PrideWeeks 11.-28. Juni '26
Bei der Podiumsdiskussion am gestrigen Mittwoch diskutierten neun Vertreter*innen aus der Politik mit der Community engagiert und durchaus kontrovers über Themen, die Münchens LGBTIQ* bewegen. BILDER (Mark Kamin)
München, 5. Februar 2026 – So hat man Podiumsdiskussionen selten erlebt. Als Moderator Tobi Ruhland vom Zündfunk (BR) am Mittwoch um 21.02 Uhr die Veranstaltung im NY.Club nach eineinhalb Stunden beendete, war das eine Punktlandung. Einfangs- und Schluss-Statements, jeder Diskussionsbeitrag der Gäste war zeitlich streng limitiert. Wer von den Debattand*innen länger als 60 Sekunden sprach, wurde per Glocke daran erinnert, dass die Redezeit vorbei ist.
Eingeladen waren neun queere Stadtratskandidat*innen, die in der Community aktiv sind und deren Interesse an der politischen Arbeit daraus entstanden ist, dass sie als Stadträtin* bzw. Stadtrat* mehr bewegen möchten. Zu den Gästen zählten (in alphabetischer Reihenfolge) Michèle Dermastia von der Linken, René Kaiser von der FDP, Thomas Lechner vom Bündnis Kultur, Mo Lüttig und Beppo Brem von den Grünen, Bernd Müller und Patricia Schüttler von der Rosa Liste, Ulf Schröder von der CSU und Micky Wenngatz von der SPD.
Lebhafte Diskussion, Einblicke in die Lebenswelt queerer Menschen
Mit spielerischen Elementen wie kleinen Abstimmungen im Podium und der Einbindung des Publikums über diverse Fragerunden war die Veranstaltung mit dem Titel "Aus der Community. Für die Community", die der CSD München mit Unterstützung von Sub, LesCommunity und diversity München veranstaltet hatte, ein großer Erfolg. Der Club war jedenfalls voll; viele Zuschauer*innen blieben auch nach dem offiziellen Teil noch lange vor Ort, um das Diskutierte zu vertiefen.
Inhaltlich lieferte der Abend interessante Einblicke in die Lebens- und Gefühlswelt der Münchner queeren Community. Drei Themenblöcke hatten die Veranstalter*innen zuvor festgelegt: "Szene in Zeiten des Sparzwangs", "Wie steht es um die Sicherheit in einem rauer werdenden politischen Klima" und: "Wie geht es uns als Community miteinander?". Immer wieder wurde dabei von Politik wie Community vor allem eines gefordert: Es braucht weniger Streit untereinander, aber dafür mehr Zusammenhalt, um das Erreichte zu bewahren und sich gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft zu wehren.
So sagte die Trans-Aktivistin Patricia Schüttler von der Rosa Liste: "Interne Auseinandersetzungen schwächen die Community gerade in Zeiten, in denen äußere Bedrohungen wachsen."
Angst vor dem Spardiktat
Alle wissen allerdings: Um den Münchner Haushalt ist es nicht gut bestellt. Dass die queere Infrastruktur der Stadt langfristig "eingespart" werden könnte, war eine der Hauptsorgen, die das Publikum im NY.Club äußerte. Sämtliche Kandidat*innen für die Stadtratswahl am 8. März betonten allerdings, dass bestehende Angebote erhalten bleiben sollen.
Neue Angebote dafür? Kommen eher nicht. Ob angesichts der hohen Schulden der Stadt der Traum vom geplanten Zentrum für trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen in Erfüllung gehen wird, ist mehr als fraglich.
Von der CSU sagte Ulf Schröder: "Der Münchner Haushalt steht nicht gut da. Wir müssen zumindest erhalten, was da ist." Thomas Lechner vom Bündnis Kultur entgegnete, man müsse eben neue Einnahmen generieren. Er schlägt dafür den Verzicht Münchens auf die Olympia-Bewerbung vor.
Wer schützt uns vor Gewalt?
Der zweite Block widmete sich den Themen Sicherheit, Schutz und Gewaltprävention. Einige Stadtratskandidat*innen berichteten über Angriffe im Wahlkampf. Mickey Wenngatz von der SPD sagte zum Beispiel, sie sei an ihrem Infotisch beschimpft und bespuckt worden.
Die Aggression steht exemplarisch dafür, was LGBTIQ* derzeit generell erleben. Und die Statistiken zeigen ja, dass die queerfeindlichen Übergriffe in Bayern seit Jahren ansteigen. Immerhin hat der Münchner Stadtrat sich vor einiger Zeit klar darauf festgelegt, dass nicht an sozialen Projekten gespart werden darf, wenn Leib und Leben der Münchner*innen in Gefahr sind. Dazu dürfte dann etwa auch die LGBTIQ*-Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt, Strong!, gehören (Sie wird allerdings auch mit Mitteln des Landes finanziert).
Außerdem gebe es, wie CSU-Mann Schröder betont, inzwischen einen Aktionsplan Queer; die Staatsregierung hat ihn vor Kurzem vorgestellt. Den meisten im Saal indes, etwa Mo Lüttig von den Grünen, geht dieser Plan nicht weit genug.
Kann der CSD noch unsere Anliegen vertreten?
Kontrovers diskutiert wurden auch die Veränderungen, vor der speziell der CSD in München steht. Vom Marienplatz wird der Pride dieses Jahr erstmals auf die Ludwigstraße umziehen. Der geplante "Pride Boulevard" soll der wachsenden Teilnehmer- und Besucher*innen-Zahl Herr werden; außerdem lässt sich der klar definierte Bereich besser schützen.
Aus Politik und Community äußerten einige Bedenken, die politischen Anliegen des Münchner CSD könnten so weniger sichtbar sein. Auch Kritik am vermeintlichen Pinkwashing mancher Firmen wurde laut, die am Münchner CSD jedes Jahr teilnehmen. Michèle Dermastia von der Linken forderte in dem Zusammenhang eine "Entkommerzialisierung" des Münchner CSD. Bernd Müller von der Rosa Liste konterte, er finde die Mischung aus Politik und Party gut, wie sie ist. Sponsor*innen seien wichtig, damit der CSD wachsen und sichtbarer werden könne.
Queere Repräsentation
Insgesamt benannten viele der anwesenden Politiker*innen im NY.Club die queere Präsenz im Stadtrat als Schlüssel, um dem Erstarken rechter Kräfte entgegenzutreten. "Alles hängt von den politischen Mehrheiten ab", sagte Grünen-Stadtratskandidat Beppo Brem, der bei der Gelegenheit die Rolle des scheidenden Rosa-Liste-Stadtrats Thomas Niederbühl würdigte. "Ohne seine Leistungen in den vergangenen 30 Jahren stände die Münchner Community nicht da, wo sie ist."
Die Botschaft lautet: Queere Politik braucht queere Stimmen!
Die wichtigsten Forderungen des Abends nochmal im Überblick
Seit mehr als 40 Jahren demonstrieren LGBTIQ* in München auf dem CSD für gleiche Rechte und Akzeptanz. Bei der größten Veranstaltung der Community im süddeutschen Raum, die getragen wird vom Lesbisch-Queeren Verein LesCommunity, dem Schwul-Queeren Zentrum Sub, der Münchner Aids-Hilfe, der Wähler*innen-Initiative Rosa Liste und der queeren Jugendorganisation diversity München, finden innerhalb zweier PrideWeeks mehr als 80 Veranstaltungen (2025) statt. Höhepunkte sind die PolitParade mit zuletzt 300.000 Teilnehmer- und Zuschauer*innen (2025), das zweitägige Straßenfest rund um den Marienplatz und das Party-Event RathausClubbing.
Conrad Breyer
Pressereferent CSD München
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conrad@csdmuenchen.de