Ein bunter Haufen Vielfalt

Der Lesbentelefon e.V., geflüchtete Frauen und wie das Private wieder politisch wird

Von Sandra Henoch

IDAHIT, der internationaler Tag gegen Homo-, Trans*- und Inter*-Feindlichkeit (**) 2016: Eine Frau, geflohen aus Uganda, ergreift das Megafon und ruft die Community zu Solidarität auf. Solidarität mit den Menschen, die in ihren Herkunftsländern verfolgt werden, aber auch Solidarität mit jenen, die hier nach München geflohen sind und sich ein neues Leben aufbauen. Viele von ihnen sind inzwischen Teil der Community, feiern, leben und lieben in München. Der Lesbentelefon e.V. hilft ihnen, hier Fuß zu fassen.

Die Haupt- und Ehrenamtlichen im Verein hatten schon früh beschlossen, sich für geflüchtete Menschen einzusetzen. Seit 2009 engagieren sich die Mitarbeiterinnen für Lesben und Trans*-Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, die unglaublich viel erlebt haben und unglaublich viel mitbringen: ihre Ideen, ihre Erfahrungen, und ihren Mut. Miri (DJane M Murphy) und Diana Horn-Greif haben miterlebt, wie diese Menschen die Community in München bereichern und wie sich die Community verändert hat.

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Veränderungen in der Arbeit
Miri engagiert sich ehrenamtlich im Plenum des Lesbentelefon e.V., sie ist DJane und hilft bei den LeTsBar-Abenden. Für sie steht fest, dass die Szene in den vergangenen Monaten politischer geworden ist: die Kundgebung gegen die Demo für alle, die Mahnwache nach dem Anschlag auf den Nachtclub Pulse in Orlando, die vielen kleinen und großen Gesten der Solidarität mit Geflüchteten. „Die politische Lage schweißt die Menschen zusammen, viel mehr Leute werden aktiv und wollen helfen“, erklärt die DJane.

Diana hat LeTRa Lesbenberatungsstelle und Zentrum mit gegründet und ist seit vielen Jahren als Hauptamtliche und Beraterin dort tätig. Sie beobachtet die Veränderungen auch in ihrer täglichen Arbeit. „In der Szene hat sich eine Gegenbewegung zum wachsenden Rechtspopulismus gebildet. Beim Lesbentelefon e.V. leben wir Diversity als Wert, und die Community tut das auch. Unsere politischen Veranstaltungen sind gut besucht. Die Menschen interessieren sich dafür, was hier bei uns und in der Welt los ist.“ Vereine, Gruppen und Professionelle politisieren sich ebenso wie andere Teile der Community. Dabei bleiben selbstverständlich Diskussionen nicht aus. „Einige Wenige äußern sich rassistisch, fühlen sich bedroht durch die Geflüchteten. Umso wichtiger sind Aufklärungsarbeit und Veranstaltungen, aber auch Meinungsaustausch und Diskussion“, ist Diana überzeugt.

Die meisten Menschen nehmen aber durchaus positiv wahr, wie die geflüchteten Frauen die Community bereichern. „Die Frauen helfen uns beispielsweise durch die Tanzauftritte der Selbsthilfegruppe „FLIT Solidarity Africa“, sichtbar zu sein. Und genau das wollen wir: als Lesben in der Gesellschaft gesehen werden. Und sie bringen eine große Vielfalt in unsere Szene. Für uns war Diversity immer ein hoher Wert, in der Beratung, aber auch im politischen Engagement“, erklärt Diana. Die Frauen organisieren sich zum Teil selbst und stoßen Initiativen an. „Das ist toll, denn es passiert sehr viel. Für uns sind die Frauen eine absolute Bereicherung.“ Miri ergänzt: „Das sieht man auch auf den Veranstaltungen. Das jährliche Angertorstraßenfest ist eine sehr bunte Veranstaltung, viele geflüchtete Frauen und Trans*-Menschen nehmen daran teil.“ Miri schildert auch, wie sich die LeTsBar-Abende verändert haben. „Viele Besucher*innen sind sehr daran interessiert, einander kennenzulernen und Freundschaften zu knüpfen. Ich habe mit den Menschen gesprochen, die den Austausch mit den geflüchteten Frauen und mit Migrant*innen als Bereicherung sehen. Die Community zeigt sich zudem sehr solidarisch, beispielsweise gibt es auf zahlreichen Partys für geflüchtete Frauen freien Eintritt.“ Zunächst waren die Ehrenamtlichen bei den Veranstaltungen darauf hingewiesen worden, geflüchtete Frauen anzusprechen und zu integrieren, erzählt Diana. „Das ist aber überhaupt nicht nötig. Es gehen immer Frauen aufeinander zu und nehmen die Geflüchteten etwa auf Partys mit. Die Solidarität ist extrem hoch. Das zeigt sich auch am Spendenaufkommen und an den praktischen Hilfsangeboten. Im Moment sind es einzelne Helfer*innen, die beispielsweise als Szene-Pat*innen zur Verfügung stehen. Wir arbeiten allerdings daran, einen Pool von Helfer*innen aufzubauen.“ Wie groß die Bedeutung der Geflüchtetenarbeit beim Lesebentelefon e.V. ist, zeigt auch die neue Stelle, die dafür geschaffen wurde. „Die neue Kollegin kümmert sich hauptsächlich um die geflüchteten Frauen, drei weitere Berater*innen helfen ebenfalls“ erklärt Diana. „Bei fast 30 geflüchteten Klient*innen ist das auch bitter nötig. Es hat sich herumgesprochen, dass lesbische und bisexuelle Frauen sowie Trans*-Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund bei uns Unterstützung bekommen. Unterstützung heißt in diesem Zusammenhang zum Beispiel Sprachkurse und Rechtsberatung organisieren, praktische Hilfe im Asylverfahren anbieten, aber auch psychosoziale Beratung. Die Frauen sind zum großen Teil stark traumatisiert.“

Potentiale der Gesellschaft entdecken
Auch deshalb ist es so wichtig, dass die Menschen hier eingebunden sind. Die Community kann in dieser Hinsicht durchaus Vorbildcharakter haben, meint Diana. „Es gibt viel Bewegung in großen Teilen der Szene. Die LeTsBar ist meiner Meinung nach ein Best Practice Beispiel für ein Miteinander der unterschiedlichsten Menschen. Vor und hinter der Theke treffen sich Geflüchtete, Migrant*innen, Trans*-Menschen, Ur-Münchner*innen; wir sind ein wirklich bunter Haufen. Hier zeigt sich: Das Private ist politisch. Unser Miteinander ist ein Symbol dafür, dass es funktioniert.“ Das sieht Miri ganz ähnlich: „Bei unseren Veranstaltungen werden die Frauen integriert, und das sollte überall so sein. Menschen in ein Lager zu stecken ist nicht die Lösung. Die Gesellschaft muss ihr Potential entdecken und die Chancen, die damit einhergehen. Die Menschen bringen Erfahrungen und Ansichten mit, und wir können unseren Horizont erweitern. Unser Miteinander ist ein Statement gegen rechts: Aufstehen, nicht wegschauen. Für ein friedliches Miteinander!“

Dabei kann jede*r mithelfen: Informiert euch über die Veranstaltungen, gebt Informationen weiter, beteiligt euch an Aktionen oder baut selbst etwas auf. Die Räume des Lesbentelefon e.V. könnt ihr kostenlos für eure Initiativen nützen. Lebt Vielfalt gegen Rassismus, sprecht dagegen, wenn sich jemand rassistisch äußert, auch innerhalb der Community. Unterstützt die Arbeit des Lesbentelefon e.V. mit eurer Spende und bringt die Buntheit auf die Straße. Gemeinsam können wir mehr erreichen.

Spenden
Spenden, die zweckgebunden mit dem Stichwort „Flüchtlingshilfe“ an den Lesbentelefon e.V. gespendet werden, kommen in vollem Umfang geflüchteten Lesben zugute.
Lesbentelefon e.V.
IBAN: DE64701500000013138540
BIC: SSKMDEMM

(**) IDAHIT = Internationaler Tag gegen Homo-, Trans*- und Inter*-Feindlichkeit
Das Datum 17. Mai geht auf den 17. Mai 1990 zurück, als die Weltgesundheitsorganisation WHO beschloss, Homosexualität als Krankheitsdiagnose zu streichen. In Deutschland stellt das Datum auch eine Parallele zum ehemaligen Paragraphen 175 des deutschen Strafgesetzbuches dar, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Initiiert wurde der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie vom Franzosen Louis-Georges Tin. Auch in München kommen jedes Jahr Vertreter*innen vieler LSBTI-Vereine anlässlich des Internationaler Tag gegen Homo-, Trans*- und Inter*-Feindlichkeit für eine Demo auf der Müllerstraße zusammen. Abgekürzt wird er IDAHIT*, auch ohne Sternchen, IDAHO oder IDAHOT.

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