PrePride-Blog

Novembergedanken

Montag, 23. November 2020 - Wie schnell die Zeit vergeht! Jetzt haben wir doch gerade erst unseren 'anderen' CSD gefeiert, vielleicht etwas Erholung in den Sommertagen genossen und nun strahlt uns an vielen Ecken der Stadt schon wieder die Weihnachtsbeleuchtung an und wir erleben die ersten winterlichen Tage.

Auch in den Monaten nach dem Pride hat die LGBTI*-Community durch die coronabedingten Restriktionen viele ihrer Aktivitäten nur eingeschränkt oder mitunter gar nicht durchführen können. Der persönliche Kontakt, der vielen von uns so wichtig ist, fehlt sicher nicht nur uns beiden Bloggerinnen.

Telefonieren oder ein Videocall sind natürlich immer möglich, aber wieviel wertvoller ist eine kurze Umarmung, ein freundliches Zuwinken oder ein kleiner Plausch mit einem lieben Menschen, dem wir unerwartet bei einer Veranstaltung über den Weg laufen? Aber wir wären ja keine agile Community, wenn wir nicht Wege gefunden hätten, auch in diesem so speziellen Jahr weiter für unsere Themen zu kämpfen, sichtbar zu sein und Unterstützung zu bieten.

Profis im Teamen und Zoomen

Einige der Münchner Gruppen, speziell im Selbsthilfebereich, können zwar weiterhin persönliche Treffen anbieten, allerdings nur mit eingeschränkter Personenzahl und unter strengen Hygieneregeln. Andere Gruppen bieten ihre Treffen online an und sind wir nicht mittlerweile alle zu Profis im Teamen und Zoomen geworden?

Das Internet ist momentan der wohl wichtigste Weg, unsere Community zusammenzuhalten. Das neue lesbisch-queere Zentrum LeZ erarbeitet in einem Online-Workshop Ende November Möglichkeiten, wie sich Interessierte dort einbringen können und bietet eine Online-Führung durch die Räume an. LeTRa hat rund um ihr 25-jähriges Jubiläum auf ihrer Homepage Meilensteine aus einem Vierteljahrhundert Lesbenberatungsarbeit zusammengestellt und die Männer*-Akademie des Sub findet als Livestream statt.

Ein schönes Beispiel, wie die Community auch virtuell Zeichen setzen kann, war der diesjährige TDoR, der Transgender Day of Remembrance, wo wir am 20. November der Opfer trans*-feindlicher Gewalt gedenken. Die Münchner Trans*-Vereine und -gruppen haben gemeinsam vielfältige Online-Aktionen auf den Weg gebracht und damit vermutlich mehr Aufmerksamkeit erreicht als in den vergangenen Jahren. Wer von Euch hatte denn nicht das TDoR-Banner mit den Trans*-Farben auf dem Facebook-Profil? In diesem Spirit sollten wir unbedingt weitermachen!

Die Vorbereitungen für den CSD 2021 sind bereits gestartet und eines der Highlights ist in jedem Jahr die Suche nach einem Motto, dass unsere Münchner Community repräsentiert und unsere Themen ins Rampenlicht stellt. Hier können wie immer alle Menschen mitmachen, aber da der Prozess etwas anders laufen wird als üblich, wird es diesmal sicher ganz besonders spannend.

Community-Talk am 12. Dezember

Es ist nicht nötig, fertig formulierte Mottovorschläge einzureichen, sondern ihr könnt Themen benennen, die euch bewegen, politische Forderungen beschreiben, für die ihr kämpfen möchtet, oder einfach auch nur eure Gedanken zur Community und zum queerem Leben in München formulieren. Schreibt dafür bis zum 6. Dezember an 2021@csdmuenchen.de, sprecht auf die Telefon-Mailbox unter 0151-74381075 oder kontaktiert den CSD München auf Facebook, Instagram und YouTube.

Am 12. Dezember gibt es dann einen Livestream, bei dem Vertreter*innen aus der Szene mit uns allen in einem Community-Talk über die eingereichten Themen diskutieren und darauf basierend werden in einem Workshop Mottovorschläge erarbeitet, die dann in einem Online-Voting für alle zur Abstimmung zur Verfügung gestellt werden. Also nutzt die Chance und macht mit!

Lasst uns zeigen, dass wir auch unter den besonderen Bedingungen dieser Zeit mit unserem CSD Zeichen setzen. Lasst uns zeigen, dass wir nicht nur gemeinsam feiern können, sondern auch gemeinsam gestalten, diskutieren und uns in unserem Einsatz für eine offene und vielfältige Gesellschaft durch nichts aufhalten lassen.

Eure Sandra & Patricia

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Der etwas andere CSD-Samstag

Sonntag, 12. Juli 2020 - Da wir mit unserer Gruppe Trans-Ident selbst einen Demo-Spot in der Innenstadt hatten, können wir heute hauptsächlich von unseren eigenen Erfahrungen berichten. Tatsächlich aber trat Patricia nachmittags auch noch als Talk-Gast im Live Stream auf. So konnten wir auch dort einige Gespräche führen und haben im Nachgang noch ein paar Stimmen aus den Demo-Gruppen eingefangen.

Und wie war er nun, der etwas andere CSD? Noch im Regen fanden sich die einzelnen Spots zur Registrierung für die Demo am Petersplatz ein, wurden ausstaffiert mit einem Motto-Schild und einem Stapel Pride Guides. Ein freundlicher Security-Mensch eskortierte uns zu unserem Platz. Um 12 Uhr ging es dann los.

Weniger ist mehr

Noch war alles nass vom Regenschauer, der kurz zuvor auf die Innenstadt niedergeprasselt war, so dass sich der Aufbau ungemütlich anfühlte. Wir haben zwar einige Gruppen gesehen, die Equipment für einen "Pavillon light" dabei hatten, aber unser Eindruck ist, dass viele - ebenso wie wir - ein eher minimalistisches Konzept verfolgten und lediglich mit Bannern, Plakaten und Schildern bewaffnet ihre Plätze einnahmen.

Der Regen hörte langsam auf, Pride Guides und Info-Material hatten wir im gebotenen Sicherheitsabstand ausgelegt und wir waren bereit, Sichtbarkeit zu zeigen für die Community, für unsere Gruppe und unser Motto. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Passant*innen aufmerksam wurden, Fragen stellten und Infos mitnahmen.

In den drei Stunden Demo-Spot haben wir echt alles erlebt

  • Feiernde Menschen aus der Münchner Community nutzten die Gelegenheit, um in kleinen Gruppen fröhlich von Demo-Spot zu Demo-Spot zu ziehen und Hallo zu sagen. Mit ihren bunten Outfits trugen sie selbst viel zur Sichtbarkeit von LGBTI* bei.
  • Betroffene und Freund*innen kamen vorbei, die Informationen zum Thema Trans* haben wollten.
  • Interessierte Menschen außerhalb der Community ergriffen die Gelegenheit, sich zu informieren und ins Gespräch zu kommen.

Natürlich hatten wir auch Begegnungen mit Menschen, die uns – freundlich ausgedrückt – eher distanziert gegenüber standen. Allerdings konnten wir auch ihnen mit einem fröhlichen "Keine Sorge, Transidentität ist nicht ansteckend" doch noch ein Lächeln entlocken.

Alle waren nett

Die drei Stunden vergingen wie im Flug, das Wetter spielte mit, die Menschen hatten Verständnis für die coronabedingten Auflagen zum gebotenen Abstand und der Tatsache, dass wir ihnen Infomaterial und Pride Guides nicht persönlich aushändigen durften. Selbst Polizei und Security-Guards waren zu uns sehr nett, unaufdringlich.

Alles in allem waren die Demo-Spots ein voller Erfolg. Nicht nur bei uns, auch bei anderen Gruppen, deren Erfahrungen wir einfangen konnten - wie von Münchenstift, Sub, Schwestern der perpetuellen Indulgenz, SAG, Rosa Liste. Es gab sehr viele, intensive Gespräche und die einhellige Meinung war, dass das Konzept der Demo-Spots die Distanz - trotz Corona! - eigentlich verringert hat und die Menschen viel eher bereit waren, auf uns alle zuzugehen und ins Gespräch zu kommen, als dies bei der sonst üblichen Konstellation an CSD-Samstagen mit ihren eng gestellten Infozelten der Fall ist.

Ein politischer CSD

Uns hat das Ganze auf alle Fälle ermöglicht, genau das zu machen, wozu ein CSD da ist: auf die Themen der LGBTI*-Community aufmerksam machen, den Leuten zeigen, dass es uns gibt, Informationen und Hilfestellung geben und die Welt der Menschen, die vielleicht sonst gar nichts mit der Szene zu tun haben, ein wenig offener und bunter machen. Das gute Gefühl nach drei Stunden Demo-Spot war durchaus vergleichbar mit der Euphorie, die sich sonst nach drei Stunden Parade mit Musik, Menschenmengen, Winken, Bannertragen, Jubeln und free hugs einstellt.

Und was auch aufgefallen ist: Es waren sehr viele Menschen in der Stadt mit T-Shirts aus dem CSD-Support-Shop unterwegs. Sie haben nicht nur den diesjährigen Pride unterstützt, sondern gleichzeitig zur Sichtbarkeit von LGBTI* an diesem Tag beigetragen!

Live Stream – Behind the Scenes

Nach erfolgreichem und vor allem trockenem Demo-Spot ging es für uns weiter zum Live Stream. Während im LeTra für CSD-Crew und Supporter*innen ein Backstage Viewing stattfand, hat das Team im Diversity-Cafe die Talk- und Musikgäste des Live Streams vor und nach ihren Auftritten umsorgt. Und natürlich haben wir nur deshalb so viele Süßigkeiten gefuttert, weil wir so erschöpft waren vom Demo-Spot! Ist doch klar.

Rechtzeitig vor dem Auftritt hat uns jemand ins neue Lesbisch-queere Zentrum LeZ begleitet, das Studio für den Live Stream. Kurz Abpudern, Abstimmung mit Moderator Bernd Müller, dann ab in die Kulisse. Kurze Anweisung der Regie, "Es geht los in…“; schon saß man mit einem Mikrofon in der Hand auf einem Hocker, hatte mehrere Kameras vor, Bernd neben sich und einige Menschen hinter den Kulissen, die zuschauten, fotografierten oder einfach nur die Uhr um Auge behielten, damit der Talk auch in der vorgegebenen Zeit durchlief.

Es ist wirklich erstaunlich: Wo am Tag zuvor noch ein leerer Raum war, der sich nach und nach mit Kisten voll technischen Equipments füllte, stand nun eine komplette Kulisse, der mensch auf jeden Zentimeter die liebevolle Gestaltung unseres Community-Designers Frank Zuber ansah: pinke Wände, pinke Stehpulte, ein pinker Computermonitor und jede Menge Schilder, Aufkleber, Aufsteller und andere Bastelarbeiten, die vor der großen Videoleinwand dem Live Stream ihren Münchner CSD-Stempel aufdrückten.

Community-Talks zu den 14 politischen Forderungen

Und auch inhaltlich war der Live Stream einfach klasse! In über acht Stunden Programm hat die Münchner Community alle diesjährigen politischen Forderungen in Talkrunden, Einspielern und mit Grußworten erläutert und diskutiert. Die eingereichten Videoclips der vielen LGBTI*-Gruppen zogen in einer virtuellen Parade an den Zuschauenden vorüber. Es gab Musik, Infoclips, Drags, die sowohl als "Drag der Stunde" in der Kulisse live dabei waren, die aber auch während des Streams mit eigenen Showeinlagen und Infospots glänzten. Es gab immer wieder Input des Publikums aus den Social-Media-Kanälen sowie Gewinnspiele.

Sowohl vor als auch hinter der Kamera ließ der Video-Stream eine solche Professionalität spüren, dass man glatt vergessen konnte, dass es wie bei jedem CSD auch diesmal keine Profis, sondern hauptsächlich die Menschen aus der Community selbst waren, die all dies auf die Beine gestellt haben: die Beiträge zu den einzelnen Themen, die Interviews, die Moderation und vieles mehr.

Wie hat sich dieser von Corona geprägte CSD-Samstag denn nun unterschieden von den Prides der Vergangenheit? Nun, natürlich gab es keine Parade, kein Rathaus-Clubbing und insgesamt weniger Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen. Das ist absolut schade, aber unter den aktuellen Bedingungen nun mal nicht anders zu machen.

Was hatten wir stattdessen? Demo-Spots mit vielen spannenden Begegnungen, wir haben Sichtbarkeit gezeigt, unsere Themen in der Stadt präsentiert. Wir haben im Pride Guide und im Live Stream politische Forderungen diskutiert, virtuell gemeinsam gefeiert und auch die Gruppen unserer Community präsentieren können.

Wenn man bedenkt, dass der CSD Ende März sprichwörtlich vor dem Nichts stand und es fraglich war, ob es in diesem Jahr in München überhaupt einen Pride geben würde, können wir verdammt stolz darauf sein, was in dieser kurzen Zeit von den vielen Menschen rund um den CSD und aus der Szene gekommen ist. Die Münchner LGBTI*-Community hat in diesem Jahr einmal mehr bewiesen, dass wir gemeinsam Großes bewirken können und wir haben unser Motto "Gegen Hass. Bunt, gemeinsam, stark" wahrlich zum Leben erweckt!

Weniger Party, mehr Pride – ein Konzept für die Zukunft?

Wir sollten diesen Spirit und die Erfahrungen aus diesem so besonderen Jahr 2020 aber nicht einfach beiseite wischen und nächstes Jahr - wenn es denn wieder möglich sein sollte - einfach zurück zum Altbewährten gehen. Die konzeptionellen Änderungen, die uns die Coronakrise in diesem Jahr auferlegte, hatten einige, vielleicht unerwartet positive "Nebenwirkungen", die uns für die Zukunft Impulse mitgeben können, um mit unserem CSD politisch, provokant und doch fröhlich, bunt die Münchner LGBTI*-Community zu präsentieren. Deshalb: Nach dem CSD ist vor dem CSD, denken wir darüber nach. Happy Pride!

Sandra Höstermann-Schüttler und Patricia Schüttler (Text, Fotos)

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Lesbische Lesung von Sabine Brandl bei „allabendlich queer“

Freitag, 10. Juli 2020 - Die 76. Lesung bei „allabendlich queer“ im Rahmen des offiziellen Pride-Programms der Zentral- und Landesbibliothek Berlin hat den Bogen quer durch die Republik zu uns nach München geschlagen und begann nicht nur mit einem Grußwort an den CSD München, sondern auch mit einem Aufruf zur Unterstützung unserer Crowdfunding-Kampagne.

Sabine Brandl hat für die knapp 20 Teilnehmenden aus ihrem Roman "Sektflöte und Pommesgabel" vorgelesen, der eine lesbische Metalromanze erzählt rund um Alice, die nach einigen Jahren ihrer großen Liebe Joanna wiederbegegnet, und Jacky, ihrer neuen WG-Mitbewohnerin.

In der Lesung haben wir Alice und Jackie auf ein Metalfestival begleitet, wo beide das Konzert von Jackys Lieblingsband "Total Destruction" besuchen. Alle Fans grölen lauthals mit. Jacky erleben wir sowohl headbangend als auch in sich gekehrt, einmal sogar weinend bei einem Song, und Alice fühlt sich ein wenig verloren, manchmal bedrängt von den Crowdsurfern, die über sie hinweg getragen werden, bedrängt von der körperlichen Nähe fremder Menschen.

Freundschaft oder doch Liebe?

Sie kommt ins Grübeln: Von welchen Menschen würde sie sich umarmen lassen wollen? Plötzlich bekommt sie einen Tritt unters Kinn, wird ohnmächtig, wird aus der Menge gezogen, fühlt sich schwach und gleichzeitig geborgen von den Armen, die sie gerettet haben, nur um außerhalb der Menschenmenge festzustellen, dass es Jacky war, die sie mitgezogen hat. Alice und Jacky kommen sich näher, Jacky vergisst darüber den Auftritt ihrer Lieblingsband. Es gibt Berührungen, Nähe, Unsicherheit, Gefühlschaos.

Wir treffen Alice und Jacky am nächsten Festivaltag wieder. Es regnet stark, alles ist matschig, nass und dreckig, alle sind müde und kaputt. Beide sitzen im Auto auf dem Heimweg, Jacky ist eifersüchtig auf Alices große Liebe Joanna. Es kommt zum Streit, Tränen fließen, ein gesungenes Lied löst den Streit aus und ein anderes beendet ihn wieder.

In einer weiteren Szene hören wir von einer stürmischen Begegnung zwischen Alice und Joanna, wilden Emotionen, Erinnerungen. Eine Achterbahn der Gefühle und die große Frage kommt auf: Wie geht es weiter mit Alice, Jacky und Joanna? Die Auflösung dazu gibt es natürlich in "Sektflöte und Pommesgabel".

Nach der 30-minütigen Lesung gab es einen Austausch zwischen den Teilnehmenden über die soeben gehörten Passagen des Buches. Während durchaus Einigkeit darüber bestand, dass die geschilderten Szenen mitreißen, die Emotionen mitfühlen lassen und die Protagonistinnen neugierig machen auf mehr, gab es jedoch etwas Kontroversen zum Zitat: "Jeder liebt David Bowie".

Optimal für den verregneten Abend

Die Diskussion ging weiter zum Thema "Streitigkeiten im Auto" und der Frage: "Wäre die Auto-Szene in einem Hetero-Setting anders gelaufen?" Die Anwesenden streiften Erfahrungen mit Schlamm auf Metalfestivals, Lordi beim ESC, Klassik versus Metal, Netta, Dora Pesch bis hin zu ohnmächtigen Konzertbesucher*innen bei einem Michae-Jackson-Konzert.

Alles in allem also eine unterhaltsame und abwechslungsreiche Veranstaltung im Rahmen der PrideWeek und obendrein als Online-Event optimal an einem verregneten Freitagabend.

Sandra Höstermann-Schüttler (Text)

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Countdown zum CSD-Höhepunkt

Freitag, 10. Juli 2020 - Während einige von uns den heutigen Tag noch ganz alltäglich in der Arbeit, im Homeoffice, beim Shoppen oder am See verbracht haben, wurde im Lesbisch-queeren Zentrum LeZ schon fleißig gewerkelt, um den morgigen Live Stream vorzubereiten.

Ich habe mir die Vorbereitungen heute Morgen angeschaut und beobachtet, wie da geheimnisvolle Kisten transportiert, technisches Equipment herbeigeschafft, Dekomaterial vorbereitet wurde. Da haben viele Hände organisiert, koordiniert und gebastelt, allen voran Frank Zuber, der CSD-Designer.

Noch sah alles sehr leer aus: Aber wenn erstmal die Bühne und die Deko stehen und sich morgen die Münchner Community im Live Stream sprichwörtlich die Klinke in die Hand gibt - natürlich alles coronagerecht -, freuen wir uns auf spannende, lustige, nachdenkliche, unterhaltsame und queere Momente im Live Stream.

Und all denjenigen, die von den Regengüssen des vergangenen Jahres nicht genug hatten und wie unsere rasenden Reporter*innen morgen dem schlechten Wetter auf den CSD-Demo-Spots trotzen werden, wünschen wir bunte Regenschirme, wasserfestes Schuhwerk, gute Laune und viel Spaß bei der Parade der etwas anderen Art.

Happy Pride!

Stehen wir für unsere Gruppen und Vereine überall in der Innenstadt und machen wir es in diesem Jahr einfach einmal anders herum: Lassen wir die Passant*innen an uns vorübergehen und winken ihnen zu. "Gegen Hass. Bunt, gemeinsam, stark!"

Patricia Schüttler (Text, Fotos: Frank Zuber)

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Online-Event "Erben und Vererben unterm Regenbogen"

Dienstag, 7. Juli 2020 - Der coronabedingt "etwas andere CSD" bescherte uns heute eine Premiere, nämlich das erste Online-Event der PrideWeek, veranstaltet von den "SOS Kinderdörfern" zum Thema "Erben und Vererben unterm Regenbogen".

Verena Milasta und Anett Nägler sowie "Anna, der Technik-Engel", haben für die etwa zehn Teilnehmenden einen informativen Vortrag gehalten rund ums Erbrecht. Aber warum informieren die SOS-Kinderdörfer zu "Erben und Vererben"?

Komplizierte LGBTI*-Konstellationen

Immer wieder werden die SOS-Kinderdörfer mit privaten Nachlässen bedacht, oftmals sind Testamente allerdings nicht so perfekt gestaltet, dass der sprichwörtliche "letzte Wille" ganz klar sichtbar wird. Aus diesem Grund unterstützen die SOS-Kinderdörfer weltweit bereits im Vorfeld bei Fragen zur Testamentsgestaltung.

Nach einem kurzen Überblick über die Arbeit und die Ziele der SOS-Kinderdörfer ging es dann gleich zu den Fakten. So wurde mit Einführung der "Ehe für alle" auch bei erbrechtlichen Fragen eine Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften erreicht, was natürlich die testamentarische Absicherung erleichtert. Dennoch gibt es insbesondere in LGBTI*-Konstellationen vielfältige Fragen rund um das Erbrecht.

Dabei gilt es, nicht nur die gesetzliche Erbfolge zu beachten, sondern auch die Form des Testaments. So gibt es sowohl das eigenhändig, handschriftlich geschriebene Testament wie auch ein notarielles Testament, sowie ein gemeinschaftliches Testament für Ehepartner*innen oder eingetragene Lebenspartner*innen. Eine Möglichkeit zum Beispiel für unverheiratete Paare ist auch der sogenannte Erbvertrag, in dem beide ihren gemeinsamen letzten Willen vertraglich regeln können.

Welche Spuren möchte ich hinterlassen?

Bei der Verteilung des persönlichen Vermögens ist aber Achtung geboten, denn es gibt einen rechtlichen Pflichtanteil, der zum Beispiel Kindern, Enkeln, Eltern oder Lebens-/Ehepartner*innen zusteht. Und auch der Unterschied zwischen "vererben" und 'vermachen" ist wichtig, da beide Formen unterschiedliche rechtliche Auswirkungen haben.

Ein wichtiges Thema rund ums "Vererben" ist natürlich auch die Frage nach der Erbschaftsteuer, die je nach Verwandtschaftsgrad unterschiedliche Freibeträge vorsieht. Als gemeinnütziger Verein sind die SOS-Kinderdörfer weltweit jedoch von der Erbschaftsteuer befreit, so dass diese Form der Unterstützung direkt und ohne Abzüge zum Tragen kommt. Neben der Beratung im Vorfeld übernehmen die SOS-Kinderdörfer in der Abwicklung von Nachlässen genau dieselben Aufgaben, wie sie beispielsweise auch Angehörige nach dem Tod eines Menschen haben, von der Wohnungsauflösung bis hin zur Unterbringung hinterbliebener Haustiere.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen und damit auch mit der Frage, was mit dem eigenen Vermögen passieren soll, aber gerade weil die PrideWeek und der CSD nicht nur eine Feier der Vielfalt, sondern immer auch eine Feier des Lebens sind, ist dies vielleicht genau der richtige Zeitpunkt, um sich die Frage zu stellen: Welche Spuren möchte ich hinterlassen?

Sandra Höstermann-Schüttler (Text, Fotos)

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Zoobesuch – Queer als Teil der ganzen Natur

Samstag, 4. Juli 2020 - Zum Auftakt der diesjährigen PrideWeek hat Rosa-Liste-Vorstand Wolfgang Scheel einen gemeinsamen Besuch des Tierparks Hellabrunn organisiert, der ganz im Zeichen von queerem Verhalten im Tierreich stand.

Da momentan aufgrund der coronabedingten Hygienemaßnahmen keine Führungen im Münchner Tierpark angeboten werden, hat Wolfgang für das nette Grüppchen von acht Teilnehmenden kurzerhand eine sehr lehrreiche und spannende Informationsrunde am Ufer der Isar vorbereitet, bevor wir dann gemeinsam den Tierpark besucht und insbesondere die Tiere beobachtet haben, die für queere Verhaltensweisen bekannt sind.

Für Wolfgang als Historiker, Theologen und philosophisch interessierten Menschen, der dank seiner zwei asiatischen Rennmäuse auch ein privates Interesse am Tierreich hat, ist "Queerness" nicht nur ein Zeichen von Vielfalt, sondern ein Grundprinzip der Natur. Dadurch, dass jede Abweichung von der vermeintlichen Norm eine Dynamik erzeugt, ist Vielfalt ein wichtiger Impuls des Daseins.

Die Tatsache, dass auch bei Tieren queeres Verhalten beobachtet werden kann, entzieht damit der homophoben Meinung, 'Queerness" sei unnatürlich, jegliche sachliche Grundlage und dass es Wolfgang eine Herzensangelegenheit ist, nicht nur solchen Vorurteilen entgegenzutreten, sondern dass er selbst auch ein großer Tierfreund ist, machte sein lebhafter und emotionaler Vortrag mehr als deutlich.

Und was haben wir alles gelernt?

Bereits Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts haben Forscher*innen homosexuelles Verhalten bei Tieren beobachtet und im Zeitverlauf kamen immer neuere Erkenntnisse und Studien hinzu. So beschrieb ein Artikel aus dem Jahr 1900, dass bei zehn Prozent der männlichen und weiblichen Hausschafe homosexuelle und bei 20 Prozent bisexuelle Verhaltensweisen festgestellt werden konnten.

Elefanten sind dafür bekannt, dass sie ihre Rüssel gerne dafür einsetzen, Zärtlichkeiten mit gleichgeschlechtlichen Partner*innen auszutauschen und auch Löwen und Leoparden zeigen in homosexuellen Konstellationen viel Zärtlichkeit, was die Tierwärter*innen im Münchner Zoo bei den beiden männlichen Löwen bereits beschrieben haben.

Akrobatisches Petting

Das Tier mit dem vermutlich höchsten Anteil an beobachtetem queerem Verhalten ist die Giraffe. Studien zeigen, dass zirka 60 Prozent der Geschlechtsakte zwischen Tieren des gleichen Geschlechts stattfinden, manche Erhebungen legen einen noch höheren Anteil nahe.

Auch bei Affen haben die Expert*innen ähnlich hohe Prozentzahlen für lesbische Sexualakte vorgelegt, wobei zum Beispiel Orang-Utans mit teilweise sehr einfallsreichen und akrobatischen Sex-Praktiken für Erstaunen sorgen.

Auch bei Vögeln gibt es häufig queeren Austausch, insbesondere im Rahmen der Nachwuchspflege und -aufzucht. So brüten beispielsweise männliche Flamingopaare gemeinsam, bei Trauerschwänen etwa ein Viertel der Paare gleichgeschlechtlich und es soll Konstellationen geben, die wir mit "Leihmutterschaft" und "Samenspende" beschreiben würden.

Eiskalte Liebe

Pinguine sind vermutlich die Vögel, deren homosexuelles Verhalten am bekanntesten ist, und auch der Münchner Zoo hat ein schwules Pinguinpaar, das gemeinsam Junge aufzieht. Die berühmtesten schwulen Pinguine stammen aus dem New Yorker Zoo: Ihre Liebesgeschichte hat sogar den Weg in ein Kinderbuch gefunden ("Zwei Papas für Tango"). Die zwei Amerikaner sind übrigens nur ein Beispiel dafür, dass Versuche, homosexuelle Tiere voneinander zu trennen und zu heterosexuellem (Paarungs-)Verhalten zu bewegen, zum Scheitern verurteilt sind.

Aber natürlich leben und lieben Tiere nicht nur schwul, lesbisch und bisexuell; es existieren auch Trans*- und Inter*-Sexualität. Seit "Findet Nemo" kennt vermutlich jedes Kind Clown-Fische, aber nur wenigen ist geläufig, dass sie ihr Geschlecht wechseln können. Schnecken, Regenwürmer und natürlich auch viele Pflanzen besitzen oft sowohl männliche wie weibliche Geschlechtsorgane.

Bienen mögen keinen Sex

Auch Asexualität findet sich vielfach im Tierreich, man denke nur an Ameisen oder Bienen, wo mit Ausnahme der Königin der komplette Schwarm/Stamm asexuell lebt. Das Vorurteil, Homosexualität lasse die Menschheit aussterben, ist also wirklich ziemlicher Blödsinn.

Um die Vielfalt an Informationen, die uns Wolfgang mit seinem Vortrag nahe gebracht hat, dann quasi am lebenden Objekt zu studieren, haben wir im Anschluss bei unserem Zoorundgang insbesondere die Tiere besucht, von deren queerem Verhalten wir zuvor gehört hatten. Allerdings waren sie allesamt an diesem Samstag nicht recht dazu aufgelegt. Die Giraffen waren zu sehr mit Futtern beschäftigt, um ihre Hälse für queere Zärtlichkeiten einzusetzen und auch die Elefantenrüssel folgten anderen Prioritäten. Nur die beiden männlichen Löwen lagen eng aneinander gekuschelt im Schatten und haben gemeinsam ein Mittagsschläfchen gehalten.

Danke, Wolfgang

Aber auch wenn wir queeres Verhalten im Tierreich bei unserem Tierparkbesuch nicht live beobachten konnten - mal ehrlich, wenn bei Euch zuhause vor dem Sofa eine Horde Typen steht und nur darauf wartet, dass ihr miteinander kuschel -, so hat uns die Mischung aus Informationen und Zoobesuch in der Gruppe mit so vielfältigen und netten Menschen zum Auftakt der PrideWeek einen sehr schönen Tag beschert. Alle Beteiligten hatten sehr viel Spaß.

Vielen Dank an Wolfgang für die prima Vorbereitung und Organisation. Ein sehr gelungener Beitrag der Rosa Liste zur PrideWeek! Nächste Termine: 10.7., 14 Uhr, und 12.7., 12 Uhr.

Sandra Höstermann-Schüttler (Text, Fotos)

Unsere Partner*innen