Community-Blog

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Servus beim Community-Blog hier. Bei den folgenden Beiträgen handelt es sich um persönliche Sichtweisen, Meinungen oder Erzählungen der hier genannten Autor*innen. Diese stellen nicht unbedingt die Meinung oder Überzeugung der CSD München GmbH dar. Feedback oder Anregungen könnt ihr uns gerne unter info@csdmuenchen.de senden.

Proud. Human. Queer. … Wirklich?

Fr, 19. Feb 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Puh, was für eine Woche. Mottowahl, Euphorie, Startschuss in die CSD-Saison 2021, Facebook-Posts, Vorwürfe, Mitläufer*innen, böse Worte, Missverständnisse, Ärger. Was war denn da los?

Die Dinge, die in der ersten Februarwoche passiert sind, möchte ich gerne in meinem heutigen Blog thematisieren und meine Gedanken und Gefühle dazu mit euch teilen, diesmal bewusst nur von mir und nicht gemeinsam mit Patricia, da ich im Gegensatz zu ihr weder Teil des Gremiums war, das die Mottovorschläge für die Online-Wahl erarbeitet und diskutiert hat, noch aktiv auf den sozialen Medien unterwegs bin und die dort geposteten Äußerungen in den letzten Tagen quasi nur vom Spielfeldrand aus beobachtet habe.

Die Woche fing sehr vielversprechend an. Das Online-Voting für die fünf Mottovorschläge war beendet und die meisten Stimmen bekam mit 33% „Proud. Human. Queer.“, ein Motto, das uns die Möglichkeit gibt, alle unsere „Buchstaben“ und Definitionen unterzubringen, denn wenn uns eines vereinen sollte, dann doch wohl unsere Menschlichkeit. Egal ob wir „Proud. Lesbisch. Queer“ sind, „Proud. Trans. Queer.“, „Proud. People of Color. Queer” oder oder oder. Ein Motto, das sich so vielfältig gestalten lässt, wie vielleicht seit Jahren nicht mehr, sowohl verbal aus auch visuell.

Ein CSD-Motto gefällt natürlich niemals allen

Und natürlich gefällt das aktuelle CSD-Motto nicht allen, das ist doch ganz verständlich. Das war schon immer so und so wird es auch immer bleiben. Aber gerade in diesem Jahr war der Abstimmprozess viel offener als in den vergangenen Jahren. Jede*r aus der Community konnte im Vorfeld Themen einreichen und sich auch aktiv am Online-Community-Talk im Dezember beteiligen.

Nach dieser Runde wurden basierend auf den diskutierten Themen in einem Gremium die fünf Mottos erarbeitet, die dann zur Wahl gestellt wurden und dieses Gremium war größer und diverser als in den letzten Jahren. Hier haben diesmal nicht nur Vertreter*innen aus den Organisationen, die hinter dem CSD stehen, teilgenommen, sondern auch einzelne Menschen aus genau den Gruppen, die angeblich kein Gehör finden können. Hier war mit Jung, Alt, Gay, Lesbisch, Trans, Non-Binär wirklich ein weites Spektrum der Community involviert und während in den letzten Jahren auf dem Szenestammtisch nur ca. 40 Vertreter*innen der Community das finale Motto ausgesucht haben, konnte diesmal online wirklich jede*r abstimmen und knapp 1.500 Menschen haben dies auch gemacht.

Kontroversen können die Community nach vorne bringen

Und dann bricht nach der Mottowahl plötzlich ein regelrechter Shitstorm auf Facebook los. Dass das Prozedere, wie das Motto gewählt wurde, kritisiert wird, ist meiner Meinung nach völlig legitim. Der CSD München und die Community können und müssen solche Diskussionen aushalten und hier sind auch kontroverse Meinungen willkommen und sollten diskutiert werden. Aber solche Meinungen im Nachhinein zu äußern und nicht vor oder während des Prozesses und ohne konstruktive Vorschläge zu machen, wie es besser laufen kann, ist leider nicht nur wenig zielführend, sondern auch ein Stück weit unfair.

Es wurde gesagt, dass besonders marginalisierte Gruppen der Community in einem solchen Auswahlprozess kein Gehör finden und hier wurden explizit Trans*menschen und People of Color genannt. Hm… Wenn ich mich korrekt erinnere, war zu dem Diskussionspanel im Dezember auch ein Vertreter der Rainbow Refugees eingeladen. Die Mottos, die zur Wahl standen, waren durchweg in Englisch (was auch nicht überall mit Beifall begrüßt wurde) und bei der Online-Diskussion war es „der weiße schwule Mann“, der sich vehement für Trans*themen stark gemacht hat. Nicht zuletzt deshalb hat es auch ein explizites Trans*thema in die zur Auswahl stehenden Mottos geschafft.

Ob sich die genannten Gruppen damit ausreichend repräsentiert fühlen, ist etwas, was die Community diskutieren kann und auch diskutieren sollte und es ist für mich selbstverständlich, sich mit sachlich vorgetragener Kritik auseinanderzusetzen und konstruktive Vorschläge, wie es besser laufen könnte, aufzunehmen. Die Community lebt von Kontroversen und es sind gerade solche Auseinandersetzungen, die uns nach vorne bringen und der Community neue Impulse geben können.

Was ist mit uns passiert?

Was mich aber regelrecht entsetzt hat, ist die Tatsache, dass das Motto „Proud. Human. Queer.“ auf den Sozialen Medien ins Lächerliche gezogen wurde und dass sich hier viele Menschen beteiligt haben. Es wurden Dinge gepostet wie „Tiefer. Schneller. Härter“, „Tunten. Essen. Kinder.“, „Kesse Mütter. Leckbrüder. Warme Schwestern.“, „Ficken. Bumsen. Saufen“, „Friede. Freude. Eierkuchen“. Echt jetzt, Leute? Bringt uns sowas weiter? Und ist es das, was Ihr mit dem CSD verbindet?

Wir hatten auch im letzten Jahr ein Motto, das viele anfangs wenig begeistert hat, selbst Menschen aus dem Leitungskreis des CSD. Aber wir haben uns, wie jedes Jahr, gemeinsam hinter das Motto gestellt und haben in dem für uns alle schwierigen Jahr 2020 das Beste daraus gemacht. Und im Nachhinein hätte es vermutlich kein passenderes Motto geben können als „Gegen Hass. Bunt – Gemeinsam – Stark“.

Aber im letzten Jahr gab es nicht diese Häme, als lustige Späße getarnte Boshaftigkeiten und solche Kontroversen in den sozialen Medien. Was ist mit uns passiert? Haben wir jeglichen Zusammenhalt verloren? Können wir uns nicht mal mehr für den CSD zusammenraufen, um gemeinsam für unsere Community und für unsere Rechte zu kämpfen? Warum fangen wir an, uns gegenseitig zu bekämpfen und uns vorzuwerfen, dass Teile der Community ausgeschlossen werden? Ist das das Bild, dass wir der heteronormativen Welt zeigen wollen?

Jede*r kann sich einbringen

Ein CSD ist nur so gut wie die Menschen, die dahinterstehen. Und hier ist wirklich jede*r von euch willkommen und kann sich mit den Themen einbringen, die euch am Herzen liegen. So ist es auch bei mir gewesen. Ich setze mich für Angehörige von Trans*menschen ein und da mir dieses Thema wichtig ist, habe ich im letzten Jahr einen Artikel für den PrideGuide geschrieben.

Wenn ihr für eure Themen einen Diskussionsabend machen wollt, einen Livestream, einen Artikel im PrideGuide, ein spezielles Plakat oder was auch immer ihr machen möchtet, wird es sicher rund um den CSD, im Rahmen der Prideweek oder am CSD-Wochenende ein Forum für euch geben. Der CSD lebt vom ehrenamtlichen Engagement der Menschen in der Community und das ist es, was ihn ausmacht. Der CSD ist keine kommerzielle Veranstaltung, in der nur Menschen aktiv werden, wenn sie für ihr Engagement bezahlt werden. Es ist und bleibt unser CSD und wir können und müssen ihn aktiv gestalten, denn nur so können wir unsere gemeinsame Sache vorantreiben und das ist der Kampf für mehr Akzeptanz und mehr Rechte für LGBTIQ*-Menschen in der Gesellschaft. Das ist es, wofür wir kämpfen sollten und zwar gemeinsam, zusammen und nicht gegeneinander.

CSDo something!

Sandra Höstermann-Schüttler

Novembergedanken

Mo, 23. Nov 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler

Wie schnell die Zeit vergeht! Jetzt haben wir doch gerade erst unseren 'anderen' CSD gefeiert, vielleicht etwas Erholung in den Sommertagen genossen und nun strahlt uns an vielen Ecken der Stadt schon wieder die Weihnachtsbeleuchtung an und wir erleben die ersten winterlichen Tage.

Auch in den Monaten nach dem Pride hat die LGBTI*-Community durch die coronabedingten Restriktionen viele ihrer Aktivitäten nur eingeschränkt oder mitunter gar nicht durchführen können. Der persönliche Kontakt, der vielen von uns so wichtig ist, fehlt sicher nicht nur uns beiden Bloggerinnen.

Telefonieren oder ein Videocall sind natürlich immer möglich, aber wieviel wertvoller ist eine kurze Umarmung, ein freundliches Zuwinken oder ein kleiner Plausch mit einem lieben Menschen, dem wir unerwartet bei einer Veranstaltung über den Weg laufen? Aber wir wären ja keine agile Community, wenn wir nicht Wege gefunden hätten, auch in diesem so speziellen Jahr weiter für unsere Themen zu kämpfen, sichtbar zu sein und Unterstützung zu bieten.

Profis im Teamen und Zoomen

Einige der Münchner Gruppen, speziell im Selbsthilfebereich, können zwar weiterhin persönliche Treffen anbieten, allerdings nur mit eingeschränkter Personenzahl und unter strengen Hygieneregeln. Andere Gruppen bieten ihre Treffen online an und sind wir nicht mittlerweile alle zu Profis im Teamen und Zoomen geworden?

Das Internet ist momentan der wohl wichtigste Weg, unsere Community zusammenzuhalten. Das neue lesbisch-queere Zentrum LeZ erarbeitet in einem Online-Workshop Ende November Möglichkeiten, wie sich Interessierte dort einbringen können und bietet eine Online-Führung durch die Räume an. LeTRa hat rund um ihr 25-jähriges Jubiläum auf ihrer Homepage Meilensteine aus einem Vierteljahrhundert Lesbenberatungsarbeit zusammengestellt und die Männer*-Akademie des Sub findet als Livestream statt.

Ein schönes Beispiel, wie die Community auch virtuell Zeichen setzen kann, war der diesjährige TDoR, der Transgender Day of Remembrance, wo wir am 20. November der Opfer trans*-feindlicher Gewalt gedenken. Die Münchner Trans*-Vereine und -gruppen haben gemeinsam vielfältige Online-Aktionen auf den Weg gebracht und damit vermutlich mehr Aufmerksamkeit erreicht als in den vergangenen Jahren. Wer von Euch hatte denn nicht das TDoR-Banner mit den Trans*-Farben auf dem Facebook-Profil? In diesem Spirit sollten wir unbedingt weitermachen!

Die Vorbereitungen für den CSD 2021 sind bereits gestartet und eines der Highlights ist in jedem Jahr die Suche nach einem Motto, dass unsere Münchner Community repräsentiert und unsere Themen ins Rampenlicht stellt. Hier können wie immer alle Menschen mitmachen, aber da der Prozess etwas anders laufen wird als üblich, wird es diesmal sicher ganz besonders spannend.

Community-Talk am 12. Dezember

Es ist nicht nötig, fertig formulierte Mottovorschläge einzureichen, sondern ihr könnt Themen benennen, die euch bewegen, politische Forderungen beschreiben, für die ihr kämpfen möchtet, oder einfach auch nur eure Gedanken zur Community und zum queerem Leben in München formulieren. Schreibt dafür bis zum 6. Dezember an 2021@csdmuenchen.de, sprecht auf die Telefon-Mailbox unter 0151-74381075 oder kontaktiert den CSD München auf Facebook, Instagram und YouTube.

Am 12. Dezember gibt es dann einen Livestream, bei dem Vertreter*innen aus der Szene mit uns allen in einem Community-Talk über die eingereichten Themen diskutieren und darauf basierend werden in einem Workshop Mottovorschläge erarbeitet, die dann in einem Online-Voting für alle zur Abstimmung zur Verfügung gestellt werden. Also nutzt die Chance und macht mit!

Lasst uns zeigen, dass wir auch unter den besonderen Bedingungen dieser Zeit mit unserem CSD Zeichen setzen. Lasst uns zeigen, dass wir nicht nur gemeinsam feiern können, sondern auch gemeinsam gestalten, diskutieren und uns in unserem Einsatz für eine offene und vielfältige Gesellschaft durch nichts aufhalten lassen.

Eure Sandra & Patricia

Der etwas andere CSD-Samstag

So, 12. Juli 2020 - Von Sandra Höstermann-Schüttler und Patricia Schüttler

Sonntag, 12. Juli 2020 - Da wir mit unserer Gruppe Trans-Ident selbst einen Demo-Spot in der Innenstadt hatten, können wir heute hauptsächlich von unseren eigenen Erfahrungen berichten. Tatsächlich aber trat Patricia nachmittags auch noch als Talk-Gast im Live Stream auf. So konnten wir auch dort einige Gespräche führen und haben im Nachgang noch ein paar Stimmen aus den Demo-Gruppen eingefangen.

Und wie war er nun, der etwas andere CSD? Noch im Regen fanden sich die einzelnen Spots zur Registrierung für die Demo am Petersplatz ein, wurden ausstaffiert mit einem Motto-Schild und einem Stapel Pride Guides. Ein freundlicher Security-Mensch eskortierte uns zu unserem Platz. Um 12 Uhr ging es dann los.

Weniger ist mehr

Noch war alles nass vom Regenschauer, der kurz zuvor auf die Innenstadt niedergeprasselt war, so dass sich der Aufbau ungemütlich anfühlte. Wir haben zwar einige Gruppen gesehen, die Equipment für einen "Pavillon light" dabei hatten, aber unser Eindruck ist, dass viele - ebenso wie wir - ein eher minimalistisches Konzept verfolgten und lediglich mit Bannern, Plakaten und Schildern bewaffnet ihre Plätze einnahmen.

Der Regen hörte langsam auf, Pride Guides und Info-Material hatten wir im gebotenen Sicherheitsabstand ausgelegt und wir waren bereit, Sichtbarkeit zu zeigen für die Community, für unsere Gruppe und unser Motto. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Passant*innen aufmerksam wurden, Fragen stellten und Infos mitnahmen.

In den drei Stunden Demo-Spot haben wir echt alles erlebt

  • Feiernde Menschen aus der Münchner Community nutzten die Gelegenheit, um in kleinen Gruppen fröhlich von Demo-Spot zu Demo-Spot zu ziehen und Hallo zu sagen. Mit ihren bunten Outfits trugen sie selbst viel zur Sichtbarkeit von LGBTI* bei.
  • Betroffene und Freund*innen kamen vorbei, die Informationen zum Thema Trans* haben wollten.
  • Interessierte Menschen außerhalb der Community ergriffen die Gelegenheit, sich zu informieren und ins Gespräch zu kommen.

Natürlich hatten wir auch Begegnungen mit Menschen, die uns – freundlich ausgedrückt – eher distanziert gegenüber standen. Allerdings konnten wir auch ihnen mit einem fröhlichen "Keine Sorge, Transidentität ist nicht ansteckend" doch noch ein Lächeln entlocken.

Alle waren nett

Die drei Stunden vergingen wie im Flug, das Wetter spielte mit, die Menschen hatten Verständnis für die coronabedingten Auflagen zum gebotenen Abstand und der Tatsache, dass wir ihnen Infomaterial und Pride Guides nicht persönlich aushändigen durften. Selbst Polizei und Security-Guards waren zu uns sehr nett, unaufdringlich.

Alles in allem waren die Demo-Spots ein voller Erfolg. Nicht nur bei uns, auch bei anderen Gruppen, deren Erfahrungen wir einfangen konnten - wie von Münchenstift, Sub, Schwestern der perpetuellen Indulgenz, SAG, Rosa Liste. Es gab sehr viele, intensive Gespräche und die einhellige Meinung war, dass das Konzept der Demo-Spots die Distanz - trotz Corona! - eigentlich verringert hat und die Menschen viel eher bereit waren, auf uns alle zuzugehen und ins Gespräch zu kommen, als dies bei der sonst üblichen Konstellation an CSD-Samstagen mit ihren eng gestellten Infozelten der Fall ist.

Ein politischer CSD

Uns hat das Ganze auf alle Fälle ermöglicht, genau das zu machen, wozu ein CSD da ist: auf die Themen der LGBTI*-Community aufmerksam machen, den Leuten zeigen, dass es uns gibt, Informationen und Hilfestellung geben und die Welt der Menschen, die vielleicht sonst gar nichts mit der Szene zu tun haben, ein wenig offener und bunter machen. Das gute Gefühl nach drei Stunden Demo-Spot war durchaus vergleichbar mit der Euphorie, die sich sonst nach drei Stunden Parade mit Musik, Menschenmengen, Winken, Bannertragen, Jubeln und free hugs einstellt.

Und was auch aufgefallen ist: Es waren sehr viele Menschen in der Stadt mit T-Shirts aus dem CSD-Support-Shop unterwegs. Sie haben nicht nur den diesjährigen Pride unterstützt, sondern gleichzeitig zur Sichtbarkeit von LGBTI* an diesem Tag beigetragen!

Live Stream – Behind the Scenes

Nach erfolgreichem und vor allem trockenem Demo-Spot ging es für uns weiter zum Live Stream. Während im LeTra für CSD-Crew und Supporter*innen ein Backstage Viewing stattfand, hat das Team im Diversity-Cafe die Talk- und Musikgäste des Live Streams vor und nach ihren Auftritten umsorgt. Und natürlich haben wir nur deshalb so viele Süßigkeiten gefuttert, weil wir so erschöpft waren vom Demo-Spot! Ist doch klar.

Rechtzeitig vor dem Auftritt hat uns jemand ins neue Lesbisch-queere Zentrum LeZ begleitet, das Studio für den Live Stream. Kurz Abpudern, Abstimmung mit Moderator Bernd Müller, dann ab in die Kulisse. Kurze Anweisung der Regie, "Es geht los in…“; schon saß man mit einem Mikrofon in der Hand auf einem Hocker, hatte mehrere Kameras vor, Bernd neben sich und einige Menschen hinter den Kulissen, die zuschauten, fotografierten oder einfach nur die Uhr um Auge behielten, damit der Talk auch in der vorgegebenen Zeit durchlief.

Es ist wirklich erstaunlich: Wo am Tag zuvor noch ein leerer Raum war, der sich nach und nach mit Kisten voll technischen Equipments füllte, stand nun eine komplette Kulisse, der mensch auf jeden Zentimeter die liebevolle Gestaltung unseres Community-Designers Frank Zuber ansah: pinke Wände, pinke Stehpulte, ein pinker Computermonitor und jede Menge Schilder, Aufkleber, Aufsteller und andere Bastelarbeiten, die vor der großen Videoleinwand dem Live Stream ihren Münchner CSD-Stempel aufdrückten.

Community-Talks zu den 14 politischen Forderungen

Und auch inhaltlich war der Live Stream einfach klasse! In über acht Stunden Programm hat die Münchner Community alle diesjährigen politischen Forderungen in Talkrunden, Einspielern und mit Grußworten erläutert und diskutiert. Die eingereichten Videoclips der vielen LGBTI*-Gruppen zogen in einer virtuellen Parade an den Zuschauenden vorüber. Es gab Musik, Infoclips, Drags, die sowohl als "Drag der Stunde" in der Kulisse live dabei waren, die aber auch während des Streams mit eigenen Showeinlagen und Infospots glänzten. Es gab immer wieder Input des Publikums aus den Social-Media-Kanälen sowie Gewinnspiele.

Sowohl vor als auch hinter der Kamera ließ der Video-Stream eine solche Professionalität spüren, dass man glatt vergessen konnte, dass es wie bei jedem CSD auch diesmal keine Profis, sondern hauptsächlich die Menschen aus der Community selbst waren, die all dies auf die Beine gestellt haben: die Beiträge zu den einzelnen Themen, die Interviews, die Moderation und vieles mehr.

Wie hat sich dieser von Corona geprägte CSD-Samstag denn nun unterschieden von den Prides der Vergangenheit? Nun, natürlich gab es keine Parade, kein Rathaus-Clubbing und insgesamt weniger Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen. Das ist absolut schade, aber unter den aktuellen Bedingungen nun mal nicht anders zu machen.

Was hatten wir stattdessen? Demo-Spots mit vielen spannenden Begegnungen, wir haben Sichtbarkeit gezeigt, unsere Themen in der Stadt präsentiert. Wir haben im Pride Guide und im Live Stream politische Forderungen diskutiert, virtuell gemeinsam gefeiert und auch die Gruppen unserer Community präsentieren können.

Wenn man bedenkt, dass der CSD Ende März sprichwörtlich vor dem Nichts stand und es fraglich war, ob es in diesem Jahr in München überhaupt einen Pride geben würde, können wir verdammt stolz darauf sein, was in dieser kurzen Zeit von den vielen Menschen rund um den CSD und aus der Szene gekommen ist. Die Münchner LGBTI*-Community hat in diesem Jahr einmal mehr bewiesen, dass wir gemeinsam Großes bewirken können und wir haben unser Motto "Gegen Hass. Bunt, gemeinsam, stark" wahrlich zum Leben erweckt!

Weniger Party, mehr Pride – ein Konzept für die Zukunft?

Wir sollten diesen Spirit und die Erfahrungen aus diesem so besonderen Jahr 2020 aber nicht einfach beiseite wischen und nächstes Jahr - wenn es denn wieder möglich sein sollte - einfach zurück zum Altbewährten gehen. Die konzeptionellen Änderungen, die uns die Coronakrise in diesem Jahr auferlegte, hatten einige, vielleicht unerwartet positive "Nebenwirkungen", die uns für die Zukunft Impulse mitgeben können, um mit unserem CSD politisch, provokant und doch fröhlich, bunt die Münchner LGBTI*-Community zu präsentieren. Deshalb: Nach dem CSD ist vor dem CSD, denken wir darüber nach. Happy Pride!

Sandra Höstermann-Schüttler und Patricia Schüttler (Text, Fotos)

Unsere Partner*innen