Gleich ’ne Rechte gegen Rechts?

Von Muriel Aichberger

Es wird Zeit für den CSD, der sich dieses Jahr betont politisch gibt. Und das ist wichtig. Es ist Wahljahr und AfD, „Demo für Alle“ und die „besorgniserregenden Eltern“ rüsten zur moralischen Kehrtwende. Wie wehren wir diese Angriffe ab, wie festigen wir eine vielfältige und freie Gesellschaft, die auf demokratischen Grundwerten fußt? Ein Artikel über die Macht der Solidarität und ein Plädoyer für selbstbewusstes Anders-Sein und politisches Engagement.

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Feiern, Ficken, Freunde treffen. So könnte man zusammenfassen, was ich mir als junger Mann von meinem schwulen Leben erwartet habe. Dazu gab’s – quasi als Dreingabe – gesellschaftliche Verachtung und Gewalterfahrungen unterschiedlichster Form. Ich hatte ständig Angst, entdeckt und als Schwuler „enttarnt“ zu werden. Ich hab aufgepasst, wie ich spreche, wie ich gehe, wohin ich schaue, aus Furcht vor blöden Sprüchen oder Schlägen. Ich hab damals gar nicht wirklich verstanden, dass dieser äußere Druck auch schon Gewalt ist. Selbst in Momenten ohne direkte Bedrohung war ich ständig in Alarmbereitschaft. Vorauseilender Gehorsam quasi.

Der erste CSD war wie Erwachen, mein persönliches Stonewall. Plötzlich waren da tausende Leute, denen es so ging wie mir. Das war der Beginn meiner Emanzipation. Meine Strategie war ab sofort: Raus damit! Hier bin ich! Deal with it! Natürlich stieß das auf Kritik. Zu tuntig sei ich, zu extrem, manch einer meinte gar, Leute wie ich seien der Grund, dass „die Gesellschaft“ uns nicht akzeptiert. Meine Antwort darauf war immer: „Die Gesellschaft ist der Grund, warum die Gesellschaft uns nicht akzeptiert.“ Es gab eine Menge Kritik an meiner „femininen, schwulen Art“. Ich sei doch ein Mann, dann solle ich mich auch wie ein „echter Mann“ verhalten.

Ich hab mich immer gewundert, was das sein soll, ein echter Mann? Ist der Manager oder der Arbeiter echter? Sind nur große, starke und einflussreiche Männer echt? Was ist mit Trans*männern, sind die etwa keine echten Männer? Hier kommt die Überraschung: Die Männlichkeitsforschung, die sich seit den 80er Jahren genau mit solchen Fragen beschäftigt, weiß heute, dass es den „echten Mann“ gar nicht gibt. Männlichkeit wird dargestellt, vorgespielt und schon ein Wort wie Schwuchtel, Tunte oder Mädchen kann sie einem rauben. Wir stehen unseren Mann, solange bis wir heulen, das tun wir nämlich wie ein Mädchen. Der Mann muss, um gesellschaftlich anerkannte Männlichkeit zu verkörpern, ständig peinlichst genau darauf achten, ja nichts zu tun, was ihm als unmännlich ausgelegt werden kann, und er muss ununterbrochen beweisen, was er alles nicht ist, nämlich schwul und feminin. In der schwulen Welt kennen wir dieses Schauspiel als „Straightacting“. Möglichst „hetero-like“ wirken, möglichst ein Schwuler sein, dem „man das gar nicht angesehen hätte“. Der Straightactor will, wenn er schon als Schwuler von Ausgrenzung bedroht ist, diese doch möglichst gering halten. Er will ein „echter Mann“ sein dürfen und nicht in Sippenhaft genommen werden mit den Frauen und den femininen Schwulen. So weit so nachvollziehbar. Normal™ ist das neue „Prädikat wertvoll“, und da beginnt das Problem. Es geht nämlich überhaupt nicht darum, dass alle Schwulen zu Tunten mutieren müssten oder dass alle Trans*männer ihr Passing aufgeben. Es geht darum zu begreifen, dass das Private politisch ist. Wer die eigene Abweichung maximal versteckt, schneidet sich am Ende ins eigene Fleisch. Es geht darum, Bündnisse zu schmieden, gleiche Rechte zu fordern und nicht vereinzelt zu verzweifeln. Das Fordern gleicher Rechte und der Kampf gegen Diskriminierung sind zu einem großen Teil eine Frage von persönlichem Engagement und Identifikation. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.

Immer noch liegt aufgrund gesellschaftlicher Ächtung die Selbstmordrate bei homosexuellen und trans* Jugendlichen weit höher als bei anderen, und es scheint in der Politik kein Bewusstsein dafür zu existieren, dass die juristische Gleichstellung von homosexuellen Beziehungen und von Trans*- und Inter-Personen ein massiver Schritt zur Senkung dieser bitteren Zahlen wäre. Der Erfolg solcher politischer Mittel ist bereits nachgewiesen. Im Februar 2017 hat die Amercian Medicals Association eine Studie veröffentlicht, die belegt, dass die Einführung der Ehe für alle in den USA zu einem massiven Rückgang der Selbstmordrate bei LSBTI-Jugendlichen geführt hat. Es ist also eine bewiesene Tatsache, dass gleiche Rechte für alle ein bedeutsamer Schritt für eine offene, inklusive Gesellschaft sind. Wenn diese Rechte nicht gewährt werden, dann heißt es weiterhin „wir gegen die“, die Normalen gegen die Abnormalen, dann gibt es weiterhin eine Unterscheidung zwischen wertvollen und wertlosen Menschen. Das ist im tiefsten Kern menschenverachtend und öffnet rechter Logik und rechtem Gedankengut Tür und Tor. Wenn Politiker*innen heute also immer noch darüber diskutieren, ob diese Gesetze verabschiedet werden, dann diskutieren sie eigentlich – das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden –, ob alle Menschen gleichwertig sind. Und da drängt sich mir die Frage auf, warum wir das nicht längst unter dem Aspekt der Menschenrechte diskutieren? Warum kämpfen Aktivist*innen seit Jahrzehnten für die Gleichstellung der Partner*innenschaften? Oder – um ein noch deutlicheres Beispiel anzuführen – warum mussten die nach § 175 Verurteilen seit bald 50 Jahren um ihre Rehabilitation kämpfen, während aus der Politik immer nur Lippenbekenntnisse kamen?

Es ist den Politiker*innen in diesem Land ganz klar der Vorwurf zu machen, dass eine Haltung des Abwägens und Abwiegelns in Fragen der Menschlichkeit dazu geführt hat, dass Dinge wieder sagbar werden, die wir für überwunden hielten. Es gibt keinen Grund, Menschen ihr Recht auf die Anerkennung ihrer Liebe oder ihrer Geschlechtsidentität zu verwehren. Politiker*innen, die sich hier nicht klar positionieren, machen sich zu Komplizen der Rechten. Eine echte Lösung muss eine Mischung sein aus solidarischem individuellem Engagement und einem klaren Bekenntnis der Politik und Gesetzgebung zu einem friedlichen und vielfältigen Miteinander. ’Cause when the kids stand united they will never be divided.

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