Ich habe mich fürs Leben entschieden

PrideGuide 2022 – Artikel von: Sabine

Sabine ist trans* – der Glaube an Jesus hat sie nicht nur durch die Transition begleitet, er hilft ihr noch heute, mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden.

Ich bin transident und lebe auf dem Dorf. Ich bin krankheitsbedingt wieder zu meiner Mutter ins Elternhaus gezogen. Als ich mit der Transition angefangen habe, sagte sie, dass sie nicht will, dass ich in unserem Dorf als Frau in die katholische Kirche gehe, denn sie wollte wegen mir nicht ins Gerede kommen. Ich respektierte das und suchte mir eine andere Kirchengemeinde.

In einer Klinik wurde mir eine freie evangelische Gemeinde empfohlen. In der nächsten Großstadt wäre so eine Gemeinde gewesen, aber ich hätte dorthin ca. zwei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln gebraucht. Das war mir dann doch zu lange. Ich verwarf das Ganze zunächst, stieß aber dann auf einen Artikel über einen Mann in der Schweiz, der in solch einer Gemeinde offen schwul lebt und dort Heimat gefunden hat. Über die App ERF-Kirchenfinder (gibt es inzwischen leider nicht mehr) fand ich dann in der nächsten Kleinstadt eine solche Gemeinde. Ich fragte an bei der Gemeindeleitung, ob ich als trans* Frau dort in den Gottesdienst kommen könnte. Mir wurde mitgeteilt, dass sie bisher so einen Fall noch nicht hatten, dass sie es aber mit mir versuchen wollten. Ich wurde herzlich aufgenommen. Nach einem halben Jahr hatte ich ein Gespräch mit der Gemeindeleitung, dass ein paar Leute ein Problem mit Transidentität hätten. Es wurde ein Infoabend organisiert über Transidentität, bei dem den Gegnern der Wind aus den Segeln genommen wurde. Man wollte mich bewusst nicht bei diesem Abend dabeihaben, da man wusste, dass es bei einigen Menschen nicht nur darauf ankommt, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Und das wäre für mich sehr verletzend gewesen. Ich fühlte mich ab da noch mehr angenommen.

Allerdings wurde ich nach eineinhalb Jahren von zwei Männern vehement angegriffen.
Ich hatte ein Gespräch mit den beiden, wobei einer der Pastoren das moderierte. Ich konnte auf jedes Argument ein Gegenargument anbringen, so dass sie nichts gegen mich in der Hand hatten. Leider fielen mir ein halbes Jahr später zwei Frauen in den Rücken, denen ich vertraut hatte. Im Gespräch mit der Gemeindeleitung bot ich an, einen Dienst zu übernehmen, aber das wurde abgelehnt wegen der Transidentität, obwohl überall Not herrschte. Ich bin toleriert, aber nicht akzeptiert. Und einige Leute beten gegen die Transidentität an.

Das alles hat mich sehr verletzt, da ich ja schon Exorzismus, Geisteraustreibung, charismatische Woche mit Lebensbeichte und über 700 Heilungs-Gottesdienste hinter mir hatte. Auch alle möglichen Therapien habe ich schon hinter mir, die Transidentität ist aber nicht weggegangen. Im Gegenteil, irgendwann war ich an dem Punkt, wo ich wusste, dass ich alle Möglichkeiten, die Transidentität loszuwerden, durchhatte und jetzt nur noch zwei Möglichkeiten übrig blieben: "Entweder ich lebe jetzt als Frau oder gar nicht mehr." Ich habe mich fürs Leben entschieden, denn Jesus Christus will, dass ich lebe. Ich habe zu seinem Willen "ja" gesagt und dann eben mit der Transition begonnen. Wenn ich von Gott schon so einen schweren, steinigen und dornenreichen Weg aufgebürdet bekomme, möchte ich gerne irgendwann mal ankommen, Heimat finden. Von manchen Menschen wurde mir schon gesagt, dass es doch keinen Sinn macht mit dieser Gemeinde, dass ich mich da bloß selbst kaputt mache. Aber ich habe dort auch genug Menschen gefunden, die mich akzeptieren. Und die Gemeindeleitung steht auch irgendwie hinter mir. Denn als ich vor einem Jahr einen geistlichen Impuls für die CSD-Andacht machte, die wegen Corona nur als Online-Veranstaltung verfügbar war, sorgte das für Irritationen in meiner Kirchengemeinde. So kam einer der beiden Männer, die mich angegriffen hatten, auf die Gemeindeleitung zu, dass er da nicht mitgehen könnte. Die Gemeindeleitung stellte sich aber hinter mich, so dass dieser die Gemeinde verlassen hat.

Ich habe beim letzten CSD auch den Queer-Gottesdienst entdeckt, so dass ich seitdem einmal im Monat in die St. Pauls-Kirche gehe und die anderen Sonntage in meine Kirchengemeinde. Im Queer-Gottesdienst bin ich nicht nur akzeptiert, sondern ich wurde auch gebeten, einen Gottesdienst mitzugestalten, was ich dann auch machte. Darüber hinaus war ich mit zwei lesbischen Christinnen und drei schwulen Christen auch bei einem Gespräch mit Kardinal Reinhard Marx. Er ist inzwischen offen für die Nöte von LGBTIQ*-Christ*innen. Auch meine Mutter hat gemerkt, dass inzwischen viele Menschen wissen, dass man sich Transidentität nicht selbst aussucht, und dass das Gerede nicht so schlimm ist und nach einiger Zeit abebbt.

Mir selbst ist der Glaube an Jesus Christus sehr wichtig, da es mich sonst längst nicht mehr gäbe. Denn ich wurde wegen der Transidentität sehr traumatisiert und wegen der Traumatisierungen sehr krank. Und Jesus hat schon viel Heilung bewirkt. Deshalb hoffe ich auch weiterhin auf Heilung und vertraue auf Jesus. Er ist stärker als die, die mich ablehnen, er kämpft meine Kämpfe. Und die Menschen, die mich verletzt haben, sind in der Regel selbst verletzt worden. Wir leben in einer unvollkommenen Welt. Aber deshalb ist ja auch Jesus für uns gestorben und auferstanden, damit wir das ewige Leben haben. Er hat uns nicht nur von unserer Sünde und Schuld erlöst, sondern hat auch unsere Krankheiten, Lasten, Plagen am Kreuz für uns getragen.

Sabine Estner ist Diplom-Ingenieurin für Elektrotechnik, sie war 14 1/2 Jahre in einem Kloster, und hat eine Umschulung zur Technischen Produktdesignerin absolviert. Sie hat früher in ihrer Dorfgemeinde ministriert, war im Kirchenchor, hat selbst einen Jugendchor geleitet und war im Pfarrgemeinderat.

Hilfe und Infos online: Trans-Ident e.V.

PDF-Download: PrideGuide 2022

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