LESS ME, MORE WE

PrideGuide 2022 – Artikel von: Sandra Höstermann-Schüttler

Sandra ist im Organisationskernteam CSD München und Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von trans* Menschen.

Das ist es nun, unser Motto für den CSD 2022! Der Weg, wie die Community dieses Motto gewählt hat, war dieses Jahr eine Premiere. Vorschläge für ein Motto konnten, wie auch schon in den Jahren zuvor, von allen eingereicht werden, aber die Wahl des endgültigen CSD-Mottos war komplett offen. Keine Vorauswahl durch das CSD-Leitungsteam oder ein CSD-Orgateam und auch keine finale Abstimmung durch den Szenestammtisch, sondern eine offene Online-Abstimmung, an der alle teilnehmen konnten. Es wurden 37 Mottos eingereicht, insgesamt haben 1.105 Menschen abgestimmt und die meisten Stimmen entfielen auf „Less me, more we“, ein Motto, das zu Solidarität aufruft und Egoismus und Ignoranz den Kampf ansagt.

Am Puls der Community
Geben die eingereichten Mottovorschläge einen Einblick in die Gefühlslage unserer Community? Nun, sicher nicht vollumfänglich, denn natürlich spiegelt sich hier nur der Teil der Community, der sich aktiv an der Mottosuche beteiligt hat, aber dennoch ist es interessant, einen näheren Blick auf die Themen zu werfen, die sich wie ein roter Faden durch die Vorschläge ziehen. Da gab es zum einen die Mottovorschläge, die den „Pride“ in der Community feiern, fordern und zeigen sollen: „(We will) We will pride you!“, „Mehr Queerness wagen!“ oder „We are queer – we are here!“

Sind wir alle Queerios?
Sieben Mottovorschläge enthielten das Wort „queer“ oder „queerness“, obwohl es nach wie vor heftig umstritten ist, wie viele Menschen aus der LGBTIQ*-Community sich tatsächlich als „queer“ bezeichnen möchten oder ob dies eher ein Begriff von und für die jüngere Generation ist. Ein Blick auf die Einreichenden der „queer“-Mottos scheint Letzteres allerdings zu widerlegen. Zeichnet sich hier vielleicht ein Wandel ab? Ein weiterer Fokus der eingereichten Mottos waren trans*Themen , z.B. „Protect trans*kids“ oder „Beyond gender – Geschlecht spielt keine Rolle“. Dabei war das „T“ der einzige Buchstabe, zu dem es separate Mottovorschläge gab. Kämpft die trans*Community lauter und stärker für ihre Themen als andere Teile der Community und wenn ja, warum? Wo waren die Mottovorschläge für die vielfach bemängelte lesbische Sichtbarkeit oder für die älteren Menschen? Natürlich ist es schwierig, einen CSD unter ein Motto zu stellen, das nur einen Teil der Community in den Fokus rückt und ein solches Motto hat vermutlich in einer komplett offenen Mehrheitsentscheidung wenig Chancen, aber zumindest zeigt sich, dass es Menschen gibt, denen Trans*-Themen sehr am Herzen liegen.

Feiern und fordern
Auffällig ist, dass ungefähr ein Drittel aller eingereichten Vorschläge politische Forderungen beinhalteten oder gesellschaftliche Veränderungen forderten, wie z.B. „Aktionsplan Bayern – jetzt“, „Queers ins Grundgesetz – Vielfalt verankern“ oder „One world – equal rights!“ Dies zeigt, dass der CSD nicht nur eine Party ist und dass es in Deutschland, auch wenn wir schon Vieles erreicht haben, noch genügend Bereiche gibt, wo wir für gleiche Rechte und gegen Diskriminierung kämpfen müssen. Und ein großer Teil unserer Community sieht dies ebenfalls so.

Solidarität ist so wichtig wie noch nie
Neben politischen und gesellschaftlichen Forderungen war aber auch das Thema Solidarität in vielen der eingereichten Mottovorschlägen präsent: „Zusammenhalten, das ist unser Ziel“, „Community – gemeinsam durch jede Krise“ oder einfach nur „Miteinander“ waren nur einige der Vorschläge. Der Wunsch nach Solidarität und Zusammenhalt scheint also sehr stark zu sein, was zum einen vermutlich ein Resultat der pandemiebedingten Veränderungen ist, denen wir in den letzten zwei Jahren ausgesetzt waren: Lockdown, Abstand halten, Homeoffice… Vermutlich gibt es kaum Menschen, die nicht unter den Einschränkungen gelitten haben. Gleichzeitig haben viele von uns während dieser Zeit Verzicht geübt, um andere zu schützen. Jetzt, wo sich die Hoffnung regt, dass wieder mehr Normalität in unser Leben zurückkehrt, wollen viele von uns endlich wieder gemeinsam aktiv sein, auch im Rahmen des CSD. Ein Gedanke, der sich letztendlich auch in unserem gewählten Motto “Less me, more we“ wiederfindet.

Weniger das Ich, mehr das Wir
Das Motto '22 ruft dazu auf, für andere Menschen einzustehen, egal ob inner- oder außerhalb der Community. Die Pandemie – und leider auch der schreckliche Krieg in der Ukraine – haben uns gezeigt, wie wichtig Solidarität ist. Egoismus, Abkapselung und damit einhergehende Ausgrenzung bringen uns nicht weiter - und das gilt auch für die Teile der Community, die lieber alleine kämpfen und feiern wollen. Aber „Less me, more we” bedeutet auch, dass wir uns über Privilegien bewusst werden, die einzelne Teile unserer Community regelrecht in die Wiege gelegt bekommen haben, sei es aufgrund ihrer Herkunft, ihres sozialen Status oder ihrer Nähe zu den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen. Aus einer solch privilegierten Rolle heraus andere Menschen zu unterstützen, für sie und mit ihnen für Gleichberechtigung zu kämpfen, kann unendlich viel bewirken.

So kann „Less me, more we“ im Kampf für gleiche Rechte und gegen Diskriminierung nicht nur das Motto unseres diesjährigen Münchner CSDs sein, sondern das Motto unseres Lebens werden. ●

Alle Mottovorschläge: Übersicht

PDF-Download: PrideGuide 2022

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