Alle Dämme einreißen

PrideGuide 2022 – Artikel von: Bernd Müller

Bernd ist seit 1988 in der Community aktiv, ist Chefredakteur des LEO-Magazins, arbeitet bei der Münchner Aids-Hilfe und arbeitet im Organisationskernteam des CSD München. Besonderer Dank für die Fotosession: Mark Kamin.

Holga (ca. 50) ist Aktivistin und arbeitet bei den Stadtwerken München und hat sich dort am „Transgender Day of Visibility“ 2021 mit Pomp geoutet. Holga bezeichnet sich als nicht-binär, als trans* und „von der Haltung her“ queer. Über eine solch spannende Persönlichkeit wollten wir mehr erfahren!

Holga, was bedeutet nicht-binär für dich? Für mich bedeutet es, mich mehr weiblich als männlich zu fühlen, etwa im Verhältnis 80 zu 40 – in der Summe lebe ich also zu weit über 100% Geschlechtlichkeit. Diese Geschlechtlichkeit prägt mein Leben sehr. Ich habe einen sehr offenen Bezug zur Sexualität abseits vom Geschlecht, obwohl oder weil ich seit über 22 Jahren mit einer Person in einer monogamen Beziehung lebe.

Wie empfindest du deine Identität, was macht dich aus? Ich fühle mich besonders. Nicht im Sinne von abgehoben, aber im Sinne einer einzigartigen Kombination.

Magst du deinen Körper? Ja, denn er ist gesund. Ich fände es toll, wenn er beide Geschlechter abbilden würde, aber ich möchte meinen Körper nicht durch Operationen beeinflussen. Ein Kind zu gebären und zu stillen wäre ein Traum – und vielleicht der einzige Grund für eine OP gewesen.

Vom Style her bist du eine ziemlich auffällige Erscheinung. Anfangs war mein auffälliger Stil ein Schutzpanzer. Ich wollte beeindrucken und quasi beweisen, dass ich eine Frau bin. Doch hängt meine Weiblichkeit nicht vom Outfit ab, sondern es ist mein Leben. Ich habe lange gebraucht, auch mal Jeans und Pulli zu tragen oder wie eine gesetzte Familienfrau auszusehen. Das kann ich heute schon auch.

Hattest du dir jemals gewünscht, nicht so „besonders“ zu sein? Es hat eine Weile gedauert, mir diese Besonderheit einzugestehen und ich hatte auch nicht immer die Kraft, meine Nicht-Konformität der Gesellschaft gegenüber zu verteidigen. Heute bin ich total glücklich damit.

Wie erlebst du die Reaktionen auf dich in deinem Umfeld? Ich glaube, die wenigsten verstehen, was ich bin. Im Arbeits- und Alltagsumfeld sprechen mich quasi alle männlich an, das macht mich fertig.

Hast du dafür Verständnis? Nein. Ich verstehe, dass es schwierig ist. Aber besonders von privilegierten Menschen aus meinem Umfeld erwarte ich, aus ihrer bequemen Situation auch einmal etwas Unbequemes auf sich zu nehmen. Es gibt viele Wege, wie man mich ansprechen kann, aber die Ansprache als „Herr“ tut weh.

Was würdest du dir im Umgang mit deiner Person wünschen? Die Menschen sollten achtsam sein, fragen, nichts voraussetzen und möglichst neutral sein. Generell sollte man die Bedeutung von Geschlecht reduzieren, denn das ist nur eine von vielen Eigenschaften einer Person. Ich möchte jedenfalls nicht eingeordnet werden in eine geschlechtliche Kategorie, auch wenn ich nicht non-binär beziehungsweise trans* wäre.

Wie werden nicht-binäre Menschen von der Gesellschaft angenommen? Die wenigsten Leute kennen den Begriff, sie denken primär, ich sei ein „Mann in Frauenkleidern“ oder schwul. Dabei wäre ich, wenn schon binär, lesbisch. Nicht-Binärität wird selten mitgedacht.

Wie steht’s in der LGBTIQ*-Community? Selbst dort erfahre ich oft wenig Interesse, dabei kämpfen wir doch alle für das Gleiche: Wir wollen ernst genommen werden, so wie wir sind. Immerhin: immer mehr nicht-binäre Menschen werden sichtbar. Das motiviert wiederum, rauszugehen und sich in Netzwerken zu organisieren.

Bist du eine politische Person? Ich kann gar nicht unpolitisch sein. Das bin ich schon, wenn ich im Kleid in die Oper gehe. Ich habe über den feministischen Aktivismus zum Engagement gefunden – und übrigens auch zu mir. Vom Typ her bin ich Straßenaktivistin, will Sichtbarkeit erhöhen, Diskussion auslösen und hoffe, alle Dämme zu brechen. Ich möchte sie einreißen!

Welche politischen Forderungen verbindest du mit deinem Engagement? Das so genannte Transsexuellengesetz muss endlich reformiert werden, besser ersetzt. Es muss möglich sein, selbst sein Geschlecht zu bestimmen und trotzdem eine Therapie und medizinische Maßnahmen zu erhalten, wenn eins das Gefühl hat, sie zu benötigen. Selbstbestimmung ist das Wichtigste! Und wir brauchen ein Zentrum für trans*, inter* und nicht-binäre Personen – Orte, an denen eins sich für dich und deine Identität interessiert. Mir haben die QTies, eine Gruppe des Selbsthilfevereins VIVA TS, vermutlich das Leben gerettet als ich meine größte seelische Krise hatte. Ein TINQ-Zentrum kann auch Leben retten!

Du bist eine selbstbewusste Frau – kommt es dennoch vor, dass du aus deiner Identität aussteigst? Tatsächlich bei Verwandtschaftsbesuchen. Eltern und Geschwister müssen ja aushalten, was über mich geredet wird, wenn ich wieder weg bin. Wenn ich selber nicht Stellung beziehen kann, könnten falsche Klischees über mich die Runde machen. Das will ich mir und ihnen nicht zumuten. Der Preis ist allerdings hoch: Mich zu verstecken, strengt an. Es ist eine Art Selbstverletzung. Doch manchmal ist es passender, eine konforme Person zu sein, auch wenn es weh tut.

PDF-Download: PrideGuide 2022

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