PrideWeeks 11.-28. Juni '26

#4 – Abstammungsrecht anpassen an die Vielfalt der gelebten Familienformen!

Wir fordern die rechtliche gemeinschaftliche Elternschaft ab Geburt eines Kindes, unabhängig vom Geschlecht der Eltern.

Foto: Erwin Harbeck

Story von Bernd Müller

Die ein oder andere Träne wurde dann doch verdrückt bei diesem Treffen, an dem wir über die Geschichte dieser ganz besonderen Familie sprachen. Zu Recht: Denn wenn Katrin und Petra, Helmut und Jochen sowie ihre Kinder Lea und Lukas über ihre gemeinsame Zeit reden, bekommt man einen Eindruck davon, wie gelungen eine Regenbogenfamilie sein kann.

Aber von vorn: Diese Regenbogenfamilie ist selbst in der wahrhaft vielfältigen Welt der queeren Familien eine außergewöhnliche Konstellation. 1997 entschlossen sich ein schwules und ein lesbisches Paar gemeinsam jeweils ein Kind zu zeugen – über Kreuz, quasi. „Vorbilder gab es damals noch keine“, meint Helmut, „aber da wir alle aus der Medizin kommen, wussten wir wie es geht: Becher, Samen, Spritze, Kopfstand, fertig!“ Und so reiste im Frühjahr 1998 zunächst der erste Samen mit der Tram 27 quer durch München in die Isarvorstadt. Bereits zwei Monate später war Petra mit Lea schwanger. Bei Katrin und Helmut dauerte es zwar länger, der Plan ging aber ein zweites Mal auf: 2001 kam Sohn Lukas zur Welt. „Dann war die Familie komplett“, erzählt Katrin. Ein weiteres Kind sollte nicht dazu kommen: „Es war so schön alles, mit zwei gesunden Kindern – da wollten wir das Glück nicht herausfordern.“ Von Beginn an war man sich einig, dass die Kinder bei den Müttern aufwachsen, die Väter aber immer präsent sein sollten. Die Konstellation wurde notariell abgesichert, damit Themen wie Sorgerecht, Finanzen oder Notfälle geregelt sind. „Wir wollten, dass die Kinder immer zusammen bleiben können“, so Helmut.

„Wir haben es uns nie anders gewünscht.“

Und wie haben es die Kids erlebt? „Ich hatte nie den Eindruck, dass unsere Familie etwas Besonderes wäre“ erzählt, Lea (27), die in Magdeburg Medizin studiert. „Anders angefühlt hat es sich nicht und Probleme mit anderen Kindern oder Mitschüler*innen hat es nie gegeben, im Gegenteil: Ich fand es irre cool, so aufzuwachsen!“ Ihr Bruder Lukas (24), ebenfalls Medizinstudent, stimmt zu: „Der größte Stress war, zum Muttertag Geschenke für zwei Mütter basteln zu müssen!“ Er erinnert sich auch gern daran, mit fünf Jahren über den Christopher Street Day gelaufen und Süßigkeiten eingesammelt zu haben. „Wir haben in der Familie immer viel Zuneigung und Liebe erlebt und alle an einem Strang gezogen.“ Lea ergänzt: „Wir haben es uns nie anders gewünscht und ich hoffe, dass ich meine Kinder einmal zu ebenso offenen und respektvollen kleinen Wesen erziehen kann!“

Auch die Eltern blicken stolz auf die letzten 27 Jahre zurück: „Familie, das war und ist für mich sinnstiftend und ein tiefes Glücksgefühl“, meint Katrin. Und auch Helmut, der eigentlich mit dem Vater-Thema abgeschlossen hatte und für den diese Rolle ein „Sprung ins kalte Wasser“ war, weiß heute: „Eigene Kinder sind ein Highlight!“ Und einen Tipp zum Abschluss haben sie noch an alle LGBTIQ*, die mit dem Gedanken spielen, eine Familie zu gründen: „Kommunikation ist das A und O, ansonsten: Ran an den Speck – macht Kinder!“

„Eltern müssen empowered werden.“

Eine geglückte Story, wie man sie im Münchner Regenbogenfamilienzentrum (RFZ) nur allzu gerne hört – die aber leider nicht selbstverständlich ist. Die Fachstelle wurde 2017 als Anlaufstelle für Regenbogenfamilien in München eröffnet. Hier bieten die Mitarbeitenden Beratung, Austausch und Unterstützung für queere Eltern, Menschen mit Kinderwunsch und Familien mit vielfältigen Elternkonstellationen. Eine dieser Mitarbeitenden ist Karin Stempfhuber. Sie weiß, dass es auch heute noch immer eine besondere Herausforderung ist, eine solche Familie zu gründen: „Zu uns kommen Paare mit unterschiedlichsten Themen. Meistens geht es darum, wie man den Wunsch nach Familie realisieren kann. Dann beraten wir zu den Möglichkeiten von Adoption und Pflege bis hin zu Kinderwunschkliniken sowie zu Stiefkindadoption oder Strategien, wie man mit möglicher Diskriminierung in Kitas oder an Schulen umgeht.“

Zur Zeit wachsen in Deutschland zwischen 60.000 und 100.000 Kinder in Regenbogenfamilien auf, rund 85% davon sind Mütterfamilien. „Doch es gibt leider auch heute noch Benachteiligungen queerer Konstellationen im Vergleich zu nicht-queeren Familien“, so Stempfhuber. Daher müssen rechtliche Ungleichheiten abgebaut werden. Beispiel Abstammungsrecht: Bei einer Mütterfamilie, die eine Samenspende benötigt, muss diejenige, die nicht leibliche Mutter ist, das gemeinsame Kind adoptieren – in einer Hetero-Familie wird der Mann sofort als Vater des Kindes anerkannt. Auch für TIN*-Personen stellen sich zusätzliche Probleme: Hier gibt es noch wenig Wissen über Schwangerschaft von trans* Männern, dafür umso mehr Vorbehalte, Vorurteile und rechtliche Beschränkungen. So wird beispielsweise der*die Gebärende automatisch zur Mutter und so mit dem falschen Geschlechtseintrag und dem Deadname in die Geburtsurkunde eingetragen.

Allen Regenbogenfamilien gemeinsam ist, dass ihnen auch im Alltag die Gefahr von Diskiminierung droht, sei es aus Unwissenheit, distanzloser Neugierde oder auch generell queerfeindlichen Einstellungen. Daher geht es immer auch darum, Eltern zu empowern und stark zu machen, um sich und ihre Kinder zu schützen. „Wir haben immer versucht, anderen Paaren Mut zu machen, diesen Weg zu gehen“, meinen Katrin und Helmut. Es sei schön zu sehen, dass es heute Beratungsstellen wie das RFZ gibt, aber im Grunde sei die Entscheidung für eine Familie heute nicht leichter als früher: „Wir fürchten, dass die Erfolge durch den politischen Rechtsruck wieder ins Wanken geraten, vielleicht wird es für die Kinder sogar wieder schwieriger.“

#1 – Queere Menschen vor Diskriminierung schützen!
Wir fordern die Ergänzung von Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes um die Merkmale sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Mehr Infos

#2 – Hasskriminalität und Hatespeech wirksam bekämpfen!
Wir fordern den Schutz aller LGBTIQ* sowie die Entwicklung von Gegenstrategien unter Beteiligung der queeren Community. Mehr Infos

#3 – Selbstbestimmungsgesetz (kurz SBGG) erhalten und bedarfsgerecht erweitern!
Alle trans*, inter* und nichtbinären Menschen müssen ihren Namen und ihren Geschlechtseintrag weiter selbstbestimmt wählen können. Mehr Infos

#5 – Queeren Geflüchteten Schutz gewähren!
In 60 UN-Mitgliedsländern ist Homosexualität illegal und steht unter Strafe, in zwölf Ländern droht die Todesstrafe. Wir fordern ein Recht auf Asyl für verfolgte LGBTIQ*. Mehr Infos

#6 – Queeren Aktionsplan Bayern verabschieden!
Wir fordern die Staatsregierung auf, schnellstmöglich einen strukturierten, finanziell abgesicherten und mit der Expertise der Community erstellten Aktionsplan vorzulegen. Mehr Infos

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Seid sichtbar, solidarisch, laut, empathisch, politisch, unangepasst, menschlich, aktiv!
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