Gay Refugees im Sub – Neue Heimat


Von Bernd Müller

Die Begeisterung zu Beginn
Wir alle haben die Bilder aus dem Herbst 2015 noch im Kopf: Hunderte Münchnerinnen und Münchner begrüßen täglich Geflüchtete am Hauptbahnhof, die zu dieser Zeit in großer Anzahl nach Deutschland kommen. Doch wenn sich die erste Begeisterung gelegt hat, wird der Blick frei darauf, was wirklich wichtig ist: Diesen Menschen eine neue Heimat zu bieten – sie also nicht nur unterzubringen, sondern sie zu einem Teil unserer Gesellschaft zu machen. Das gilt natürlich auch für die queeren Geflüchteten, die zwar nicht erst seit Herbst 2015 zu uns kommen, seitdem aber verstärkt. Sie zu unterstützen und bei der Eingliederung in eine ihnen meist völlig fremde Welt zu helfen, ist eine der größten Herausforderungen, die die hiesige Szene zu bewältigen hat.

In der Münchner Community haben sich einige Gruppen und Institutionen dieses Themas angenommen. Ihr gemeinsamer Auftritt ist unter dem Label „Queer Refugees Munich“ zu finden. In diesem Rahmen spielt das schwule Zentrum Sub eine besonders wichtige Rolle. In dessen Gruppe  „Gay Refugees@Sub“ sind derzeit rund 35 Freiwillige aktiv, die 70 Geflüchtete unterstützen. Sie kommen vor allem aus Syrien, Afghanistan und afrikanischen Staaten wie Uganda und Nigeria, in denen der Verfolgungsdruck besonders hoch ist. Die meisten haben eine monatelange Flucht aus ihrer Heimat hinter sich – eine Flucht, die ihre Spuren hinterlässt. „Wer über den Balkan oder das Mittelmeer zu uns kommt, ist in jeder Hinsicht mitgenommen“, weiß Thomas Michel, der sich in der Gruppe engagiert. Viele Geflüchtete sind nicht nur in ihren Heimatländern bedroht und während ihrer Flucht schlecht behandelt worden – auch in Deutschland fällt es ihnen schwer, offen zu leben, denn in Unterkünften oder den Communitys ihrer Herkunftsländer herrscht oft ein homophobes Klima. Hinzu kommt: Die Verfolgung bewirkt oft eine starke verinnerlichte Homophobie. Zunächst muss also nicht nur das Trauma des Heimatverlusts bewältigt, sondern auch der Weg zu Selbstachtung und zu (schwulem) Selbstbewusstsein geebnet werden.

Es ist also viel zu tun für diese Menschen. An erster Stelle stehen juristische Beratung, vor allem die Begleitung durch den Asylprozess. Aber auch ein Aufarbeiten des Erlebten durch psychosoziale Hilfe und die Unterstützung bei der Anbindung an die Community gehören dazu. Und natürlich: Sprachkurse. Ohne sie ist Leben und Arbeit in Deutschland und somit eine stabile Bleibeperspektive nicht möglich. Auch hier macht das Sub zusammen mit dem lesbischen Zentrum LeTRa seit einigen Jahren niedrigschwellige Angebote. Sicher: Nicht alle nehmen die Hilfe von Institutionen in Anspruch. „Wer hübsch ist und unter 30 findet durch soziale Netzwerke und Online-Datingplattformen schnell privaten Anschluss“, sagt Thomas Michel – nicht ganz ohne süffisanten Unterton.

Get Together mit Kaffee und ein Gratis-Couponheft
Wichtiger Anlaufpunkt für schwule Refugees ist übrigens das „Get Together“, das jeden ersten Samstag im Monat im Café des Sub stattfindet. Ab 16 Uhr treffen sich Geflüchtete, ihre Mentoren und Freunde bei Gratis-Kaffee und -Gebäck zum Gedanken- und Informationsaustausch oder einfach, um miteinander eine gute Zeit zu verbringen. Hier erhalten die Geflüchteten auch ein Couponheft mit rund 50 Gutscheinen, vergleichbar mit dem Bonheft der Magic Bar Tour. Es bietet ihnen viele Gratisangebote – etwa freie Mitgliedschaft im Sportverein Team München, Zutritt zu Kulturveranstaltungen, Sauna- oder Kneipenbesuchen –, womit sie ein Stück Münchner (Szene-)Leben erfahren sollen.

Auch Frust macht sich breit
Trotz aller positiven Entwicklungen und angesichts des großen Engagements, das viele beweisen, ist ein Idealist und Kämpfer wie Thomas Michel oft frustriert, wegen Verwaltung und Bürokratie, aber auch wegen des Desinteresses der Szene: „Wir sind zeitlich noch so nah dran an unserer eigenen Verfolgungsgeschichte – da kann ich nicht begreifen, wie egal manchen das Schicksal heutiger schwuler Geflüchteter ist. In meinem kleinen Heimatdorf habe ich mehr Unterstützung erlebt als hier in der Großstadt.“ Doch Frust ist ein schlechter Begleiter in die Zukunft, das weiß natürlich auch er. Darum hofft er, möglichst schnell möglichst viele Geflüchtete in Arbeit und Beschäftigung zu bringen. „Integration geht nur über Arbeit“ ist sein Credo, doch der Freistaat werfe den Geflüchteten jede Menge Knüppel zwischen die Beine. Dabei gäbe es vor allem im IT-Bereich und in der Altenpflege derzeit besonders gute Chancen, sie zu vermitteln.

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Mentoren gesucht
Die  Refugee-Gruppe im schwulen Zentrum Sub sucht derzeit weitere Mentoren, also Freiwillige, um die Arbeit bewältigen und Geflüchtete bestmöglich unterstützen zu können. Viel Engagement, ein Stück Idealismus und auch eine gewisse Frustrationstoleranz sind gute Voraussetzungen für alle, die sich in diesem Bereich einbringen wollen. Doch der Einsatz sollte sich lohnen, denn er ist ein Einsatz für eine Gesellschaft der Zukunft, die nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Integration funktioniert.
www.rainbowrefugeesmunich.net
www.subonline.org

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