PrideWeeks 11.-28. Juni '26

Forderung 02 – Hasskriminalität und Hatespeech wirksam bekämpfen!

Wir fordern den Schutz aller LGBTIQ* sowie die Entwicklung von Gegenstrategien unter Beteiligung der queeren Community.

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Foto: Mark Kamin

Interview von Robert Seiler

Ben sitzt in seinem Büro von Strong! – der Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt und denkt viel nach, wenn ich ihm die Fragen stelle. Er braucht ein bisschen Zeit, aber nach einer Weile hat er sich eingesprochen. Die Antworten kommen wie geschrieben, aber alles andere als auswendig gelernt. Man merkt, da steckt Erfahrung drin. Die Fachstelle Strong! besteht aus einer psychologischen Stelle und zwei Pädagog*innen, die sich in Sachen Queerfeindlichkeit auskennen, wie keine anderen in Bayern. Außer vielleicht der Generalstaatsanwaltschaft, mit der sie aber eng kooperieren. Die Fachstelle hat viele Möglichkeiten zu beraten, in diesem Interview geben wir euch einen kleinen Einblick.

CSD München: Viele Queers haben Gewalt erfahren, und schrecken doch davor zurück, sich bei Strong! zu melden, vielen scheint ihr Anliegen nicht wichtig genug.

Ben: Jede Diskriminierungserfahrung, die ich als queere Person mache, die mich in irgendeiner Form angreift, ist wichtig für uns. Sei es, wenn ich als Kerl in High Heels rumlaufe  oder einen Nagellack draufhabe und blöd angesprochen werde, jede „Kleinigkeit“ ist für uns groß genug. Am Ende sind es eben oft die kleinen Momente und Mikroaggressionen, die sich aufsummieren und das Fass zum Überlaufen bringen. Dann kommt ihr doch lieber vorher zu uns. Wir machen die Erfahrung, dass die meisten sich über eine lange Zeit denken: „Das geht schon irgendwie gut.“ Es kann aber so hilfreich sein über diese Momente mit einer professionellen Person zu sprechen und den Satz zu hören: „Du bist nicht Schuld, das Problem liegt bei den anderen.“  

CSD München: Was kann ich denn erwarten, wenn ich mich bei Strong! melde? Was ist euer konkretes Angebot?

Ben: Zuhören und Dasein ist das Wichtigste, den Erfahrungen und Gefühlen Raum zu geben. Wir helfen, Hassverbrechen oder herausfordernde Momente einzuordnen und zu verstehen: Was ist da mit mir gemacht worden? Oft sind es auch keine direkten Beleidigungen oder Hasskommentare, sondern sie verstecken sich hinter Komplimenten.

CSD München: Wie sensibilisieren wir Menschen genau auf diesen Punkt, dass gut gemeinte Sätze eben auch queerfeindliche Positionen beinhalten können?

Ben: Gewaltprävention ist ein riesengroßes Feld, aber in dem Beispiel mit dem Kommentar von vorher hilft gute Kommunikation. Hierbei können wir von Strong! auch helfen, zum Beispiel: wie spreche ich solche Dinge bei meinen Eltern an? Sätze, die mich immer wieder stören und verletzen. Wie finde ich Worte für das, was mich genau stört? Bei dieser Klärung unterstützen wir. Wenn du so willst: Empowerment!

CSD München: Wie kann so eine Hilfe konkret aussehen?

Ben: Wir klären die Situation genau ab, wie ist die Lage? Ist die Person geoutet, oder nicht. Dann schauen wir uns genau an, wie die Persönlichkeit ist: zurückhaltend und schüchtern oder geht sie ins Ganze und kann auch mal provokativ was in den Raum werfen. Das heißt, wir versuchen mit den Klient*innen zusammen zu klären, welches Verhalten gut zu ihnen passt. Dabei versuchen wir zu vermitteln: Es hat einen Effekt auf dich selbst und deinen Selbstwert, für dich und deine Bedürfnisse einzustehen und manche Sätze zurückzuweisen und nicht zuzulassen. Das hat viel mit Abgrenzung zu tun. Dabei werden wir mit den Klient*innen durchaus kreativ. Wenn sie das direkte Outing nicht wollen, kann zum Beispiel auch allgemein über Menschenrechte gesprochen werden: „Onkel Herbert, so wie du grade über Lesben sprichst, das ist keine Art, wie wir miteinander umgehen sollten.“ Noch einmal wichtig zu betonen ist, dass wir das immer mit den Klient*innen zusammen machen und bestmöglich auf ihre Bedürfnisse zuschneiden. Bei Vorfällen mit physischer Gewalt versuchen wir, Betroffene zu stabilisieren und über rechtliche Möglichkeiten aufzuklären. Außerdem können wir bei online Hate Speech auf kurzem Dienstweg zur Generalstaatsanwaltschaft München vermitteln und direkter nachfragen, wie der Verfahrensstand ist.

CSD München: Verschiedene Formen von Gewalt brauchen verschiedene Antworten?  

Ben:  Eine Gruppe verprügelt ein schwules Paar, da bleibt nur um Hilfe rufen, wenn möglich 110 wählen, wegrennen und bei der Polizei anzeigen. Aber auch da können wir im Nachgang unterstützen, wenn beispielsweise mit der Polizei etwas schiefläuft. Wenngleich wir da auch auf die Politik verweisen müssen, da muss mehr präventiv getan werden, dass solche Dinge gar nicht erst passieren. Doch die kleinen Momente sind für uns deswegen nicht weniger wichtig, für sich selbst lernen einzustehen und lernen, mit potenitell diskriminierenden Momenten umzugehen.

CSD München: Man kann bei Strong! anrufen, eine Mail schreiben oder das unkomplizierte Online-Kontaktformular verwenden, um Hatespeech und Gewalt zu melden. Warum ist jede Kontaktaufnahme wichtig für euch?

Ben: Einerseits sind wir politisch angebunden als Stelle an sich. Das heißt, wir sind in ganz Bayern dafür zuständig, alle LGBTIQ*-bezogenen Gewaltfälle im Blick zu haben und die offiziellen Statistiken darüber zu führen. Die bayernweiten Zahlen, die in den Medien auftauchen, kommen von uns. Und wenn wir nicht wissen, was genau passiert, dann erzeugt das ein falsches und verzerrtes Bild. Denn die politische Förderung und Forderung ist auch auf Zahlen und Statistiken gestützt. Und das führt mich zum zweiten Punkt: Wir können statistisch erfassen, wo und wann genau diese Hassverbrechen auftauchen. Wir können an Täterprofilen arbeiten. Oder wir erfassen zum Beispiel Orte: handelt es sich meistens um Verbrechen im Haushalt oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. In München ist zum Beispiel die Wiesn immer so ein neuralgischer Punkt oder der CSD selbst. Aber das ist klar: Wo Sichtbarkeit, da steckt auch immer die Gefahr der Gewaltreaktion. Leider. Jedenfalls jede Zahl und jede Information, die wir erhalten, hilft uns letztlich ein Gesamtbild zu erzeugen, das am Ende die richtigen Maßnahmen gegen diese Formen von Gewalt anzeigt.

CSD München: Kannst du die Arbeit der Fachstelle Strong! in einem Satz zusammenfassen?

Ben: Das dürfte tatsächlich eine Schwierigkeit sein, die wir seit Stunde Null haben. Und diese Schwierigkeit ist gleichzeitig eine große Stärke: Wir machen sehr viel unterschiedliche Dinge, für unterschiedliche Menschen.

CSD München: Was macht ihr denn alles?

Ben:  Die vorher erwähnte psychosoziale Beratung mit all ihren Fragen. Dann auch präventive Sachen: Wie kann ich der Gewalt im privaten Umfeld vorbeugen? Zum Beispiel Beratung zu einem sicheren Outing in einem queerfeindlichen Umfeld. Versorgung von Personen, nicht nur bei kleinen Diskriminierungen, sondern auch Opfer von großen Gewalttaten, bspw. schwerste Körperverletzung, Begleitung zu Gericht, Hilfe bei der Anzeige bei Polizei, Landeskriminalamt LKA und Staatsanwaltschaft. Wir haben viele Kooperationen, die wir gegründet haben, die uns heute helfen. Diese alle aufzuzählen, würde noch ein Interview brauchen. Das sind jetzt nur Dinge, die Betroffene angehen. Wir versorgen aber auch das soziale Umfeld oder Zeug*innen. Wie soll ich
das alles in einem Satz zusammenfassen?

CSD München: Du hast viele unterschiedliche Gruppen genannt. Eine fehlt. Die Täter*innen. Beratet ihr die auch?

Ben: Wir machen keine Täterarbeit, wobei das auch sehr sinnvoll wäre. Aber wir schaffen das von der Kapazität her nicht. Wir sind ausgelastet mit den Fällen, die uns tagtäglich erreichen. Eine Sache ist an diesem Punkt natürlich aber noch interessant: Wir beraten auch bei Gewalt innerhalb queerer Beziehungen. Das heißt, die Täter müssen nicht immer Außenstehende sein. Stell dir vor, du hast eine lesbische Person, die gegenüber seiner nichtbinären Partnerperson ständig trans*feindliche Kommentare abgibt. Natürlich machen wir in diesem Fall auch eine Beratung, auch wenn das deine Frage vielleicht grade nicht ganz getroffen hat.

CSD München: Doch, das war ein wichtiger Hinweis. Hast du noch einen Hinweis zur Prävention?

Ben: Wir machen indirekte Täterarbeit, weil wir natürlich mit Prävention zu tun haben. Das Hauptindiz aller Täterschaft ist toxische Männlichkeit. Und wenn wir nicht anfangen, Menschen und insbesondere Männer durch emotionale Arbeit zu stützen, dass sie sich mit sich selber und ihren internalisierten Bildern beschäftigen, mit ihrer Misogynie auseinandersetzen, dann wird alles nichts. Am besten startet man in der Schule damit, weil wir da den größten Einfluss haben: Da muss jeder hin und wir vermitteln es einer gesamten Generation. Aber dann braucht es auch Vorbilder in Politik und Gesellschaft, in Sport und Öffentlichkeit. Und bei den Vätern. Das ist meiner Meinung nach der Schlüssel.

CSD München: Danke für das Interview.

Ben: Vielen Dank an euch!

Forderung 01 – Queere Menschen vor Diskriminierung schützen!
Wir fordern die Ergänzung von Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes um die Merkmale sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität.

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Forderung 03 – Selbstbestimmungsgesetz (kurz SBGG) erhalten und bedarfsgerecht erweitern!
Alle trans*, inter* und nichtbinären Menschen müssen ihren Namen und ihren Geschlechtseintrag weiter selbstbestimmt wählen können.

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Forderung 04 – Abstammungsrecht anpassen an die Vielfalt der gelebten Familienformen!
Wir fordern die rechtliche gemeinschaftliche Elternschaft ab Geburt eines Kindes, unabhängig vom Geschlecht der Eltern.

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Forderung 05 – Queeren Geflüchteten Schutz gewähren!
In 60 UN-Mitgliedsländern ist Homosexualität illegal und steht unter Strafe, in zwölf Ländern droht die Todesstrafe. Wir fordern ein Recht auf Asyl für verfolgte LGBTIQ*.

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Forderung 06 – Queeren Aktionsplan Bayern verabschieden!
Wir fordern die Staatsregierung auf, schnellstmöglich einen strukturierten, finanziell abgesicherten und mit der Expertise der Community erstellten Aktionsplan vorzulegen.

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