ES REICHT – Trans*-Feindlichkeit im Feminismus

PrideGuide 2022 – Kommentar von: Jonas Fischer, Manuel Ricardo Garcia und A.

Manuel Ricardo Garcia ist two-spirit & queer FTM of Color, trans* Aktivist, Photoartist, Referent für Empowerment für POCs & Trans*-Themen. Er lebt in München und hat Familie in Chihuahua, Mexico. Jonas Fischer ist trans* und seit 2008 Vorstand des bundesweiten Vereins TransMann e.V. und ebenso lange Gruppenleiter der Regionalgruppe München. A. möchte anonym bleiben.

Viele trans* Menschen sehen die LGBTIQ*-Community als Safe Space. Hier werden wir akzeptiert, respektiert, hier hilft man sich gegenseitig, weil wir ja alle nicht zur heteronormativen Cis-Community gehören. So sollte es zumindest sein. Aber wie sieht die Wirklichkeit für trans* Menschen innerhalb der Community aus?

Wir trans* Menschen kämpfen gegen alle Fronten, leider in den letzten Jahren auch verstärkt gegen die eigenen Reihen – wer ist gemeint? Unsere Kritik richtet sich besonders gegen Teile der Frauen-/Lesbencommunity!

INFO: Das Akronym TERF steht für englisch Trans-Exclusionary Radical Feminism und wird für radikale Feministinnen verwendet, die transgeschlechtliche Personen, insbesondere trans Frauen, invalidieren, diskriminieren und Transidentität als solche infrage stellen oder ihre Existenz leugnen. Wikipedia

Um es gleich vorwegzunehmen: Mitnichten werfen wir hier „alle in einen Topf“! Es gibt natürlich die eine oder andere Person und Einrichtung/Organisation, die uns sehr unterstützen und helfen, wo sie können. An genau die Menschen wollen wir auch ein großes Lob und unseren aufrichtigen Dank aussprechen und genau diese werden nicht mit unseren folgenden Worten angesprochen.   

Es wäre ein einfaches Problem, Trans*-Feindlichkeit auf TERFs oder andere radikale Gruppen zu beschränken, aber in diesem Artikel geht es auch um viele selbsternannte "Feministinnen" und jahrzehntelang verpasste Chancen, gegen den offenen trans*feindlichen Umgang mit uns vorzugehen.

Mittlerweile scheint es ein queeres Muss, besonders trans*inklusiv zu sein, dazu wird nach Belieben unser Gender Sternchen, welches aus dem Trans*-Aktivismus kommt (und ALLE trans* Menschen inkludiert), an Cis Wörter wie ‚Frauen*‘ oder ‚Männer*‘ angepappt. Es scheint, als könnten sich alle wie im Supermarkt bedienen, welche trans* Menschen sie sich auf Ihren Veranstaltungen wünschen und welche von uns nicht willkommen sind. Dabei wird ignoriert, dass es trans* Menschen gibt, die noch kein Coming Out hatten, die nicht-binär sind, die bereits lange einer Community angehören und bleiben wollen, oder schlichtweg diese „Supermarktstrategie“ ablehnen. Diese Räume sind unsafe für viele von uns.

Das hat fatale Folgen, weil es die Überlegenheit von Cis Menschen gegenüber trans* Menschen aufrechterhält. Das Sternchen wurde geschaffen, um ALLE trans* Menschen zu inkludieren und nicht, um Cis Menschen zu zentrieren! Wer nicht alle trans* Menschen einlädt, ist nicht trans* inklusiv – so einfach ist das!

Die Gefahr: in solchen Räumen entscheidet meist unsere Optik und daraus resultierende Zuschreibungen sowie persönliches Befinden von Cis Menschen, welche sich von vielen trans* Menschen bedroht fühlen. Frauen befürchten, ihre Traumata könnten getriggert werden, völlig ignorierend, welche Traumata bei uns aufbrechen durch stetige Ausschlüsse, falsche Zuschreibungen, Projektionen und massive Trans*-Feindlichkeit. Viele scheinen sich in einem Wettkampf mit trans* Menschen zu befinden und haben massiv Probleme, den Platz der Unterdrückten zu vergrößern für uns und andere.

In Erinnerung bleibt hier das letzte Lesben-Frühlings-Treffen in Bremen, dessen Trans*-Feindlichkeit im Vorfeld so obskur war, dass jeder trans* Mensch das Gefühl haben musste, ausgeschlossen zu sein. Dabei ist der Austausch innerhalb der Community so wichtig, um gegenseitiges Verständnis zu erlangen. Was ist die Folge daraus, wenn im Vorfeld schon bekannt ist, dass die Stimmung sehr trans*feindlich ist? Wenn sich in diesen Reihen eine Person befindet, die trans* ist, dann wird diese – durch so ein Verhalten – indirekt daran gehindert, ihren Weg zu gehen. Ein eventuell geplantes Coming Out kann sich so um Jahre verzögern. Wir kennen Fälle, die dadurch abrutschen in Depressionen, Süchte, Alkohol und Drogen bis hin zum Suizid.

Vielleicht befindet sich auf dieser Veranstaltung eine Frau, die in einer Beziehung mit einer trans* Frau lebt oder die eine trans* Frau liebt. Was bedeutet das dann für diese Frau? Darf sie diese Person nicht mehr lieben, weil diese aus ihren eigenen Reihen ausgeschlossen wird?

Gefühlt jeder Schritt vorwärts von uns ruft Aggressionen hervor. Wir wissen, dass lesbische Frauen jahrelang für mehr Akzeptanz gekämpft haben. Ist hier die Angst übermächtig, dass diese Aufmerksamkeit verloren geht, wenn trans* mehr in den Vordergrund rückt? Ist es Neid, weil man selbst vielleicht nicht so viel Mut hat?

Dieses zutiefst menschenverachtende Verhalten wird durch gewisse Reden im Bundestag oder durch diverse Artikel in einer feministischen Frauenzeitung noch weiter vorangetrieben! Es gibt keine Rechtfertigung für dieses Verhalten.

Wir fragen uns: Mit welchem Recht schreiben Cis Personen so einen Müll über trans* Menschen, über ein Thema, welches sie in keiner Weise verstehen? Es verwundert uns nicht, dass diese Zeitschrift in einer bestimmten Partei immer mehr Wohlgefallen findet.

Die Macht der Medien ist fatal. Es beginnt mit falschen Schlagzeilen und geht weiter mit Hasstiraden in den Social Media Kanälen. Wie viel Raum geben wir noch?

Gegen trans* Weiblichkeiten wird ganz offiziell feindliches Verhalten ausgeübt und spätestens seit den massiv öffentlichen Attacken gegen die trans* Frau Tessa Ganserer muss JEDEM klargeworden sein, wie sehr wir trans* Menschen stetig in Gefahr sind.

Wer jetzt denkt, trans* Männlichkeiten seien privilegiert, der wischt deren oft jahrzehntelange Vergangenheit vom Tisch, deren erlebte Missbräuche, Gewalt und Body Dysphoria. Auch trans* Männlichkeiten haben mitunter in der Community unter Anfeindungen und Ausgrenzungen zu leiden, aber durch deren Passing werden sie oft nicht als trans* wahrgenommen. Im Gegenteil, trans* Männlichkeiten werden oft gar nicht gesehen, es sei denn, man kann hier sensationslüstern berichten, dass sich jemand gegen den Weg entschieden hat und retransitioniert ist. Auch hier hat diese feministische Frauenzeitschrift wieder eine Führungsposition in falscher Berichterstattung erlangt.

Kommt zur Thematik trans* noch eine Intersektion wie Rassismus oder Behindertenfeindlichkeit dazu, wird es ganz fatal.

Wir möchten betonen, dass Cis Menschen von unserer trans* Bewegung profitiert haben, das ist aber leider eine Einbahnstraße. Schwule trans* Männlichkeiten kämpfen für die Rechte der Schwulen mit. Lesbische trans* Weiblichkeiten kämpfen für die Rechte der Lesben mit. Alle trans* Personen kämpfen für das Adoptionsrecht mit. Fragt euch bitte selbst: Was habe ich bis jetzt für die Rechte von trans* Menschen getan? Das mag jetzt einigen weh tun, die wirklich trans*inklusiv sind, aber jeder sollte sich fragen, inwieweit wirklich für uns gekämpft wurde? Trans*inklusiv zu sein, bedeutet nicht, in irgendeiner Kneipe ein „Welcome“-Schild an die Tür zu hängen.

Hier werden oft die Befindlichkeiten von Cis Menschen über die von trans* Menschen gestellt, völlig ignorierend, dass wir weitaus marginalisierter sind und extreme soziale, verbale, körperliche, rechtliche, medizinische und strukturelle Gewalt erleben. Viele Cis Aktivistinnen bundesweit schmücken sich mit Trans*-Inklusion und eignen sich große Teile unserer Errungenschaften und Kämpfe der letzten Jahrzehnte an, anstelle den Platz für uns zu öffnen. Allein in den letzten Jahren sind einige trans* Menschen viel zu jung gestorben (auch in München) und wer immer noch glaubt, das seien Einzelfälle, hat nicht verstanden, welch enormen Belastungen alle trans* Menschen ausgesetzt sind.

Es ist nicht unsere Aufgabe, die trans*-Feindlichkeit, die wir durch Cis Menschen erfahren, abzubauen – sondern umgekehrt.

Es KANN und DARF nicht nur unsere Aufgabe sein, wie David gegen Goliath zu kämpfen!

Wir brauchen hier die Unterstützung von euch allen!

PDF-Download: PrideGuide 2022

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