher hat man den Partner adoptiert, das braucht es heute nicht mehr." Nein lieber Anselm, das haben früher nur einige ganz wenige gemacht. Die vielen Anderen – und nicht nur "Berufsschwule" - haben dafür gekämpft, dass sich das endlich ändert. Dafür, dass Du jetzt Deinen Partner nicht mehr adoptieren musst!

Sie haben sich gezeigt

und damit angreifbar gemacht, was Du "auch aus Sicherheitsgründen" nicht gemacht hast. Denn Du hattest Angst, dass "es schon schwierig wird" wenn nach einem Outing "die Aufträge als Selbstständiger nachlassen". Sie haben vor nicht allzu langer Zeit in Bayern damit noch ihren Beamtenstatus riskiert, und, in Deinen Worten, trotzdem ihr Schwulsein vor sich her getragen.

Ich würde sagen: Um sich für längst überfällige Veränderungen einzusetzen. Und damit zum Beispiel auch Jugendlichen zu helfen, ihr Coming-out gut zu schaffen. Anstatt sich wie Michael Schmidpeter aus Verzweiflung und im Glauben, der einzige Schwule auf der Welt zu sein, das Leben zu nehmen. Die Reaktionen nach deinem Outing haben dir gezeigt, "dass es in den Köpfen doch noch eine Schranke gibt". Hat dich das überrascht, wenn Menschen wie Du seit ihrer Jugend ein Doppelleben führen?

Richtig paradox (oder soll ich sagen, pharisäerhaft) wird es, wenn ausgerechnet Du beklagst, das noch immer "in drei Bereichen Homosexualität ein Tabu (ist): für die Kirche, die Wirtschaft und im Fußball." Denn Du hast ja selbst viele Jahre in Kirche und Wirtschaft dazu beigetragen, dass es so bleibt! "Es müsste Leute geben, die dazu stehen, die auch möglichst vorne dran sind." Aha! Andere sollen also das tun, was du "aus Sicherheitsgründen" selbst nicht getan hast? Sondern erst, als Outing keine Gefahr mehr war oder sogar noch Deiner eigenen Vermarktung hilfreich. Mit Ex-Lufthansa-Vorstand Thomas Sattelberger würdest Du Dich wohl sehr gut verstehen. Der hat das auch so gemacht.

Zumindest das populärpsychologische Bedienen

des Klischees vom Schwulen, dem (Ver-)Kleidung besonders wichtig ist, hättest Du uns ersparen können: "Mich hat das Ordensgewand fasziniert, das hat vielleicht mit meiner Homosexualität zu tun."

Tröstlich zumindest Deine späte Einsicht: "Ich kann niemandem ein Doppelleben raten."

Jeder soll sich outen, wann er will (und kann). Aber ist es wirklich zuviel verlangt, andere Menschen, die dafür gekämpft haben und kämpfen, dass Coming-out leichter und ohne rechtliche und wirtschaftliche Nachteile möglich wird, nicht als Berufsschwule abzuwerten? Jeder ist so mutig, wie er will (und kann). Aber ist es wirklich zuviel verlangt, die Mutigeren nicht als Menschen zu beschreiben, die ihr Schwulsein vor sich her tragen?

Und ist es von einem reifen Mann zuviel verlangt, zu verstehen, dass es nicht ganz "stimmig" ist, von anderen zu fordern, was er selbst "aus Sicherheitsgründen" lieber nicht getan hat?

"Komischerweise tut sich das Kloster schwerer damit, sich mit mir zu versöhnen als ich mit ihm." Das findest Du wirklich komisch? Und du willst Managern beibringen, wie Zusammenarbeit und Führung mit Vertrauen geht? Das finde ich komisch!

Ein Sonntag im Harry Klein

Fr, 12. März 2021 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Nein, leider muss ich euch enttäuschen. Das wird kein Bericht über eine durchtanzte Nacht im Harry Klein. Darauf werden wir vermutlich noch ein wenig warten müssen. Aber bis es soweit ist, gibt es ja glücklicherweise einige Aktivitäten aus der Community, die unseren Home-Office-, Quarantäne- und Kontaktbeschränkungsalltag etwas auflockern.

Und hier kommen die MeatGirls ins Spiel: Pasta Parisa, Dean DeVille und Janisha Jones haben Frank Zuber und Patricia Schüttler eingeladen, um im Rahmen ihrer Talkshow, die im Harry Klein aufgezeichnet wird, über einige aktuelle Themen rund um den CSD zu plaudern. Vielen Dank Ladys für die Einladung!

Im Keller ist es gar nicht so langweilig

Und so kam es, dass Patricia, Frank und ich an einem Sonntagnachmittag im Harry Klein aufgeschlagen sind und wie das nun mal so ist, wenn man gleich mit einer ganzen Handvoll glamouröser Damen verabredet ist: Erstmal hieß es warten und sich im Keller die Zeit vertreiben, was natürlich eine der leichtesten Übungen für die beiden aus dem „Trans-Cis-Zusammen-Stärker-Team“ ist, die vermutlich 72 Stunden am Stück gleichzeitig plaudern könnten.

Frank Zuber und Patricia Schüttler

Während einer Drag-Queen-Umzieh-Pause haben wir schon mal das "Aufnahmestudio" inspiziert, kurzes Probesitzen, Kulissen checken und Frank und Patricia haben sich, wie man sieht, höchst professionell auf ihren Auftritt vorbereitet.

Kontroversen um die Mottowahl

Und dann waren auch schon die Gastgeberinnen da, es gab noch kurze letzte Anweisungen und los ging es mit dem Talk, alles natürlich entsprechend der geltenden Corona-Regelungen inklusive aktueller negativer Corona-Tests für die MeatGirls und Patricia. Und wie man sieht, wurden auf der Bühne die Abstandsregeln eingehalten. Ob das allerdings auch für die Anstandsregeln galt, müsst ihr selbst herausfinden…

Vor laufender Kamera, ohne Schnitt und Wiederholungen (und damit auch inklusive umfallender Sektgläser und ihrer Folgen) wurde fleißig geschnackt über den diesjährigen CSD, die Kontroversen rund um die Mottowahl, die Pläne für die PrideWeek und die Möglichkeiten für jede*n Einzelne*n, sich beim CSD einzubringen.

Frank Zuber, Sandra Höstermann-Schüttler, Patricia Schüttler

Wir freuen uns schon, wenn die MeatGirls bei der geplanten Fahrraddemo mit ihrem speziellen Hot-Dog-Fahrrad voranfahren oder hab‘ ich da was falsch verstanden? Den kompletten Talk könnt Ihr hier anschauen.

Direkt nach der Aufzeichnung der Talkrunde kam Frank dann kurz ins Schwitzen (natürlich nur rein zeitlich), weil um 18 Uhr schon das CSD-Insta-Live-Update auf dem Programm stand und wer dabei war, weiß nun auch, warum Frank diesmal in einem etwas anderen Ambiente zu sehen war. Zu Gast war Martina Kohlhuber, die einen Einblick in die Planungen zur Münchner Bewerbung als Ausrichtungsort der Gay Games 2026 gab.

Wir erwarten hohen Besuch im Sommer

München ist mittlerweile unter den letzten drei Bewerber*innen für die Gay Games 2026, gemeinsam mit Guadalajara, Mexiko, und Valencia, Spanien. Momentan wird mit Hochdruck daran gearbeitet, bis Ende April ein ca. 300-seitiges Bid Book zu erstellen und ich bin gespannt, wie der im Sommer geplante Besuch der Federation of Gay Games ablaufen wird. Hoffentlich haben wir bis dahin alle einen Friseurtermin bekommen, damit wir einen passablen Eindruck machen. Sorry, das gilt natürlich nur für mich und meinen Golden-Girls-Hairstyle.

Drag Talk

Wer Lust hat, sich einzubringen, ist auch hier mit Ideen und Support herzlich eingeladen. Alle Infos rund um die Gay Games 2026 gibt es hier.

Pride ist an jedem Tag

Zum Schluss des heutigen Foto-Blogs bleibt mir nur noch, ein großes Dankeschön zu sagen an die MeatGirls und die Harry-Klein-Crew hinter den Kameras für die Einladung, die Einblicke in die wohl kreativste Talk-Show Deutschlands und das schönste Zitat des Tages von Pasta Parisa: "Pride ist an jedem Tag, nicht nur zum CSD!"

Proud. Human. Queer. … Wirklich?

Fr, 19. Feb 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Puh, was für eine Woche. Mottowahl, Euphorie, Startschuss in die CSD-Saison 2021, Facebook-Posts, Vorwürfe, Mitläufer*innen, böse Worte, Missverständnisse, Ärger. Was war denn da los?

Die Dinge, die in der ersten Februarwoche passiert sind, möchte ich gerne in meinem heutigen Blog thematisieren und meine Gedanken und Gefühle dazu mit euch teilen, diesmal bewusst nur von mir und nicht gemeinsam mit Patricia, da ich im Gegensatz zu ihr weder Teil des Gremiums war, das die Mottovorschläge für die Online-Wahl erarbeitet und diskutiert hat, noch aktiv auf den sozialen Medien unterwegs bin und die dort geposteten Äußerungen in den letzten Tagen quasi nur vom Spielfeldrand aus beobachtet habe.

Die Woche fing sehr vielversprechend an. Das Online-Voting für die fünf Mottovorschläge war beendet und die meisten Stimmen bekam mit 33% „Proud. Human. Queer.“, ein Motto, das uns die Möglichkeit gibt, alle unsere „Buchstaben“ und Definitionen unterzubringen, denn wenn uns eines vereinen sollte, dann doch wohl unsere Menschlichkeit. Egal ob wir „Proud. Lesbisch. Queer“ sind, „Proud. Trans. Queer.“, „Proud. People of Color. Queer” oder oder oder. Ein Motto, das sich so vielfältig gestalten lässt, wie vielleicht seit Jahren nicht mehr, sowohl verbal aus auch visuell.

Ein CSD-Motto gefällt natürlich niemals allen

Und natürlich gefällt das aktuelle CSD-Motto nicht allen, das ist doch ganz verständlich. Das war schon immer so und so wird es auch immer bleiben. Aber gerade in diesem Jahr war der Abstimmprozess viel offener als in den vergangenen Jahren. Jede*r aus der Community konnte im Vorfeld Themen einreichen und sich auch aktiv am Online-Community-Talk im Dezember beteiligen.

Nach dieser Runde wurden basierend auf den diskutierten Themen in einem Gremium die fünf Mottos erarbeitet, die dann zur Wahl gestellt wurden und dieses Gremium war größer und diverser als in den letzten Jahren. Hier haben diesmal nicht nur Vertreter*innen aus den Organisationen, die hinter dem CSD stehen, teilgenommen, sondern auch einzelne Menschen aus genau den Gruppen, die angeblich kein Gehör finden können. Hier war mit Jung, Alt, Gay, Lesbisch, Trans, Non-Binär wirklich ein weites Spektrum der Community involviert und während in den letzten Jahren auf dem Szenestammtisch nur ca. 40 Vertreter*innen der Community das finale Motto ausgesucht haben, konnte diesmal online wirklich jede*r abstimmen und knapp 1.500 Menschen haben dies auch gemacht.

Kontroversen können die Community nach vorne bringen

Und dann bricht nach der Mottowahl plötzlich ein regelrechter Shitstorm auf Facebook los. Dass das Prozedere, wie das Motto gewählt wurde, kritisiert wird, ist meiner Meinung nach völlig legitim. Der CSD München und die Community können und müssen solche Diskussionen aushalten und hier sind auch kontroverse Meinungen willkommen und sollten diskutiert werden. Aber solche Meinungen im Nachhinein zu äußern und nicht vor oder während des Prozesses und ohne konstruktive Vorschläge zu machen, wie es besser laufen kann, ist leider nicht nur wenig zielführend, sondern auch ein Stück weit unfair.

Es wurde gesagt, dass besonders marginalisierte Gruppen der Community in einem solchen Auswahlprozess kein Gehör finden und hier wurden explizit Trans*menschen und People of Color genannt. Hm… Wenn ich mich korrekt erinnere, war zu dem Diskussionspanel im Dezember auch ein Vertreter der Rainbow Refugees eingeladen. Die Mottos, die zur Wahl standen, waren durchweg in Englisch (was auch nicht überall mit Beifall begrüßt wurde) und bei der Online-Diskussion war es „der weiße schwule Mann“, der sich vehement für Trans*themen stark gemacht hat. Nicht zuletzt deshalb hat es auch ein explizites Trans*thema in die zur Auswahl stehenden Mottos geschafft.

Ob sich die genannten Gruppen damit ausreichend repräsentiert fühlen, ist etwas, was die Community diskutieren kann und auch diskutieren sollte und es ist für mich selbstverständlich, sich mit sachlich vorgetragener Kritik auseinanderzusetzen und konstruktive Vorschläge, wie es besser laufen könnte, aufzunehmen. Die Community lebt von Kontroversen und es sind gerade solche Auseinandersetzungen, die uns nach vorne bringen und der Community neue Impulse geben können.

Was ist mit uns passiert?

Was mich aber regelrecht entsetzt hat, ist die Tatsache, dass das Motto „Proud. Human. Queer.“ auf den Sozialen Medien ins Lächerliche gezogen wurde und dass sich hier viele Menschen beteiligt haben. Es wurden Dinge gepostet wie „Tiefer. Schneller. Härter“, „Tunten. Essen. Kinder.“, „Kesse Mütter. Leckbrüder. Warme Schwestern.“, „Ficken. Bumsen. Saufen“, „Friede. Freude. Eierkuchen“. Echt jetzt, Leute? Bringt uns sowas weiter? Und ist es das, was Ihr mit dem CSD verbindet?

Wir hatten auch im letzten Jahr ein Motto, das viele anfangs wenig begeistert hat, selbst Menschen aus dem Leitungskreis des CSD. Aber wir haben uns, wie jedes Jahr, gemeinsam hinter das Motto gestellt und haben in dem für uns alle schwierigen Jahr 2020 das Beste daraus gemacht. Und im Nachhinein hätte es vermutlich kein passenderes Motto geben können als „Gegen Hass. Bunt – Gemeinsam – Stark“.

Aber im letzten Jahr gab es nicht diese Häme, als lustige Späße getarnte Boshaftigkeiten und solche Kontroversen in den sozialen Medien. Was ist mit uns passiert? Haben wir jeglichen Zusammenhalt verloren? Können wir uns nicht mal mehr für den CSD zusammenraufen, um gemeinsam für unsere Community und für unsere Rechte zu kämpfen? Warum fangen wir an, uns gegenseitig zu bekämpfen und uns vorzuwerfen, dass Teile der Community ausgeschlossen werden? Ist das das Bild, dass wir der heteronormativen Welt zeigen wollen?

Jede*r kann sich einbringen

Ein CSD ist nur so gut wie die Menschen, die dahinterstehen. Und hier ist wirklich jede*r von euch willkommen und kann sich mit den Themen einbringen, die euch am Herzen liegen. So ist es auch bei mir gewesen. Ich setze mich für Angehörige von Trans*menschen ein und da mir dieses Thema wichtig ist, habe ich im letzten Jahr einen Artikel für den PrideGuide geschrieben.

Wenn ihr für eure Themen einen Diskussionsabend machen wollt, einen Livestream, einen Artikel im PrideGuide, ein spezielles Plakat oder was auch immer ihr machen möchtet, wird es sicher rund um den CSD, im Rahmen der Prideweek oder am CSD-Wochenende ein Forum für euch geben. Der CSD lebt vom ehrenamtlichen Engagement der Menschen in der Community und das ist es, was ihn ausmacht. Der CSD ist keine kommerzielle Veranstaltung, in der nur Menschen aktiv werden, wenn sie für ihr Engagement bezahlt werden. Es ist und bleibt unser CSD und wir können und müssen ihn aktiv gestalten, denn nur so können wir unsere gemeinsame Sache vorantreiben und das ist der Kampf für mehr Akzeptanz und mehr Rechte für LGBTIQ*-Menschen in der Gesellschaft. Das ist es, wofür wir kämpfen sollten und zwar gemeinsam, zusammen und nicht gegeneinander.

CSDo something!

Novembergedanken

Mo, 23. Nov 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Wie schnell die Zeit vergeht! Jetzt haben wir doch gerade erst unseren 'anderen' CSD gefeiert, vielleicht etwas Erholung in den Sommertagen genossen und nun strahlt uns an vielen Ecken der Stadt schon wieder die Weihnachtsbeleuchtung an und wir erleben die ersten winterlichen Tage.

Auch in den Monaten nach dem Pride hat die LGBTI*-Community durch die coronabedingten Restriktionen viele ihrer Aktivitäten nur eingeschränkt oder mitunter gar nicht durchführen können. Der persönliche Kontakt, der vielen von uns so wichtig ist, fehlt sicher nicht nur uns beiden Bloggerinnen.

Telefonieren oder ein Videocall sind natürlich immer möglich, aber wieviel wertvoller ist eine kurze Umarmung, ein freundliches Zuwinken oder ein kleiner Plausch mit einem lieben Menschen, dem wir unerwartet bei einer Veranstaltung über den Weg laufen? Aber wir wären ja keine agile Community, wenn wir nicht Wege gefunden hätten, auch in diesem so speziellen Jahr weiter für unsere Themen zu kämpfen, sichtbar zu sein und Unterstützung zu bieten.

Profis im Teamen und Zoomen

Einige der Münchner Gruppen, speziell im Selbsthilfebereich, können zwar weiterhin persönliche Treffen anbieten, allerdings nur mit eingeschränkter Personenzahl und unter strengen Hygieneregeln. Andere Gruppen bieten ihre Treffen online an und sind wir nicht mittlerweile alle zu Profis im Teamen und Zoomen geworden?

Das Internet ist momentan der wohl wichtigste Weg, unsere Community zusammenzuhalten. Das neue lesbisch-queere Zentrum LeZ erarbeitet in einem Online-Workshop Ende November Möglichkeiten, wie sich Interessierte dort einbringen können und bietet eine Online-Führung durch die Räume an. LeTRa hat rund um ihr 25-jähriges Jubiläum auf ihrer Homepage Meilensteine aus einem Vierteljahrhundert Lesbenberatungsarbeit zusammengestellt und die Männer*-Akademie des Sub findet als Livestream statt.

Ein schönes Beispiel, wie die Community auch virtuell Zeichen setzen kann, war der diesjährige TDoR, der Transgender Day of Remembrance, wo wir am 20. November der Opfer trans*-feindlicher Gewalt gedenken. Die Münchner Trans*-Vereine und -gruppen haben gemeinsam vielfältige Online-Aktionen auf den Weg gebracht und damit vermutlich mehr Aufmerksamkeit erreicht als in den vergangenen Jahren. Wer von Euch hatte denn nicht das TDoR-Banner mit den Trans*-Farben auf dem Facebook-Profil? In diesem Spirit sollten wir unbedingt weitermachen!

Die Vorbereitungen für den CSD 2021 sind bereits gestartet und eines der Highlights ist in jedem Jahr die Suche nach einem Motto, dass unsere Münchner Community repräsentiert und unsere Themen ins Rampenlicht stellt. Hier können wie immer alle Menschen mitmachen, aber da der Prozess etwas anders laufen wird als üblich, wird es diesmal sicher ganz besonders spannend.

Community-Talk am 12. Dezember

Es ist nicht nötig, fertig formulierte Mottovorschläge einzureichen, sondern ihr könnt Themen benennen, die euch bewegen, politische Forderungen beschreiben, für die ihr kämpfen möchtet, oder einfach auch nur eure Gedanken zur Community und zum queerem Leben in München formulieren. Schreibt dafür bis zum 6. Dezember an 2021@csdmuenchen.de, sprecht auf die Telefon-Mailbox unter 0151-74381075 oder kontaktiert den CSD München auf Facebook, Instagram und YouTube.

Am 12. Dezember gibt es dann einen Livestream, bei dem Vertreter*innen aus der Szene mit uns allen in einem Community-Talk über die eingereichten Themen diskutieren und darauf basierend werden in einem Workshop Mottovorschläge erarbeitet, die dann in einem Online-Voting für alle zur Abstimmung zur Verfügung gestellt werden. Also nutzt die Chance und macht mit!

Lasst uns zeigen, dass wir auch unter den besonderen Bedingungen dieser Zeit mit unserem CSD Zeichen setzen. Lasst uns zeigen, dass wir nicht nur gemeinsam feiern können, sondern auch gemeinsam gestalten, diskutieren und uns in unserem Einsatz für eine offene und vielfältige Gesellschaft durch nichts aufhalten lassen. Eure Sandra & Patricia

Der etwas andere CSD-Samstag

So, 12. Juli 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler und Patricia Schüttler

Sonntag, 12. Juli 2020 - Da wir mit unserer Gruppe Trans-Ident selbst einen Demo-Spot in der Innenstadt hatten, können wir heute hauptsächlich von unseren eigenen Erfahrungen berichten. Tatsächlich aber trat Patricia nachmittags auch noch als Talk-Gast im Live Stream auf. So konnten wir auch dort einige Gespräche führen und haben im Nachgang noch ein paar Stimmen aus den Demo-Gruppen eingefangen.

Und wie war er nun, der etwas andere CSD? Noch im Regen fanden sich die einzelnen Spots zur Registrierung für die Demo am Petersplatz ein, wurden ausstaffiert mit einem Motto-Schild und einem Stapel Pride Guides. Ein freundlicher Security-Mensch eskortierte uns zu unserem Platz. Um 12 Uhr ging es dann los.

Weniger ist mehr

Noch war alles nass vom Regenschauer, der kurz zuvor auf die Innenstadt niedergeprasselt war, so dass sich der Aufbau ungemütlich anfühlte. Wir haben zwar einige Gruppen gesehen, die Equipment für einen "Pavillon light" dabei hatten, aber unser Eindruck ist, dass viele - ebenso wie wir - ein eher minimalistisches Konzept verfolgten und lediglich mit Bannern, Plakaten und Schildern bewaffnet ihre Plätze einnahmen.

Der Regen hörte langsam auf, Pride Guides und Info-Material hatten wir im gebotenen Sicherheitsabstand ausgelegt und wir waren bereit, Sichtbarkeit zu zeigen für die Community, für unsere Gruppe und unser Motto. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Passant*innen aufmerksam wurden, Fragen stellten und Infos mitnahmen.

In den drei Stunden Demo-Spot haben wir echt alles erlebt

  • Feiernde Menschen aus der Münchner Community nutzten die Gelegenheit, um in kleinen Gruppen fröhlich von Demo-Spot zu Demo-Spot zu ziehen und Hallo zu sagen. Mit ihren bunten Outfits trugen sie selbst viel zur Sichtbarkeit von LGBTI* bei.
  • Betroffene und Freund*innen kamen vorbei, die Informationen zum Thema Trans* haben wollten.
  • Interessierte Menschen außerhalb der Community ergriffen die Gelegenheit, sich zu informieren und ins Gespräch zu kommen.

Natürlich hatten wir auch Begegnungen mit Menschen, die uns – freundlich ausgedrückt – eher distanziert gegenüber standen. Allerdings konnten wir auch ihnen mit einem fröhlichen "Keine Sorge, Transidentität ist nicht ansteckend" doch noch ein Lächeln entlocken.

Alle waren nett

Die drei Stunden vergingen wie im Flug, das Wetter spielte mit, die Menschen hatten Verständnis für die coronabedingten Auflagen zum gebotenen Abstand und der Tatsache, dass wir ihnen Infomaterial und Pride Guides nicht persönlich aushändigen durften. Selbst Polizei und Security-Guards waren zu uns sehr nett, unaufdringlich.

Alles in allem waren die Demo-Spots ein voller Erfolg. Nicht nur bei uns, auch bei anderen Gruppen, deren Erfahrungen wir einfangen konnten - wie von Münchenstift, Sub, Schwestern der perpetuellen Indulgenz, SAG, Rosa Liste. Es gab sehr viele, intensive Gespräche und die einhellige Meinung war, dass das Konzept der Demo-Spots die Distanz - trotz Corona! - eigentlich verringert hat und die Menschen viel eher bereit waren, auf uns alle zuzugehen und ins Gespräch zu kommen, als dies bei der sonst üblichen Konstellation an CSD-Samstagen mit ihren eng gestellten Infozelten der Fall ist.

Ein politischer CSD

Uns hat das Ganze auf alle Fälle ermöglicht, genau das zu machen, wozu ein CSD da ist: auf die Themen der LGBTI*-Community aufmerksam machen, den Leuten zeigen, dass es uns gibt, Informationen und Hilfestellung geben und die Welt der Menschen, die vielleicht sonst gar nichts mit der Szene zu tun haben, ein wenig offener und bunter machen. Das gute Gefühl nach drei Stunden Demo-Spot war durchaus vergleichbar mit der Euphorie, die sich sonst nach drei Stunden Parade mit Musik, Menschenmengen, Winken, Bannertragen, Jubeln und free hugs einstellt.

Und was auch aufgefallen ist: Es waren sehr viele Menschen in der Stadt mit T-Shirts aus dem CSD-Support-Shop unterwegs. Sie haben nicht nur den diesjährigen Pride unterstützt, sondern gleichzeitig zur Sichtbarkeit von LGBTI* an diesem Tag beigetragen!

Live Stream – Behind the Scenes

Nach erfolgreichem und vor allem trockenem Demo-Spot ging es für uns weiter zum Live Stream. Während im LeTra für CSD-Crew und Supporter*innen ein Backstage Viewing stattfand, hat das Team im Diversity-Cafe die Talk- und Musikgäste des Live Streams vor und nach ihren Auftritten umsorgt. Und natürlich haben wir nur deshalb so viele Süßigkeiten gefuttert, weil wir so erschöpft waren vom Demo-Spot! Ist doch klar.

Rechtzeitig vor dem Auftritt hat uns jemand ins neue Lesbisch-queere Zentrum LeZ begleitet, das Studio für den Live Stream. Kurz Abpudern, Abstimmung mit Moderator Bernd Müller, dann ab in die Kulisse. Kurze Anweisung der Regie, "Es geht los in…“; schon saß man mit einem Mikrofon in der Hand auf einem Hocker, hatte mehrere Kameras vor, Bernd neben sich und einige Menschen hinter den Kulissen, die zuschauten, fotografierten oder einfach nur die Uhr um Auge behielten, damit der Talk auch in der vorgegebenen Zeit durchlief.

Es ist wirklich erstaunlich: Wo am Tag zuvor noch ein leerer Raum war, der sich nach und nach mit Kisten voll technischen Equipments füllte, stand nun eine komplette Kulisse, der mensch auf jeden Zentimeter die liebevolle Gestaltung unseres Community-Designers Frank Zuber ansah: pinke Wände, pinke Stehpulte, ein pinker Computermonitor und jede Menge Schilder, Aufkleber, Aufsteller und andere Bastelarbeiten, die vor der großen Videoleinwand dem Live Stream ihren Münchner CSD-Stempel aufdrückten.

Community-Talks zu den 14 politischen Forderungen

Und auch inhaltlich war der Live Stream einfach klasse! In über acht Stunden Programm hat die Münchner Community alle diesjährigen politischen Forderungen in Talkrunden, Einspielern und mit Grußworten erläutert und diskutiert. Die eingereichten Videoclips der vielen LGBTI*-Gruppen zogen in einer virtuellen Parade an den Zuschauenden vorüber. Es gab Musik, Infoclips, Drags, die sowohl als "Drag der Stunde" in der Kulisse live dabei waren, die aber auch während des Streams mit eigenen Showeinlagen und Infospots glänzten. Es gab immer wieder Input des Publikums aus den Social-Media-Kanälen sowie Gewinnspiele.

Sowohl vor als auch hinter der Kamera ließ der Video-Stream eine solche Professionalität spüren, dass man glatt vergessen konnte, dass es wie bei jedem CSD auch diesmal keine Profis, sondern hauptsächlich die Menschen aus der Community selbst waren, die all dies auf die Beine gestellt haben: die Beiträge zu den einzelnen Themen, die Interviews, die Moderation und vieles mehr.

Wie hat sich dieser von Corona geprägte CSD-Samstag denn nun unterschieden von den Prides der Vergangenheit? Nun, natürlich gab es keine Parade, kein Rathaus-Clubbing und insgesamt weniger Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen. Das ist absolut schade, aber unter den aktuellen Bedingungen nun mal nicht anders zu machen.

Was hatten wir stattdessen? Demo-Spots mit vielen spannenden Begegnungen, wir haben Sichtbarkeit gezeigt, unsere Themen in der Stadt präsentiert. Wir haben im Pride Guide und im Live Stream politische Forderungen diskutiert, virtuell gemeinsam gefeiert und auch die Gruppen unserer Community präsentieren können.

Wenn man bedenkt, dass der CSD Ende März sprichwörtlich vor dem Nichts stand und es fraglich war, ob es in diesem Jahr in München überhaupt einen Pride geben würde, können wir verdammt stolz darauf sein, was in dieser kurzen Zeit von den vielen Menschen rund um den CSD und aus der Szene gekommen ist. Die Münchner LGBTI*-Community hat in diesem Jahr einmal mehr bewiesen, dass wir gemeinsam Großes bewirken können und wir haben unser Motto "Gegen Hass. Bunt, gemeinsam, stark" wahrlich zum Leben erweckt!

Weniger Party, mehr Pride – ein Konzept für die Zukunft?

Wir sollten diesen Spirit und die Erfahrungen aus diesem so besonderen Jahr 2020 aber nicht einfach beiseite wischen und nächstes Jahr - wenn es denn wieder möglich sein sollte - einfach zurück zum Altbewährten gehen. Die konzeptionellen Änderungen, die uns die Coronakrise in diesem Jahr auferlegte, hatten einige, vielleicht unerwartet positive "Nebenwirkungen", die uns für die Zukunft Impulse mitgeben können, um mit unserem CSD politisch, provokant und doch fröhlich, bunt die Münchner LGBTI*-Community zu präsentieren. Deshalb: Nach dem CSD ist vor dem CSD, denken wir darüber nach. Happy Pride! Sandra Höstermann-Schüttler und Patricia Schüttler (Text, Fotos)

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