Reaktionär, antifeministisch, queer-feindlich: Wie die „Demo für Alle“ das Rad der gesellschaftlichen Weiter-entwicklung zurückdrehen will.

Von Sandra Henoch

Blau und Rosa auf Fahnen, Bannern und Shirts – die Erkennungsfarben der „Demo für Alle“ sind eindeutig: Die Menschen sind männlich und weiblich, mit den ihnen zugeschriebenen Rollen. Das Bündnis hinter der „Demo für Alle“ ist immer dort besonders aktiv, wo die Lehrpläne angepasst und in den Schulen Vielfalt unterrichtet werden soll. Dann gehen die Bündnispartner auf die Straße oder treffen Politiker*innen hinter verschlossenen Türen und versuchen so, ihre Sicht der Dinge durchzusetzen.

Diese Sicht beschreibt das Bündnis mit „Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder“. Was genau die Beteiligten sich darunter vorstellen, wirkt nebulös und wird erst dann klar, wenn die ehemalige CDU-Frau Hedwig Freifrau von Beverfoerde, die sich und ihre „Initiative Familienschutz“ als Initiatorin der „Demo für Alle“ versteht, mit ihren Unterstützer*innen auf der Bühne spricht. Dann ist die Rede von „Frühsexualisierung“, „Gift der Gender-Ideologie“ und „Regeneration der Gesellschaft“. Kinder zeugen, gebären und erziehen – das können gleichgeschlechtliche Paare nach der Auffassung der „Demo für Alle“ nicht und deshalb haben sie auch kein Recht auf gleiche Rechte.

Wer steckt dahinter?
Die Liste der offiziellen Unterstützer*innen und unterstützenden Organisationen liest sich wie das Who is Who der reaktionären, christlich-konservativen, antifeministischen und LSBTI-feindlichen Kräfte Deutschlands mit weitreichenden Netzwerken. Auf einem Demo-Aufruf für München standen unter anderem der „Rettet die Familie e.V.“, dessen Sprecherin Birgit Kelle mit Thesen wie „Es ist die Rückkehr der Pädophilen, die wir gerade erleben“ und „wir Eltern sind da nur der Störfaktor“ regelmäßig als Gender-Expertin bei CDU-Veranstaltungen auftreten darf. Da wären außerdem die Christdemokraten für das Leben mit ihrer stellvertretenden Vorsitzenden Sophia Kuby. Die Tochter der Publizistin Gabriele Kuby trat bereits als Sprecherin beim „Marsch für das Leben“ auf und forderte dort die Einstellung von finanziellen Mitteln für „lebenszerstörende Techniken“, wie sie es selbst nennt; gemeint sind damit Schwangerschaftsabbrüche. Die „Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur“ zählt ebenfalls zu den unterstützenden Organisationen. Ihr Vorsitzender Mathias von Gersdorff prophezeit auf seinem Blog das Ende der Zivilehe, sollten auch homosexuelle Paare ein Recht auf die Ehe bekommen. Auch Untergruppen der CDU, wie die „Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der „CDU Rhein-Neckar“, sind aufgeführt, ebenso wie der „Konservative Aufbruch – CSU-Basisbewegung für Werte und Freiheit“. In der Vergangenheit sprachen zudem die „Christen in der AfD“ sowie die „Junge Alternative“ auf Kundgebungen. Zur bisher letzten „Demo für Alle“ in Wiesbaden haben außerdem mehrere AfD- Gruppierungen, die Rechtsaußen-Parteien „Der III. Weg“ und die NPD Hessen, die „Autonomen Nationalisten“, die „Identitäre Bewegung“ und Heidi Mund, Organisatorin der PEGIDA Frankfurt Rhein-Main, aufgerufen. Von rassistischen und antisemitischen Gruppierungen distanziert sich die „Demo für Alle“ regelmäßig öffentlich, sie will außerdem keine parteipolitische Veranstaltung sein.

Die Ursprünge der „Demo für Alle“ liegen in der „La Manif pour tous“- Bewegung in Frankreich. Wer die „Demo für Alle“ in Deutschland gründete, ist schwierig zu rekonstruieren. Im Impressum der Website steht im Moment Hedwig von Beverfoerde, vor einigen Jahren war es Sven von Storch, Ehemann der AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Auch seine Frau wird immer wieder mit der „Demo für Alle“ in Verbindung gebracht, oder sie tut es selbst. Auf einer Veranstaltung in Hamburg soll sie laut Medienberichten 2015 sogar zugegeben haben, hinter den Protesten zu stecken.

Neue Wege: Politik statt Protest
Zu den Kundgebungen der „Demo für Alle“ kommen regelmäßig mehrere hundert bis tausend Menschen. In Bayern haben die Akteur*innen einen anderen Weg der politischen Einflussnahme gewählt. Nach einigen missglückten Versuchen, eine Kundgebung in München abzuhalten, haben sich Vertreter*innen nach Ablauf des dafür vorgesehenen demokratischen Prozesses direkt mit Kultusminister Ludwig Spaenle von der CSU getroffen, um nachträglich die neuen Richtlinien für den Sexualkundeunterricht in Bayern umschreiben zu lassen. Erst nach langem Bitten gewährte Spaenle auch dem „Aktionsbündnis Vielfalt statt Einfalt“ ein Gespräch. Geholfen hat es nichts: Die „Demo für Alle“ konnte einige ihrer Forderungen durchsetzen. Das Wort „Akzeptanz“ in Verbindung mit LSBTI ist beispielsweise aus den Richtlinien verschwunden. Dieser Schachzug zeigt, wie geschickt die „Demo für Alle“ agiert und wie weit ihr Einfluss reicht. Er zeigt auch, dass die „Demo für Alle“ neue Wege sucht. So ist vor wenigen Monaten unter anderem eine bundesweite Webseite der sogenannten „Elternaktion“ aufgetaucht, mit Hedwig von Beverfoerde im Impressum. Dort werden Eltern Ratschläge gegeben, die sich gegen die Sexualerziehung in der Schule engagieren. Außerdem werden Projekte genannt, die in den Aufklärungsunterricht eingeladen werden. Die Frau hinter der „Demo für Alle“ kämpft also nicht mehr nur auf der Straße, sie sammelt Informationen über Pädagog*innen, Projekte und Aktivist*innen. Deshalb sind eine klare Positionierung und starker Gegenwind besonders wichtig.

Was tun bei Diskussionen?
Die „Demo für Alle“ arbeitet gezielt mit bestimmten Begriffen. Diese sind häufig aus dem Zusammenhang gerissen und verdreht (beispielsweise Gender) oder neu erfunden und inhaltslos (Frühsexualisierung). Es werden Ängste geschürt, Wahrheiten verdreht oder schlicht Lügen erzählt.

Deshalb: Informiere dich über die Taktiken, die die „Demo für Alle“ und andere Organisationen anwenden und schau dir die Begriffe genau an. Das „Aktionsbündnis Vielfalt statt Einfalt“ stellt dir gerne Informationen bereit und freut sich über deine Mithilfe, um der „Demo für Alle“ entgegenzutreten. Welche Begriffe nutzt die „Demo für Alle“ in ihrer Argumentation und was bedeuten sie eigentlich? Wir erklären sie in einer Übersicht.

Gender → Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie.
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Gender-Ideologie/Gender-Wahn → Kampfbegriffe zur Diffamierung der Gleichstellungsarbeit.
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Ideologie → Wertvorstellungen, die in eine Weltanschauung münden, Leitbilder.
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Gender-Mainstreaming → Die Politik, aber auch Organisationen und Institutionen, sollen jegliche Maßnahmen, die sie ergreifen möchten, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und von Männern untersuchen und bewerten sowie gegebenenfalls Maßnahmen zur Gleichstellung ergreifen.
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Frühsexualisierung → Kampfbegriff zur Diffamierung von Sexualerziehung in Kita und Grundschule.
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LSBTIQ-Lobby → Ein weiterer Kampfbegriff. Eine Lobby ist eine Gruppe von Personen, die gleiche Interessen haben und versuchen, Politiker*innen zu beeinflussen und für ihre Interessen zu gewinnen. LSBTIQ bedeutet Lesbisch, Schwul, Bi, Trans*, Inter und Queer. Demnach würde es sich also um eine Interessenvertretung für lesbische, schwule, bi, trans* und inter* Menschen handeln, die es de facto aber gar nicht gibt.
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Kindesmissbrauch → Die Ausübung von (sexueller) Gewalt gegen Kinder.
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