Der Blick nach Innen

Wie der Rechtspopulismus Münchens Community zusammenschweißt

Von Conrad Breyer

Politik bewegt Münchens Lesben, Schwule, Bi-Sexuelle, Trans*- und intergeschlechtliche Menschen mehr denn je. Sie fühlen sich in ihren Freiheiten bedroht. Die politische Rechte in Europa erstarkt und die Community rückt enger zusammen. Das Münchner Schwulenzentrum geht mit gutem Beispiel voran.

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HOMOPHOBIE, XENOPHOBIE, ANTISEMITISMUS UND DAS „MAN-WIRD-DOCH-NOCHMAL-SAGEN-DÜRFEN“ SIND WIEDER SALONFÄHIG GEWORDEN.

Freitagabend im Sub. Vor der Infotheke unterhält sich eine Gruppe Männer über die Wahlen in Frankreich, Donald Trump, den Krieg in der Ukraine, auch die AfD ist Thema. Ein Belgier ist dabei, ein Pole, drei Deutsche – es geht wild her. Den angenehmen Teil des Abends, so scheint es, haben die fünf bereits hinter sich. Er habe durchaus Verständnis dafür, wenn die Franzosen Le Pen wählten, sagt der Belgier. „Die hätten eben die Schnauze voll von ihren korrupten Eliten und den vielen Muslimen. Auch er wolle weiterhin in einem Land leben, in dem er als schwuler Mann schwimmen gehen kann, ohne auf Frauen im Burkini zu treffen.“ Islamophob findet das sein deutscher Freund. Der Beschuldigte wehrt sich: „Wir importieren uns hier die Homophobie doch ins Land mit den vielen Flüchtlingen.“ Darüber spreche niemand. „Warum sonst brauchen wir in München extra Unterkünfte für schwule Geflüchtete?“

Es wird bald persönlich, ein Wort gibt das andere. Als der Streit eskaliert, greift einer aus dem Kreis beschwichtigend ein, sagt, so ein Streit sei es doch nicht wert. Am Ende schauen alle beschämt in ihr halbleeres Bierglas, bis sich die Männer in den Arm nehmen. Nochmal gut gegangen. Im Sub passiert das fast jeden Abend, an der Theke, den Tischen – immer wieder kommen die Gäste im Café des Münchner Schwulenzentrums auf Politisches zu sprechen. Bei allem, was das Sub sonst so zu bieten hat an Party, Kultur, Freizeit und Selbsthilfe. Nicht immer freilich wird so leidenschaftlich gestritten. Zum Glück. Die ganze Münchner Szene ist politischer geworden, einfach, weil die Zeiten danach sind. Und viele Lesben, Schwule, Bi-Sexuelle, Trans*- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI) wollen nicht mehr bloß diskutieren, sondern etwas tun. Und verbünden sich.

Angefangen habe alles mit dem Engagement für Münchens Partnerstadt Kyiw (sprich: Kijw; russisch Kiew), sagt Christopher Knoll, der im Münchner Schwulenzentrum die psychosoziale Beratungsstelle für schwule Männer fachlich leitet. „Das war 2012 nach langer Zeit mal wieder etwas Politisches.“ Die Szene wollte etwas zurückgeben von dem, was sie selbst erreicht hatte. Allzu ruhig war es vielen geworden. Im Ausland dagegen gab es zu tun, insbesondere im Osten Europas, wo sexuelle Minderheiten bis heute unter Entrechtung, Verfolgung und Übergriffen leiden. In der Zwischenzeit aber ist viel passiert, vor allem vor der eigenen Haustür. Deutschland selbst hat jetzt die Probleme: Flüchtlingsheime brennen, die AfD feiert Wahlerfolge, vermeintlich besorgte Eltern und christliche Fundamentalisten demonstrieren auf den Straßen der Republik gegen die Homo-Ehe, gegen Aufklärung und Gleichberechtigung, weil eine „schrille Minderheit“ mit ihrer Gender-Ideologie die Familie und damit die Grundfesten unserer Gesellschaft zerstöre. Hier und da: Attacken auf Schwule, Lesben, trans* Menschen. Und so wendet sich der Blick wieder nach innen.

In Deutschland wächst mit dem Erstarken der Rechten die Angst in der Community, die hart erkämpften Freiheiten wieder zu verlieren. „Uns ist radikal klar geworden, dass unsere Rechte nicht zementiert sind“, sagt die Münchner Künstlerin Naomi Lawrence, die sich seit vielen Jahren für Menschen- und LSBTI-Rechte stark macht. „Spätestens mit Trump hat jede und jeder verstanden: Alles ist möglich.“ In ihrem Freundeskreis, der lesbischen Community, sind viele geschockt von den Entwicklungen.

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Natürlich hat das alles auch sein Gutes. Die politisierte Münchner Community schweißt der Druck von außen stärker zusammen. „Das ist allenthalben zu beobachten“, sagt der Psychologe Sascha Hübner, Berater im Sub. „Viele wollen jetzt einfach etwas machen.“

Hübner hat selbst lange vor 2012 mitgeholfen, das Sub politischer zu machen, es für Männer mit Migrationshintergrund zu öffnen und – zusammen mit der Stadt München – zu qualifizieren. Seitdem bietet die Beratungsstelle ihre Dienste in mehreren Sprachen an, es gibt Deutschkurse jeden Niveaus für Flüchtlinge und Migranten, seit 2015 die Gruppe Refugees@Sub. Vieles davon haben ehrenamtliche Helfer initiiert. 150 Männer engagieren sich im Sub und halten so den Betrieb an der Müllerstraße 14 aufrecht. Zum Vergleich: Fest angestellt ist im Schwulenzentrum nur knapp ein Dutzend Männer. „Ohne unsere Ehrenamtlichen wäre das Sub nichts“, sagt Kai Kundrath, seit April Geschäftsführer im Sub. Und so lädt die Flüchtlingsgruppe regelmäßig zum Café, begleiten Paten ihre Schützlinge in die Szene und zu den Behörden der Stadt, geben Lehrer in ihrer Freizeit Deutschunterricht für schwule Männer, die in München ein neues Leben beginnen. Die Arbeit mit Geflüchteten und Migrant*innen macht die Politisierung des Schwulenzentrums, der Community insgesamt, besonders sichtbar. In der Münchner Szene ziehen da viele an einem Strang. Mit der Lesbenberatung LeTRa zum Beispiel führt das Sub einen Deutschkonversationskurs. Fünf Jahre alt wird das Gemeinschaftsprojekt in diesem Jahr – ein Jubiläum.

Das neue Wir umfasst aber noch mehr. Wenn es um die Belange der eigenen Szene geht, schließen sich die Münchner neuerdings konsequent zusammen – es gibt viele Themen. Etliche Vereine, Organisationen und Gruppen wie Einzelpersonen sind Mitglied beim Aktionsbündnis „Vielfalt statt Einfalt“, das sich für Akzeptanz insbesondere an Schulen einsetzt, auch das Sub. Zuletzt haben die Aktivist*innen den bayerischen Bildungsminister Ludwig Spaenle getroffen, um die neuen Richtlinien für Familien- und Sexualerziehung gegen die Intervention der „Demo für Alle“ zu verteidigen – ein Teilerfolg. Auch an der Respektkampagne, zu der das Aktionsbündnis vergangenes Jahr im Vorfeld des CSD aufgerufen hatte, nahmen die wichtigsten Münchner LSBTI-Organisationen teil. Jedes Jahr machen am 17. Mai außerdem Hunderte beim Internationalen Tag gegen Homo-, Inter- und Transphobie IDAHIT mit, den in München Sub und Aids-Hilfe gemeinsam organisieren, genauer: die  Safety-Aktionsgruppe S’AG der beiden Vereine. Und selbstverständlich marschieren alle beim CSD auf, zu dem jährlich Zehntausende strömen. Dieses Jahr widmet sich der Christopher Street Day den Wahlen in Deutschland, stellt sich für „Gleiche Rechte. Gegen Rechts!“ auf. Den Einzug populistischer Parteien in den Bundestag gelte es zu verhindern, sagt Rita Braaz, Pressesprecherin des CSD. Für Akzeptanz, Vielfalt und eine rechtliche Gleichstellung sei das gefährlich, obwohl die große Mehrheit der Deutschen längst nichts mehr gegen sexuelle Minderheiten hat. Kann sich aber auch wieder ändern. Homophobie, Xenophobie, Antisemitismus, das „Man-wird-doch-nochmal-sagen-dürfen“ sind wieder salonfähig geworden, der Respekt vor anderen kommt aus der Mode. „Mit Rechts gibt es keine Zukunft“, mahnt Braaz. Nie war der Christopher Street Day politischer, nie war die Szene alarmierter. Wobei: Was heißt eigentlich Szene? Sind das nur die Vereine? Was ist mit den Restaurants, Bars und Clubs, die sich an Lesben, Schwule, Trans*leute richten? „Früher war die Szene mehr eine Einheit“, sagt Christopher Knoll vom Sub. Heute mache man oft diesen Unterschied zwischen organisierter und kommerzieller Szene. Schafft das nicht künstlich Konflikte? Es sei ja schon so, sagt Knoll, dass die Kommerziellen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, oft leider draußen seien, wenn es um politische Arbeit gehe. Viele hätten ja auch nicht mehr zu bieten als Saufen und Sex. Für Dates biete das Smartphone heute viel bessere Optionen. Verbände und Gruppen dagegen würden als soziale Orte wahrgenommen, „wo man sich mit Freunden trifft, seine Freizeit verbringt, Aktionen plant“. So gesehen müssten die Szenewirte eigentlich ihr Geschäftsmodell überdenken.

Die Politik also ohne den Wirt gemacht? Dietmar Holzapfel sieht das anders. Ihm und seinem Mann Joseph Sattler gehört die Deutsche Eiche, ein Hotel mit Restaurant und schwuler Sauna. Die zwei beteiligen sich seit Jahren an allen möglichen Initiativen. Als sie einer geschminkten Papstpuppe beim CSD 2006 mal auf jeden Finger ein Kondom gezogen haben, zum Beispiel. Da hatte die Eiche viel Ärger am Hals. Heute führen sie fast täglich Schüler und andere Gäste durch ihr Haus, schreiben Leserbriefe, unterstützen Aktivist*innen aus der Ukraine, auch Flüchtlingsgruppen und Hilfsprojekte hiesiger Bedürftiger. „Ich hoffe sehr, dass die Community aus der Erinnerung, am Rande der Gesellschaft gestanden zu haben, heute Mitgefühl und Engagement für Flüchtlinge und gegen AfD-Politik und Populisten entwickelt“, sagt Holzapfel. Er erwartet dafür auch ein bisschen mehr Solidarität aus der nicht-kommerziellen Szene. Nicht der Eiche wegen, „wegen der schwindenden Vielfalt“, so Holzapfel. Viele kleine Betriebe müssten zumachen. „Und wenn (die LSBTI-)Vereine für ihre Veranstaltungen Unterstützung brauchen. Ob sie dies dann von Nichtszenetreffs bekommen? Das sollten sie überlegen.“

Die Münchner Szene steht unter Druck, wirtschaftlich wie politisch. Vielleicht ja auch eine Chance: Der Druck von außen schafft Zusammenhalt, die Reibung innen setzt kreative Energie frei. Christopher Knoll vom Sub spricht von einem neuen Aufbruchgefühl, eines, wie er es seit vielen Jahren nicht mehr erlebt habe. Und er freut sich darüber: Nur lauter dürfe der gemeinsame Protest noch werden. Die Vertreter*innen der Münchner Community dürften in Zukunft eher noch mehr aufeinander zugehen, denn die politischen Themen werden ihnen nicht ausgehen. Leider. Streitpotenzial für so manche Bierrunde, die sich im Sub vor der Infotheke trifft. Auch weiterhin. Da hilft nur: noch mehr Miteinander.

 

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