Die neue Trans*Inter*Beratungsstelle der Münchner Aids-Hilfe

Geh deinen Weg – wir unterstützen dich dabei

Von Bernd Müller

Im Februar 2017 wurde in München ein Projekt ins Leben gerufen, dem bundesweit eine Vorreiterrolle zukommt: Die Trans*Inter*Beratungsstelle der Münchner Aids-Hilfe (TIB) nahm im Mittelbau des Aids-Hilfe-Hauses ihre Arbeit auf.

Und das mit gutem Grund: Wir alle wissen, dass in unserer Gesellschaft meist nur cis-geschlechtliche Männer und Frauen (*, zum Sternchen rechte Seite dieses Artikels) wahrgenommen werden. Andere Geschlechtlichkeiten sind fast unsichtbar und werden daher schon strukturell diskriminiert. Trotz der wachsenden Sichtbarkeit von Trans*- und Inter*Menschen und des großen Engagements von Selbsthilfevereinen werden sie vom Großteil der Bevölkerung nicht gesehen beziehungsweise offen diskriminiert, wenn sie sichtbar werden. Mit der Tabuisierung sind häufig klischeehafte Vorstellungen verknüpft, die nicht der Lebensrealität von Trans*- und Inter*Menschen entsprechen.

Wenn Trans*Personen ein Coming-out und/oder eine Transition, also den Wechsel des sozialen Geschlechts bzw. der Geschlechterrolle, anstreben, dann ergeben sich häufig sehr spezifische Fragen rund um soziale, aber auch medizinisch-rechtliche Themen. Wenn Inter*Menschen erfahren, dass sie intergeschlechtlich sind oder wenn ein intergeschlechtliches Kind geboren wird, entsteht eine Vielzahl von Fragen für die betreffenden Personen beziehungsweise ihre Angehörigen; sehr negativ wirken sich hier die Tabuisierung des Themas und oft auch mangelhafte medizinische Aufklärung aus. Für all diese Fragen gab es bisher zwar gut informierte und ausgesprochen aktive Vereine und Gruppen, aber keine offizielle soziale Einrichtung der Landeshauptstadt – mit der Trans*Inter*Beratungsstelle wurde diese Lücke nun gefüllt. Gefördert wird die TIB vom Jugendamt im Sozialreferat der Landeshauptstadt, außerdem von der Städtischen Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen.

Gut aufgehoben in der MüAH
Die Trans*Inter*Beratungsstelle wurde 2015 als Projekt der Münchner Aids-Hilfe beantragt und bereits 2016 genehmigt. Die Münchner Aids-Hilfe hat sich in den letzten Jahren als Fachorganisation für LSBTI über ihr Kernthema HIV hinaus einen Namen gemacht. So kümmert sie sich mit dem Projekt „rosaAlter“ um queere Senior*innen, berät Geflüchtete oder versorgt LSBTI in schwierigen psychischen Lagen mit ihrem „Betreutem Wohnen“ zu Hause oder in Wohngemeinschaften. Die Mitarbeiter*innen sind im Umgang mit den unterschiedlichen Aspekten der Szene und ihren sensiblen Themen vertraut – da lag es nahe, ihr auch ein Projekt für Trans*- und Inter*Menschen zu übertragen.

Ein sicherer Raum für dich
Die neue Beratungsstelle ist gleichermaßen für Trans*- und Inter*Menschen sowie deren Angehörige und Freund* innen da. „Wir verstehen die Unterschiede der beiden Themen, kennen aber auch deren Gemeinsamkeiten“, so Irena Wunsch, Leiterin der TIB. Für alle diese unterschiedlichen Anforderungen soll hier Platz sein und für jede*n individuell passende Lösungen entwickelt werden. Die TIB bietet einen Schutzraum, in dem allen Besucher*innen mit Anerkennung und Respekt begegnet wird. Ebenso beraten die Mitarbeiter*innen auch Verwandte, Freundinnen und Freunde. „Es gibt in unseren Augen nicht den einen richtigen Weg, vielmehr unterstützen wir dich dabei, deinen Weg zu finden.“

Die Trans*Inter*Beratung als Herzensangelegenheit
Als erste*r Mitarbeiter*in ist Erziehungswissenschaftler*in Robin K. Wulfert (34) ins Team der Beratungsstelle gekommen. Als Trans*Person war er*sie in Tübingen aktiv beim regionalen Netzwerk Antidiskriminierung. In München will Robin neue Strukturen etablieren, sich mit den vorhandenen Gruppen vernetzen und vor allem: Trans*- und Inter*Menschen konkrete Hilfe anbieten. Die neue Stelle ist Robin eine Herzensangelegenheit: „Mit der TIB haben wir in München eine tolle Möglichkeit und auch die Ressourcen, richtig viel für Trans*- und Inter*Menschen zu tun!“

Ein Projekt mit Zukunft
Noch steht die Trans*Inter*Beratungsstelle am Anfang ihrer Arbeit. Doch schon bald soll es ein breites Leistungsspektrum geben, das mehr als „nur“ die klassische Beratung von Trans*- und Inter*Menschen umfasst. Neben einer guten Vernetzung mit Vereinen und Selbsthilfegruppen sowie anderen Unterstützungseinrichtungen soll zudem Aufklärungsarbeit zum Abbau von Diskriminierung von Trans*- und Inter*Personen geleistet werden.

Informationen online
Alle Informationen zur Trans*Inter*Beratungs-
stelle der Münchner Aids-Hilfe finden sich auf deren Webseite unter www.trans-inter-beratungsstelle.de. Dort gibt es zusätzlich Hinweise zu aktuellen Themen und Veranstaltungen sowie ein Glossar, das den Versuch unternimmt, die Vielzahl von Begriffen zu erläutern. Ein Besuch lohnt sich also nicht nur für Betroffene, Angehörige und deren Freund*innen – und die Beschäftigung mit Trans*- und Inter*-Themen lohnt sich ohnehin für alle!

Location und Kontakt
Rat- und Hilfessuchende und deren Anghörige und Freund*innen können zu unseren Öffnungszeiten jederzeit ohne Termin vorbeischauen. Sie befindet sich im Mittelbau der Münchner Aids-Hilfe, Lindwurmstraße 71 in 80337 München. Die Zeiten sind Mo 13 bis 15 Uhr, dienstags 17 bis 19 Uhr, mittwochs 10 bis 12 Uhr und donnerstag 13 bis 15 Uhr.

____________________________________________________________________________

Kleines Trans*- und Inter*-Begriffslexikon

Trans* → Trans* ist ein Oberbegriff, der eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten und Selbstbezeichnungen umfasst. Der Begriff kann um verschiedene Endungen ergänzt werden (z.B. transsexuell, transgender...) und so die eigene Geschlechtsidentität näher beschreiben. Trans* wird als Selbst- oder Fremdbezeichnung verwendet von/für Menschen, die sich nicht oder nicht vollständig mit dem Geschlecht identifizieren, dass ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Inter* → Inter* ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl verschiedener körperlicher Merkmale, der ebenfalls um verschiedene Endungen ergänzt werden kann wie beispielsweise intergeschlechtlich, intersex. Er wird als Selbst- oder Fremdbezeichnung verwendet von/für Menschen, die sich genetisch, anatomisch oder hormonell nicht eindeutig in die Normvorstellungen von „männlich“ oder „weiblich“ einordnen lassen.

Cis-Geschlechtlichkeit → (auch Cis-Mann oder Cis-Frau) Mit der lateinischen Vorsilbe „cis-“ (=„diesseits“) werden Menschen beschrieben, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, wobei ihre Identität in der Regel nicht hinterfragt wird. Der Begriff wird analog zu „trans-“ (lateinisch für „jenseits“, „über … hinaus“) und „inter-“ (lateinisch für „zwischen“) verwendet. Damit soll deutlich gemacht werden, dass es sich bei dieser Normvorstellung nur um eine Variante von Geschlecht unter vielen handelt.

Das Sternchen → Dieses Symbol (*) dient als Platzhalter für viele mögliche Wortendungen (siehe oben). Damit soll verdeutlicht werden, dass die Begriffe trans* und inter* eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten, körperlichen Merkmalen und Selbstbezeichnung umfassen.

Unsere Partner*innen